Sie redet nur wegen dieses Fotos. Es beamt sie zurück in eine andere Zeit, die sie so entscheidend geprägt hat, in ein anderes Land, zurück zu der Frau, die sie einmal war. Als habe dieses Foto die Fähigkeit, das Geschwätz auszublenden und den eigenen, zugeschütteten Erinnerungskanal freizulegen.

Das Foto: Corinna Harfouch, Anfang 30 damals, sitzt im weißen Unterhemd vor einem Kaffee in der Kantine der Berliner Volksbühne, auf dem Schoß ihren kleinen Robert, anderthalb Jahre alt. Eine Momentaufnahme von 1985. Die DDR hatte noch fünf Jahre zu leben, für Corinna Harfouch begann damals ihre große Karriere. Sie sagt, sie antworte stets mit Schweigen auf all die Fragen nach Wende und DDR, Freiheit und Diktatur, "mich kotzt das alles an, weil durch diesen ganzen Rummel der eigene Blick verloren geht. Ich weiß manchmal nicht mehr, was sind meine Erinnerungen und was wird einem von außen aufgestülpt."

Ein Tag im Oktober 2009. Sie betritt wieder die Volksbühnenkantine, die nahezu unverändert aussieht. Wieder ein Fototermin, wieder das alte Motiv. Harfouch ist nun 55 Jahre alt, und es klingt nach einem abgestandenen Kompliment, doch es stimmt: Die Zeit hat ihr nichts anhaben können, jedenfalls nichts Schlechtes. Sie hat ein weißes Unterhemd angezogen, und sie hat ihren Robert mitgebracht, bei dem allerdings die Zeit durchaus Spuren hinterlassen hat. 26 Jahre ist er, groß und schlank, ein bisschen unrasiert. Er ist jetzt selbst Schauspieler, bereits mit einem Nachwuchspreis dekoriert, und Autor.

Er sagt, seine allerersten Erinnerungen hätten mit dieser Kantine zu tun. Seine Mutter, wie sie plötzlich blutüberströmt hereinkam (sie spielte die Lady Macbeth). Oder Figuren, bis zum Hals Menschen, aber mit gewaltigen Eselsköpfen. Vielleicht nicht die schlechteste Vorbereitung für ein Kind auf die Überraschungen, die das Leben bereit hält.

Corinna Harfouch sagt, sie trage bis heute Bilder von damals mit sich herum, Bilder aus der legendär gewordenen Macbeth- Inszenierung. Das Bühnenbild war ein Berliner Hinterhof, schon darum lag es nahe, politische Assoziationen in Richtung DDR als durchaus gewollt zu vermuten. Hatte doch Shakespeare den Macbeth zum Sinnbild eines skrupellosen, versteinerten Herrschers gemacht. Ganze FDJ-Trupps wurden in die Vorstellungen geschickt, um laut zu stören. "Die Beleuchter haben uns geholfen", sagt Harfouch, "indem sie die Störenfriede angestrahlt haben." Es sei so wunderbar gewesen, das Gefühl zu haben, "wir im Theater haben den Auftrag, das ganz Große zu machen". Manche Geräusche aus dieser Inszenierung höre sie heute noch, zum Beispiel ein bestimmtes Schlagen auf Metall. Oder die wunderbare Ruth Glöss in der Rolle der Pförtnerin in Macbeth’ Schloss, "niemand hat das je besser gespielt". Und ja, jung sei sie damals gewesen und sehr naiv, "und diese Naivität wünsche ich mir manchmal zurück". Als sie den Macbeth-Regisseur Heiner Müller zum ersten Mal sah, sagte sie zu ihm: "Ach, Sie sind aber klein."

Mutter und Sohn und ein Foto – nein, zwei: früher und heute. Es ist faszinierend, den beiden zuzuhören, wie sie ins Reden kommen, ihren eigenen Film starten. Einen, der nur sie betrifft. Vielleicht ist ja das auch ein Grund für den späten Siegeszug der DDR-Fotografie, für all die Ausstellungen, die Höchstpreise: Weil die Stereotypen einmal ausgeblendet werden, die den Einheitsprozess lähmend begleiten. Immer die gleichen Fragen aus dem Westen: Wie schlimm oder nicht war diese Diktatur? Wer war alles bei der Stasi? Gab es ein gutes Leben im schlechten?

Fragen, die längst zu Statements verkommen sind. Oder zu Vorwürfen: Wie sehr hat der Sozialismus die Menschen moralisch verdorben? Wie sehr hat die DDR der linken Idee geschadet? Der Osten pflegt auch sein Ritual: Anfangs mag es Jammern gewesen sein, jetzt ist da nur noch Schweigen. Was sollen wir noch erzählen, wenn ihr Westler eh schon alles wisst und sonst nichts wissen wollt?