Klimajahr 2009 Nachhaltig aufstrebend
Brasiliens Mittelschicht orientiert sich an der reichen Welt. Deshalb entdeckt sie nun die Ökothemen
© EVARISTO SA/AFP/Getty Images

Öko ist in: Der autofreie Tag am 22. September wurde auch in Brasilien begangen
Früher hat ihn der Anblick des Urwaldes nur geärgert. »Mato! Nichts als Unkraut!«, brummte Antonio Costa Pires, wenn er die Zebu-Rinder auf seiner Fazenda betrachtete und sein Blick dabei auf den bewaldeten Berghang gegenüber fiel. Ein unerfreuliches Stück Wildnis, mit Stacheldraht und altölgeschwärzten Pfählen abgetrennt von seiner 300-Hektar-Farm. Drinnen weiden die Buckelrinder, und nur ein paar übrig gebliebene Palmen spenden ein wenig Schatten.
Doch vor vier Wochen packte Costa Pires ein Sinneswandel: Er hat die 70 Hektar Atlantikregenwald am Rande seiner Farm gekauft – und er will ihn nicht heimlich abbrennen, wie das hier vielfach geschieht. Er lässt ihn stehen. Und hofft, dass dieser Wald ihm bald einen ebensolchen Ertrag bringen wird wie die Weideflächen für die Rinder.
Warum er den Wald jetzt schonen will? Einerseits stört ihn, dass die Quelle auf seiner Farm jeden Sommer länger versiegt. Erst für ein paar Wochen, dieses Jahr mehr als einen Monat. Wenn kein Regen kommt, dann verdörren seine Weiden unter der Tropensonne, und er muss Rinder billig verkaufen. Bäume sichern den Grundwasserspiegel, weiß er. Andererseits hört und liest er jetzt immer wieder, dass Wald Geld bringen kann. »Die Preise für Waldflächen beginnen zu steigen«, sagt Costa Pires. »Da wollte ich zuschlagen, bevor alle auf den Zug aufspringen.« Ein Großfarmer hat in der Kneipe erzählt, dass ausländische Investoren sich für seine Waldstücke interessierten.
Costa Pires ist kein Ökobauer. Die Fazenda, die er führt, ist der realisierte Lebenstraum des 55-Jährigen, der vor seiner Pensionierung Beamter einer Stromgesellschaft war. Fast alle Brasilianer teilen diesen Traum – vor allem die der Mittelschicht des Landes. Sie wollen das Leben eines reichen Rinderzüchters führen. Einen großen Pick-up-Truck fahren. Am Wochenende die Familie und Freunde zum churrasco, zum Grillen, einladen. In diesem Lebensentwurf ist wenig Platz für Waldschutz, Spritsparen oder Mülltrennung.
Das ändert sich jetzt. Neuerdings sind Umweltthemen in Brasilien wichtig geworden, gerade in der Mittelschicht. Keine Zeitung, keine Sendung kommt mehr ohne sie aus. Der TV-Sender Globo, der größte Lateinamerikas, strahlt regelmäßig Amazonas-Reportagen zur besten Sendezeit aus. Die staatlichen Kultursender zeigen Dokumentationen über Biodiversität und Nachhaltigkeit oder erklären, was das Kyoto-Protokoll bedeutet. Die führende Wirtschaftszeitung Valor Econômico bringt alle paar Wochen Specials über nachhaltiges Wirtschaften. Zwei Dutzend der brasilianischen Großkonzerne schalten darin Anzeigen.
Viele prominente Unternehmer wurden Mitglied bei den Grünen
Die Medien reagieren damit auf eine steigende Nachfrage nach Umweltthemen – dahinter steckt ein Phänomen, das man derzeit in etlichen Schwellenländern beobachten kann. Die wachsende Mittelschicht dieser Länder orientiert sich in ihrem Konsumverhalten, aber auch in ihren Werten zunehmend an der Mittelschicht in der reichen Welt. Umfragen zeigen: Vor allem bei jüngeren Brasilianern nehmen die Sorgen um die Umwelt und das nachhaltige Wirtschaften zu.
In Brasilien fordert dieser Wandel nun auch die Politik heraus. Bisher spielten grüne Themen kaum eine Rolle. Wie stark sie inzwischen geworden sind, das zeigt der Nachhall auf eine Ankündigung, die Mitte August Brasiliens Politestablishment durchrüttelte: Da erklärte eine Politikerin namens Marina Silva, sie werde aus der Arbeiterpartei (PT) des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva austreten und sie überlege, bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober nächsten Jahres für die Grünen zu kandidieren.
Die 51-Jährige ist Brasiliens international renommierteste Umweltschützerin. Sie ist in ärmlichen Verhältnissen als Kind einer Gummizapferfamilie im Amazonas-Bundesstaat Acre aufgewachsen und leidet bis heute an einer chronischen Quecksilbervergiftung. Erst als Erwachsene lernte sie lesen und schreiben. Sie war eine Mitstreiterin von Chico Mendes, dem ermordeten Anführer der Gummizapfer, und hat die brasilianische Arbeiterpartei in Acre mitgegründet. 1994 wurde sie als jüngste Senatorin nach Brasília gewählt. Lula berief sie 2003 als Umweltministerin in sein erstes Kabinett. Im Mai letzten Jahres trat sie nach fünf Jahren im Amt unter Protest gegen die marginale Rolle der Umweltpolitik in ihrer Regierung zurück – just als Präsident Lula seiner Besucherin Angela Merkel Brasilien als sanfte und grüne Weltmacht der Zukunft preisen wollte.
Tatsächlich hat sich Präsident Lula in seinen zwei Amtszeiten nie besonders für Umweltthemen starkgemacht. Und auch seine designierte Nachfolgerin, die Präsidialamtsleiterin und ehemalige Energieministerin Dilma Rousseff, hält Umweltpolitik für mehr oder weniger überflüssig. Sie setzt auf Thermokraftwerke, Atomkraft und auf neue Ölfelder für den Aufstieg Brasiliens zur Weltmacht. Wind- oder Sonnenenergie – »das ist Technik der Reichen für die Reichen«, sagt sie.

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Kaum hatte Marina Silva Anfang Oktober vage ihre Kandidatur angekündigt, da erschien bei den Grünen in São Paulo eine ungewöhnliche Truppe: die Besitzer von Klabin und Moinho Brasil, führenden Papier- und Zelluloseherstellern, der Verwalter von Brasilinvest, einem milliardenschweren Privat-Equity-Fonds, der Präsident des wirtschaftsnahen Ethik-Thinktanks Ethos. Ein Dutzend Unternehmer, alle Teil der brasilianischen Wirtschaftselite, wollten bei den Grünen Mitgliedsanträge unterschreiben. Sie alle wollten so die Frist einhalten, um in einem Jahr selbst für diese Partei bei den allgemeinen Wahlen kandidieren zu können. Auch Guilherme Leal war dabei, Kosmetikmogul und Forbes-Milliardär. Der 59-Jährige könnte als Vize für Silva kandidieren.
Das alles ist etwa so unerwartet, als wären in Deutschland der Vorstandschef der Deutschen Bank und der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Anfang der achtziger Jahre den Grünen beigetreten. Und trotzdem liegt die Sache in Brasilien etwas anders. Die brasilianischen Multis stellen eine Art Umweltavantgarde der dortigen Wirtschaft dar. Diese Konzerne arbeiten im Ausland mit internationalen Umweltstandards – und ihre Chefs glauben, dass sie die auch zu Hause einhalten müssen, wenn sie glaubwürdig und weltweit erfolgreich bleiben wollen. Sie glauben auch, dass Emissionsauflagen im Rahmen des Kyoto-Nachfolgeprotokolls eine Protektionismuswelle auslösen könnten; und sie argumentieren, dass die Unternehmen aus Ländern mit den laxesten Klimaauflagen darunter am meisten leiden könnten. Sie drängen ihre Regierung, eine nachhaltigere Klimapolitik zu betreiben. Der Ökonomie-Professor José Eli da Veiga von der Uni São Paulo sagt: »Die Mehrheit der Unternehmen reagiert schneller auf die Klimadebatte als die Regierung oder die Parteien.«
In einem »Offenen Brief an Brasilien über die Klimaveränderungen« und im »Unternehmerrat für nachhaltiges Wirtschaften« drängt eine bunte Allianz aus Konzernen wie Aracruz (Zellulose), Vale (Bergbau), Braskem und Suzano, OAS (Bau), CPFL (Stromverteiler), Wal-Mart und Pão de Açucar (Einzelhandel), Bradesco (Bank) oder Natura (Kosmetik) die Regierung dazu, bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen feste Zusagen einzugehen. Sie selbst verpflichten sich freiwillig, ihren Kohlendioxidausstoß zu reduzieren. »Sicher sind auch Opportunisten dabei, für die das Klima ein willkommenes Marketingthema ist«, sagt Carlos Rittl vom WWF Brasil. »Doch eines Tages werden auch sie an ihren Zusagen gemessen werden.«
Brasiliens Soja- und Fleischkonzerne etwa spüren schon, wie stark ihre Kunden an der Nachhaltigkeit interessiert sind. Greenpeace und andere Umweltgruppen machten ihnen mit der Kampagne »Der Amazonas brennt für unser Essen« schon vor drei Jahren massiv Druck. Die Umweltschützer dokumentierten, wie Amazonas-Soja letztlich in einer Londoner McDonald’s-Filiale als Chicken Nugget auf dem Teller der Kunden landet. Europas Einzelhandelsketten, Lebensmittelhersteller und Fast-Food-Ketten verkündeten sofort, dass sie kein Soja mehr aus Brasilien kaufen würden.
Seit drei Jahren verpflichten sich Farmer und Händler deshalb »freiwillig« dazu, keine Produkte mehr anzubieten, für deren Anbau Amazonas-Regenwald abgebrannt oder sklavenähnlich gearbeitet wird. Die Fleischkonzerne und Lederzulieferer machen das seit einigen Monaten ebenfalls. Brasilianische Konzernsprecher aus der Agrobranche, denen bis vor Kurzem noch bei Begriffen wie »Nachhaltigkeit« und »Regenwaldschutz« der Blutdruck stieg, betrachten diese Abkommen inzwischen als ganz normales Alltagsgeschäft.
»Wir wurden immer als die Irren ausgelacht«, sagt der brasilianische Umweltminister Carlos Minc. Er hat vor 24 Jahren die Grünen in Brasilien gegründet, und Mitte letzten Jahres berief ihn Präsident Lula, der inzwischen die Zeichen der Zeit erkannt hatte, in sein Kabinett. »Heute betreffen unsere angeblich verrückten Umweltthemen alle«, sagt Minc und deutet aus seinem neonbeleuchteten Büro nach draußen ins wüstenhaft heiße Brasília, das gerade den trockensten Winter seit 70 Jahren erlebt hat. Schon jetzt fehlt Wasser für die drei Millionen Einwohner im Einzugsgebiet. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie hier ein weiterer Klimawandel wirken könnte.
Der Umweltminister hat die Regierung ausgetrickst
Der neue Minister trägt eine Hippie-Weste, Lederarmbänder und Amulette. Besucher begrüßt der 58-Jährige mit einer herzlichen Umarmung. Viele rechneten damit, dass Minc am übervollen Kabinettstisch unter den 37 Ministern als Alibi-Umweltschützer verdorren würde. Sein flippiger Slang aus Rio drohte im devoten Gemurmel der Ministerriege unterzugehen.
Doch Minc überraschte alle. Er flog mit dem Hubschrauber ins Amazonas-Gebiet und konfiszierte weidende Rinder von abgebrannten Regenwaldflächen. Er schloss Sägewerke, strich Farmern ohne gültige Landtitel die Bankkredite. Minc war zeitweise fast täglich in den Medien – und sammelte die Feinde gleich dutzendweise. Die mächtige Agrarlobby tobte. Die Baukonzerne intrigierten gegen ihn. Die Amazonas-Gouverneure forderten seine Ablösung. Das halbe Kabinett grüßte ihn nicht mehr.
Nun gibt das wachsende Umweltbewusstsein in der Gesellschaft Minc Rückenwind. Er treibt jetzt die Regierung vor sich her. Vor internationalen Foren verkündete er, dass Brasilien sich verpflichten werde, die Regenwaldvernichtung freiwillig zu drosseln. Zu Hause tobte der Außenminister. Doch von der Ministerzusage konnte die Regierung schlecht wieder abrücken. Inzwischen hat Präsident Lula angekündigt, dass Brasilien sich auf Emissionsziele verpflichten will – vor einem Jahr noch völlig undenkbar.
Selbst ein professioneller Skeptiker wie Marcelo Furtado, der 45-jährige Greenpeace-Chef Brasiliens, muss zugeben, dass er überrascht ist vom schnellen Positionswechsel der Regierung in der Klimapolitik. »Bis vor Kurzem haben unsere Diplomaten allergische Attacken bekommen, wenn sie von Klimazielen sprechen mussten«, sagt Furtado. São Paulos Stadtautobahn donnert ganz in der Nähe seines bescheidenen Büros. Der kanalisierte Tietê-Fluss daneben ist biologisch tot und stinkt nach Kloake, trotz immer neuer Sanierungsmillionen.
»Brasilien gefällt sich in der Rolle der neuen Weltmacht, als wichtiger Partner im Welthandel und Mitglied der G20, als Anwärter auf einen Platz im UN-Sicherheitsrat«, sagt Furtado, der nach vier Jahren als Chemieingenieur bei Dow Chemical in den Umweltschutz wechselte. »Doch wenn es ums Klima geht, dann tauschte Lula bisher gern Krawatte und Anzug gegen ein zerrissenes Hemd und sagte: Wir sind ein armes Entwicklungsland.« Furtado fügt hinzu: »Dieses Spiel ist jetzt vorbei.«
- Datum 09.11.2009 - 10:47 Uhr
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- Serie Nachhaltigkeit
- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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Wer Brasilien langjährig kennt, der weiss, dass diese Entwicklungen, die im Text beschrieben werden, zwar begrüssenswert und fortschrittlich, jedoch nichts weiter als ein Tropfen Wasser auf den heissen Stein. Und dieser Tropfen ist bekanntermassen auch nicht nachhaltig. Weshalb? Im Text wird es immer und immer wieder betont: die Mittelschicht als solche entdeckt ihr Umweltbewusstsein, nur ist die Mittelschicht in Brasilien leider hauchdünn - der Grossteil der Bevölkerung gehört zu den Armen bzw. zur Unterschicht, und hier konnte ich weder in den zehn Jahren zuvor noch heute auch nur ansatzweise ein Umweltbewusstsein feststellen - wie auch, wenn das Gros der Menschen um Ihre tägliche Existenz kämpfen müssen. Da ist die zum Fenster hinausgeworfene Kola-Dose oder der verschmuzte Fluss das geringere Übel.
Legt man die brasilianischen Maßstäbe zur Grundlage (400 EUR Monatseinkommen), stellt die Mittelschicht bereits heute die Mehrheit der Bevölkerung Brasiliens. Und die Mittelschicht wächst weiter, wie auch die Durchschnittseinkommen. Seit 2005 haben 20 Mio. Brasilianer den lang ersehnten Aufstieg in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Was das über das Umweltbewusstsein aussagt? Eigentlich gar nichts. Brasilianische Politik wird nach wie vor durch traditionelle Eliten geformt, und diese denken zuerst opportunistisch, d.h. erst wenn sich Nachhaltigkeit und Klimaschutz rechnen, wird auch gehandelt.
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