Ernst BlochDie Welt am Enterhaken

Vor fünfzig Jahren erschien Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung". Warum wir heute so nicht mehr denken können. von 

Büchertische, wie sie sich vor philosophischen Seminaren finden, sind das Grabmal des Intellektuellen und ein Gottesacker der Theorie. Hier ruhen die Denker von gestern und die großen Ideen der abgelaufenen Saison. Gleichgültig blättert darin der Wind, denn längst ist Weltgeist über sie hinweggeschritten.

Ein besonders trauriger Fall, so scheint es, ist das Prinzip Hoffnung des Philosophen Ernst Bloch , dessen dritter Band vor fünfzig Jahren im Suhrkamp Verlag erschienen ist, im selben Jahr wie Grass’ Blechtrommel, Johnsons Mutmaßungen über Jakob und Bölls Billard um halb zehn. Auf heutigen Büchertischen liegt Blochs Werk wie Blei, dabei war es in der Bundesrepublik einmal ein Bestseller, es war das Handorakel der Intellektuellen, das Brevier der Unverzagten und das fünfte Evangelium kritischer Theologen. Kaum ein Buch machte so rasch und weit über akademische Kreise hinaus Furore, kaum eines hinterließ so tiefe Spuren in der Geistesgeschichte. "Ersehnter Regen auf ausgedörrtem Land", dichtete damals ein Rezensent über das 1600-Seiten-Werk, und er meinte es ernst.

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Fünfzig Jahre sind für ein berühmtes Buch nicht viel, aber für Blochs Opus magnum eine Ewigkeit. Wer es liest, ist radikal ernüchtert – und lernt: So können wir nicht mehr denken, sein Autor, der reuige Stalinist, wohnt hinterm Mond. Die Welt hat sich nicht nur von Blochs Gedanken entfernt, nein: Sie lebt längst auf einem anderen Planeten.

"Prinzip Hoffnung" – schon bei dieser Formel zuckt der Leser zusammen. Ist es nicht eine Beleidigung, wenn man das Sublime, die menschliche Hoffnung, im Handstreich zu einem Prinzip erklärt? Und hat uns das zwanzigste Jahrhundert nicht gelehrt, dass utopische "Prinzipien" Makulatur sind, Denkerstaub von Intellektuellen, die den Vogelflug einer vergänglichen Idee mit der unvergänglichen Faktizität der Geschichte verwechseln? Auch Blochs stilistischer Posaunenton klingt wie von gestern. Prätentiös, so bemerkte damals der junge Jürgen Habermas , sei dieses Denken, stellenweise aufreizend autoritär, durch und durch spätexpressionistisch, eine Art "Schmidt-Rotluff-Philosophie", "ein quellender Wildwuchs pleonastischer Wendungen", durchzogen von einem "bruststarken Atemholen dithyrambischer Klänge". Habermas fühlte sich in seiner zwar wohlmeinenden, aber frostigen Besprechung eher an "Böcklin als an Benjamin" erinnert, an einen Idealismus im linken Gewand – an einen "marxistischen Schelling".

Es ist schwer, Blochs Prinzip Hoffnung gerecht zu werden, aber nicht nur aus sentimentalen Gründen lohnt es, an die Grundidee des Werks zu erinnern, an die Idee der "Rettung". Rettung hieß für Bloch: Der Philosoph ist wie ein Fischer am Ufer der Kulturgeschichte. Unermüdlich zieht er sein Netz durch den Strom der Überlieferung, und geduldig fängt er unerfüllte Hoffnungen ein, grundlose Sehnsüchte und frei schwebende Träume. Dieser kulturelle Strom war für Bloch der "Wärmestrom", und darin hoffte er, all das zu finden, was vom "Kältestrom", von den Brutalitäten der Ereignisgeschichte fortgespült worden war.

Sammeln, einfangen, retten, aufbewahren, aneignen – das war der explorative Geist, aus dem das karge Prinzip Hoffnung lebt. Für Bloch, und darin steckt sein treibendes Motiv, waren die kulturellen Imaginationen der Menschen genauso "real" wie seine technischen Erfindungen, sie waren keine Hirngespinste, sondern Ausdruck von Sehnsüchten, die ein Recht auf geschichtliche Einlösung haben. "Die Hoffnung ist eine Weltstelle, die bewohnt ist wie das beste Kulturland und unerforscht wie die Antarktis ." Deshalb treibt der Hoffnungsforscher mit dem "Enterhaken des philosophischen Piraten" (Adorno) auf dem Meer der Kulturgeschichte und fahndet nach ungehobenen Schätzen. Bloch, der Liebhaber Karl Mays, wandert durch die Wunschlandschaften der Mythen und Märchen, er stöbert im Metaphernhaushalt der Sagen und Abenteuer, er inspiziert die "Luftschlösser" der Operngeschichte und vernimmt im Trompetensignal von Beethovens Fidelio den Aufbruch ins lichte Morgen. Wie auf eine Perlenschnur reiht Bloch die "unabgegoltenen Verheißungen" der Menschen, und dabei fehlen weder die "Bauten Arkadiens" noch die "Aura antiker Möbel", erst recht nicht die Sozialutopien "von den hellenistischen Staatsmärchen bis zu Thomas Morus ". Die Bibel ist für Bloch ebenfalls ein Wunschprojekt, und darin hat Gott als das utopisch verklärte "Ideal des unbekannten Menschen" seinen Auftritt. So ist auch die jüdisch-christliche Religion ein schlichter Traum nach vorwärts, ein Sammlerstück in der Enzyklopädie der menschlichen Hoffnungen.

Den berechtigten Vorwurf, Bloch durchbohre den unschuldigen "Körper" der Überlieferung mit einem utopischen Richtungspfeil und missbrauche ihn für sein haltloses Projekt – diesen Vorwurf ließ er nicht gelten. Bloch wollte dem linken wie rechten Historismus ein Schnippchen schlagen, das heißt: Er wollte die Werke der Kunst nicht museal, nicht als totes Zeugnis einer toten Vergangenheit lesen, sondern messianisch – ganz so, als seien die Kunstwerke von Anfang an auf einen späteren Tag datiert worden, als verberge sich in ihnen ein utopischer Überschuss, ein Vor-Schein auf eine "bessere Welt".

Leserkommentare
  1. [Kommentar auf Wunsch der Verfasserin entfernt. /Die Redaktion pt.]

  2. [Kommentar auf Wunsch der Verfasserin entfernt. /Die Redaktion pt.]

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