Klimajahr 2009 Nachhaltig aufstrebendSeite 2/2

Das alles ist etwa so unerwartet, als wären in Deutschland der Vorstandschef der Deutschen Bank und der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Anfang der achtziger Jahre den Grünen beigetreten. Und trotzdem liegt die Sache in Brasilien etwas anders. Die brasilianischen Multis stellen eine Art Umweltavantgarde der dortigen Wirtschaft dar. Diese Konzerne arbeiten im Ausland mit internationalen Umweltstandards – und ihre Chefs glauben, dass sie die auch zu Hause einhalten müssen, wenn sie glaubwürdig und weltweit erfolgreich bleiben wollen. Sie glauben auch, dass Emissionsauflagen im Rahmen des Kyoto-Nachfolgeprotokolls eine Protektionismuswelle auslösen könnten; und sie argumentieren, dass die Unternehmen aus Ländern mit den laxesten Klimaauflagen darunter am meisten leiden könnten. Sie drängen ihre Regierung, eine nachhaltigere Klimapolitik zu betreiben. Der Ökonomie-Professor José Eli da Veiga von der Uni São Paulo sagt: »Die Mehrheit der Unternehmen reagiert schneller auf die Klimadebatte als die Regierung oder die Parteien.«

In einem »Offenen Brief an Brasilien über die Klimaveränderungen« und im »Unternehmerrat für nachhaltiges Wirtschaften« drängt eine bunte Allianz aus Konzernen wie Aracruz (Zellulose), Vale (Bergbau), Braskem und Suzano, OAS (Bau), CPFL (Stromverteiler), Wal-Mart und Pão de Açucar (Einzelhandel), Bradesco (Bank) oder Natura (Kosmetik) die Regierung dazu, bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen feste Zusagen einzugehen. Sie selbst verpflichten sich freiwillig, ihren Kohlendioxidausstoß zu reduzieren. »Sicher sind auch Opportunisten dabei, für die das Klima ein willkommenes Marketingthema ist«, sagt Carlos Rittl vom WWF Brasil. »Doch eines Tages werden auch sie an ihren Zusagen gemessen werden.«

Brasiliens Soja- und Fleischkonzerne etwa spüren schon, wie stark ihre Kunden an der Nachhaltigkeit interessiert sind. Greenpeace und andere Umweltgruppen machten ihnen mit der Kampagne »Der Amazonas brennt für unser Essen« schon vor drei Jahren massiv Druck. Die Umweltschützer dokumentierten, wie Amazonas-Soja letztlich in einer Londoner McDonald’s-Filiale als Chicken Nugget auf dem Teller der Kunden landet. Europas Einzelhandelsketten, Lebensmittelhersteller und Fast-Food-Ketten verkündeten sofort, dass sie kein Soja mehr aus Brasilien kaufen würden.

Seit drei Jahren verpflichten sich Farmer und Händler deshalb »freiwillig« dazu, keine Produkte mehr anzubieten, für deren Anbau Amazonas-Regenwald abgebrannt oder sklavenähnlich gearbeitet wird. Die Fleischkonzerne und Lederzulieferer machen das seit einigen Monaten ebenfalls. Brasilianische Konzernsprecher aus der Agrobranche, denen bis vor Kurzem noch bei Begriffen wie »Nachhaltigkeit« und »Regenwaldschutz« der Blutdruck stieg, betrachten diese Abkommen inzwischen als ganz normales Alltagsgeschäft.

»Wir wurden immer als die Irren ausgelacht«, sagt der brasilianische Umweltminister Carlos Minc. Er hat vor 24 Jahren die Grünen in Brasilien gegründet, und Mitte letzten Jahres berief ihn Präsident Lula, der inzwischen die Zeichen der Zeit erkannt hatte, in sein Kabinett. »Heute betreffen unsere angeblich verrückten Umweltthemen alle«, sagt Minc und deutet aus seinem neonbeleuchteten Büro nach draußen ins wüstenhaft heiße Brasília, das gerade den trockensten Winter seit 70 Jahren erlebt hat. Schon jetzt fehlt Wasser für die drei Millionen Einwohner im Einzugsgebiet. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie hier ein weiterer Klimawandel wirken könnte.

Der Umweltminister hat die Regierung ausgetrickst

Der neue Minister trägt eine Hippie-Weste, Lederarmbänder und Amulette. Besucher begrüßt der 58-Jährige mit einer herzlichen Umarmung. Viele rechneten damit, dass Minc am übervollen Kabinettstisch unter den 37 Ministern als Alibi-Umweltschützer verdorren würde. Sein flippiger Slang aus Rio drohte im devoten Gemurmel der Ministerriege unterzugehen.

Doch Minc überraschte alle. Er flog mit dem Hubschrauber ins Amazonas-Gebiet und konfiszierte weidende Rinder von abgebrannten Regenwaldflächen. Er schloss Sägewerke, strich Farmern ohne gültige Landtitel die Bankkredite. Minc war zeitweise fast täglich in den Medien – und sammelte die Feinde gleich dutzendweise. Die mächtige Agrarlobby tobte. Die Baukonzerne intrigierten gegen ihn. Die Amazonas-Gouverneure forderten seine Ablösung. Das halbe Kabinett grüßte ihn nicht mehr.

Nun gibt das wachsende Umweltbewusstsein in der Gesellschaft Minc Rückenwind. Er treibt jetzt die Regierung vor sich her. Vor internationalen Foren verkündete er, dass Brasilien sich verpflichten werde, die Regenwaldvernichtung freiwillig zu drosseln. Zu Hause tobte der Außenminister. Doch von der Ministerzusage konnte die Regierung schlecht wieder abrücken. Inzwischen hat Präsident Lula angekündigt, dass Brasilien sich auf Emissionsziele verpflichten will – vor einem Jahr noch völlig undenkbar.

Selbst ein professioneller Skeptiker wie Marcelo Furtado, der 45-jährige Greenpeace-Chef Brasiliens, muss zugeben, dass er überrascht ist vom schnellen Positionswechsel der Regierung in der Klimapolitik. »Bis vor Kurzem haben unsere Diplomaten allergische Attacken bekommen, wenn sie von Klimazielen sprechen mussten«, sagt Furtado. São Paulos Stadtautobahn donnert ganz in der Nähe seines bescheidenen Büros. Der kanalisierte Tietê-Fluss daneben ist biologisch tot und stinkt nach Kloake, trotz immer neuer Sanierungsmillionen.

»Brasilien gefällt sich in der Rolle der neuen Weltmacht, als wichtiger Partner im Welthandel und Mitglied der G20, als Anwärter auf einen Platz im UN-Sicherheitsrat«, sagt Furtado, der nach vier Jahren als Chemieingenieur bei Dow Chemical in den Umweltschutz wechselte. »Doch wenn es ums Klima geht, dann tauschte Lula bisher gern Krawatte und Anzug gegen ein zerrissenes Hemd und sagte: Wir sind ein armes Entwicklungsland.« Furtado fügt hinzu: »Dieses Spiel ist jetzt vorbei.«

 
Leser-Kommentare
  1. Wer Brasilien langjährig kennt, der weiss, dass diese Entwicklungen, die im Text beschrieben werden, zwar begrüssenswert und fortschrittlich, jedoch nichts weiter als ein Tropfen Wasser auf den heissen Stein. Und dieser Tropfen ist bekanntermassen auch nicht nachhaltig. Weshalb? Im Text wird es immer und immer wieder betont: die Mittelschicht als solche entdeckt ihr Umweltbewusstsein, nur ist die Mittelschicht in Brasilien leider hauchdünn - der Grossteil der Bevölkerung gehört zu den Armen bzw. zur Unterschicht, und hier konnte ich weder in den zehn Jahren zuvor noch heute auch nur ansatzweise ein Umweltbewusstsein feststellen - wie auch, wenn das Gros der Menschen um Ihre tägliche Existenz kämpfen müssen. Da ist die zum Fenster hinausgeworfene Kola-Dose oder der verschmuzte Fluss das geringere Übel.

  2. Legt man die brasilianischen Maßstäbe zur Grundlage (400 EUR Monatseinkommen), stellt die Mittelschicht bereits heute die Mehrheit der Bevölkerung Brasiliens. Und die Mittelschicht wächst weiter, wie auch die Durchschnittseinkommen. Seit 2005 haben 20 Mio. Brasilianer den lang ersehnten Aufstieg in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Was das über das Umweltbewusstsein aussagt? Eigentlich gar nichts. Brasilianische Politik wird nach wie vor durch traditionelle Eliten geformt, und diese denken zuerst opportunistisch, d.h. erst wenn sich Nachhaltigkeit und Klimaschutz rechnen, wird auch gehandelt.

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