Die andere DDR Es gab uns wirklich
Ausreisepartys und Hausbesetzungen, Miss-Wahlen und der erste Kinderladen: Das Leben in der späten DDR war ganz anders, als der Westen denkt
Sie redet nur wegen dieses Fotos. Es beamt sie zurück in eine andere Zeit, die sie so entscheidend geprägt hat, in ein anderes Land, zurück zu der Frau, die sie einmal war. Als habe dieses Foto die Fähigkeit, das Geschwätz auszublenden und den eigenen, zugeschütteten Erinnerungskanal freizulegen.
Das Foto: Corinna Harfouch, Anfang 30 damals, sitzt im weißen Unterhemd vor einem Kaffee in der Kantine der Berliner Volksbühne, auf dem Schoß ihren kleinen Robert, anderthalb Jahre alt. Eine Momentaufnahme von 1985. Die DDR hatte noch fünf Jahre zu leben, für Corinna Harfouch begann damals ihre große Karriere. Sie sagt, sie antworte stets mit Schweigen auf all die Fragen nach Wende und DDR, Freiheit und Diktatur, "mich kotzt das alles an, weil durch diesen ganzen Rummel der eigene Blick verloren geht. Ich weiß manchmal nicht mehr, was sind meine Erinnerungen und was wird einem von außen aufgestülpt."
Ein Tag im Oktober 2009. Sie betritt wieder die Volksbühnenkantine, die nahezu unverändert aussieht. Wieder ein Fototermin, wieder das alte Motiv. Harfouch ist nun 55 Jahre alt, und es klingt nach einem abgestandenen Kompliment, doch es stimmt: Die Zeit hat ihr nichts anhaben können, jedenfalls nichts Schlechtes. Sie hat ein weißes Unterhemd angezogen, und sie hat ihren Robert mitgebracht, bei dem allerdings die Zeit durchaus Spuren hinterlassen hat. 26 Jahre ist er, groß und schlank, ein bisschen unrasiert. Er ist jetzt selbst Schauspieler, bereits mit einem Nachwuchspreis dekoriert, und Autor.
Er sagt, seine allerersten Erinnerungen hätten mit dieser Kantine zu tun. Seine Mutter, wie sie plötzlich blutüberströmt hereinkam (sie spielte die Lady Macbeth). Oder Figuren, bis zum Hals Menschen, aber mit gewaltigen Eselsköpfen. Vielleicht nicht die schlechteste Vorbereitung für ein Kind auf die Überraschungen, die das Leben bereit hält.
Corinna Harfouch sagt, sie trage bis heute Bilder von damals mit sich herum, Bilder aus der legendär gewordenen Macbeth- Inszenierung. Das Bühnenbild war ein Berliner Hinterhof, schon darum lag es nahe, politische Assoziationen in Richtung DDR als durchaus gewollt zu vermuten. Hatte doch Shakespeare den Macbeth zum Sinnbild eines skrupellosen, versteinerten Herrschers gemacht. Ganze FDJ-Trupps wurden in die Vorstellungen geschickt, um laut zu stören. "Die Beleuchter haben uns geholfen", sagt Harfouch, "indem sie die Störenfriede angestrahlt haben." Es sei so wunderbar gewesen, das Gefühl zu haben, "wir im Theater haben den Auftrag, das ganz Große zu machen". Manche Geräusche aus dieser Inszenierung höre sie heute noch, zum Beispiel ein bestimmtes Schlagen auf Metall. Oder die wunderbare Ruth Glöss in der Rolle der Pförtnerin in Macbeth’ Schloss, "niemand hat das je besser gespielt". Und ja, jung sei sie damals gewesen und sehr naiv, "und diese Naivität wünsche ich mir manchmal zurück". Als sie den Macbeth-Regisseur Heiner Müller zum ersten Mal sah, sagte sie zu ihm: "Ach, Sie sind aber klein."
Mutter und Sohn und ein Foto – nein, zwei: früher und heute. Es ist faszinierend, den beiden zuzuhören, wie sie ins Reden kommen, ihren eigenen Film starten. Einen, der nur sie betrifft. Vielleicht ist ja das auch ein Grund für den späten Siegeszug der DDR-Fotografie, für all die Ausstellungen, die Höchstpreise: Weil die Stereotypen einmal ausgeblendet werden, die den Einheitsprozess lähmend begleiten. Immer die gleichen Fragen aus dem Westen: Wie schlimm oder nicht war diese Diktatur? Wer war alles bei der Stasi? Gab es ein gutes Leben im schlechten?
Fragen, die längst zu Statements verkommen sind. Oder zu Vorwürfen: Wie sehr hat der Sozialismus die Menschen moralisch verdorben? Wie sehr hat die DDR der linken Idee geschadet? Der Osten pflegt auch sein Ritual: Anfangs mag es Jammern gewesen sein, jetzt ist da nur noch Schweigen. Was sollen wir noch erzählen, wenn ihr Westler eh schon alles wisst und sonst nichts wissen wollt?
Es gibt ein Foto von 1986 mit Angela Merkel, damals arbeitete sie als Physikerin. Neben ihr sitzen ihr wissenschaftlicher Kollege Michael Schindhelm, heute Schriftsteller und Kulturmanager in Dubai, und Professor Joachim Sauer, heute Kanzlergatte. Seit Jahren bedrängen die Medien Sauer, endlich ein Interview zu geben. Offiziell heißt es, der Professor mag nicht über seine Rolle als Mann an ihrer Seite sprechen. Aber möglicherweise hat er einen ganz anderen Grund für sein Schweigen. Vielleicht mag er sich nicht auf den gesamtdeutschen Verhörstuhl begeben: Wie unfrei fühlten Sie sich in der DDR? Wie viel taugte überhaupt die DDR-Wissenschaft? Verständlich, wenn er dazu keine Lust hätte.
Es wird viel hineininterpretiert in die DDR-Fotografie, in ihre besondere Ästhetik und Intensität. Eine Menge pralles Leben ist zu sehen, eigentlich selbstverständlich, steht nur ein wenig im Kontrast zum üblichen Blick auf den angeblich so finsteren Alltag. Uns geht es darum: Diese Fotos dokumentieren, dass dieses Leben verschwunden ist. Sie holen in Erinnerung, dass im Osten nach der Wende die Lebensläufe explodiert sind, dass es der Osten ist, wo der Alltag auf den Kopf gestellt wurde, wo nichts blieb, wie es war. Im Westen explodierte nichts. Es blieb alles beim Alten. Man könnte also meinen, dass es Sache der Wessis wäre, neugierig darauf zu sein, wie es denn war in dieser untergegangenen Welt. Einfach aus Interesse, und sei es, um zu vergleichen, was nun der Unterschied ist zwischen einem Leben, das von Brüchen geprägt ist, und einem wohltemperierten Leben.
Angela Merkel, übrigens die einzige Ostdeutsche in ihrem neuen Kabinett, hat einmal gesagt: "Es ist fälschlicherweise der Eindruck entstanden, dass das Leben in der DDR und der Staat DDR gleich schlimm waren. Wir haben Weihnachten gefeiert und Ostern und Pfingsten und hatten Ärger und Streit in der Familie und Freude und Lust. Alle im Westen denken, die dort drüben müssen über die deutsche Einheit jubeln, weil ihr Leben so schrecklich war. Es fehlt im Westen häufig die Neugierde, sich über positive Erfahrungen auszutauschen. Man hat in der DDR ein Maß an Gelassenheit gelernt, wie es im Westen unbekannt ist." Und sie hat mal gesagt: "Im Westen wird nicht immer ausreichend gesehen, was die Menschen in den neuen Ländern geleistet haben und immer noch leisten." Irgendwann hat Frau Merkel aufgehört, solche Sachen zu sagen.
Macbeth und die Volksbühne. Der Film von Corinna Harfouch und ihrem Sohn geht weiter. Sie lernte bei Proben Michael Gwisdek kennen, ihren späteren Ehemann. Sie erzählt, unlängst habe sie mit Ruth Glöss gedreht, der großartigen Pförtnerin von damals. Sie habe versucht, ihre Verehrung mitzuteilen, doch so richtig gelungen sei es nicht, diese Frau habe einen Schleier der Höflichkeit um sich gelegt, durch den nicht viel durchdringe. Harfouch sagt, alles was sie könne, habe sie diesen ersten Jahren im Theater zu verdanken, erfahrenen Schauspielerkollegen, Leuten wie Heiner Müller. Nein, sie habe sich nicht unfrei in der DDR gefühlt, ihr Reich sei das Theater gewesen, "dieser großartige Raum für die ganz großen Dinge". Nach der Wende habe sie manchmal Probleme damit gehabt, dass die Bühne "plötzlich oft wie meine Küche aussah", nicht mehr die großen Stoffe, sondern das Private, das Kleine, "ich musste mich am Anfang wirklich dazu überwinden".
Robert Gwisdek sitzt neben seiner Mutter und sagt, der Osten sei für ihn ein großes Thema, heute noch, und zwar weniger als biografischer Ort seiner Eltern, sondern als politische Idee, "der Osten als Modell, in der Gruppe etwas gemeinsam zu machen. Gegen die Vereinzelung, gegen das Loblied auf das Private. Warum wollen alle immer alles alleine tun?" Dann erzählen die beiden von Michael Gwisdek, dem Vater und Ex-Mann, dass er immer alles gefilmt habe. Neulich hätten sie ein paar der Videofilme angeschaut, "da war ich schwanger mit Robert", sagt Corinna Harfouch, "ich hätte meinen Kopf verwettet, dass ich während der Schwangerschaft nicht geraucht habe. Und was sehe ich? Ich zünde mir eine nach der anderen an." Ja, so sei das mit den Erinnerungen, sie könnten täuschen.
Wir fahren weiter in den Berliner Osten, nach Hohenschönhausen. Hier wohnt der Kabarettist und Schriftsteller Peter Ensikat in einem großen Haus, das er Ende der siebziger Jahre gekauft hat. Er kocht einen Kaffee, "wie ihn meine Mutter immer gemacht hat", und erzählt vom Trennen und wieder Zusammenkommen – vom Zusammenwachsen dessen, was zusammengehört und dann doch wieder nicht. Verheiratet, drei Kinder, "wir waren eine tolle Familie". Bis 1985, da flog alles auseinander, Peter Ensikat und seine Frau trennten sich. Als die DDR platzte, kamen sie sich wieder näher und zogen wieder zusammen, mit den drei Kindern in das große Haus. "Dann machten wir wohl den Fehler in der ersten Euphorie, dass wir dachten, alles sei wieder wie vor der Trennung, doch das war ein Irrtum. Ich glaube, wir hätten die Zeit der Trennung stärker thematisieren müssen."
Nach ein paar Jahren war jedenfalls die Ehe wieder gescheitert. So läuft das Leben im Privaten. Und vielleicht läuft es ähnlich bei zwei ehemaligen Staaten. Ensikat, heute 68, sagt, er sei mit einigen Leuten aus dem Westen wirklich sehr gut befreundet, zum Beispiel mit dem Kabarettkollegen Dieter Hildebrandt, "zwischen uns passt kein Blatt". Nur wenn es zum Thema DDR kommt, stockt es, "dann verstummen wir oft schnell, beide".
Wir kommen noch zurück auf Hohenschönhausen, schon deshalb, weil Peter Ensikat sehr schön von den Widersprüchen berichten kann, denen man als Ostdeutscher im gesamtdeutschen Land zuweilen ausgesetzt ist. Aber vorher schauen wir uns ein Foto an, ein Gruppenfoto, geschossen von Helga Paris 1981 in der Wohnung eines Mannes, mit dessen Frau einer der Abgebildeten damals ein Verhältnis hatte. Der Gastgeber sitzt ziemlich in der Mitte, ganz vorn: Sascha Anderson. Er war so etwas wie der Leitwolf einer Gruppe von Literaten in Prenzlauer Berg, zu denen Bert Papenfuß, Uwe Kolbe, Lutz Rathenow gehörten, allesamt auf dem Bild. Einmal im Monat trafen sie sich zu Lesungen und Diskussionen, sie fühlten sich sehr avantgardistisch, sehr intellektuell. Und tatsächlich fanden ihre viel gelobten Texte über die DDR hinaus Aufmerksamkeit. In ihren besten Tagen glaubten sie, in der Weltliteratur weit vorne mitzuspielen.
Der Zweite von links in der hinteren Reihe hält den Kopf etwas schief: Jan Faktor, einer der wenigen Granden des Ostberliner Undergrounds, die immer noch als Autoren präsent sind. Er war damals ein schmaler, kleiner Mann und ist heute ein schmaler, kleiner Mann. Er kam 1978 aus der ČSSR nach Ost-Berlin. Ihm hätten diese Literatentreffen enorm viel bedeutet, sagt er. Sie hätten ihm das Gefühl eines großen Aufbruchs gegeben, das Gefühl, zu Menschen zu gehören, die für die Kunst lebten.
Auch die Arroganz der Leute sei großartig gewesen, man verachtete Prosa, nur Lyrik und expressionistische Texte zählten. Politik galt als Zeitverschwendung, da stand man drüber. Ja, sagt Jan Faktor im Oktober 2009, das lasse er sich nicht nehmen, diese tolle Zeit, vor allem Anfang der achtziger Jahre, bevor vieles in der Szene in Künstlichkeit und Irrelevanz erstickt sei.
Nein, Faktor blendet nichts aus. Schon gar nicht den Mann vorn in der Mitte, Sascha Anderson, der dann bald als jahrzehntelang tätiger Stasispitzel enttarnt wurde, ebenso wie der Autor Rainer Schedlinski. Faktor griff sie scharf an für deren Versuche, den eigenen Verrat in Nebel der Mystik zu hüllen. Bei aller Fehlerhaftigkeit jedes Einzelnen, schrieb er, bestünden moralische Kriterien wie Unrecht und Recht. Sicher stimme es, dass Anderson mit seinen Stasifürsten im Kreuz das unbeschwerte Nischenleben der Literaten ermöglicht habe, aber darum sei nicht alles andere gelöscht.
Das Foto erzählt die Geschichte eines Täters und Ermöglichers – man könnte sie auf ein einziges Wort reduzieren: Stasi. Aber das Foto enthält eben viel mehr. Einer hat sich später totgesoffen, einer wurde umgebracht, einer hat als Kneipier die linke Ideologie neu entdeckt, und einer der Täter fand eine bürgerliche Existenz an der Seite der Tochter eines deutschen Großschriftstellers.
Jan Faktor hat das alles gut überstanden, seine Ehe hat gehalten, er schreibt inzwischen Prosa, sein jüngster Roman wurde hochgelobt. Vielleicht half es ihm, dass er schon ein Leben hinter sich hatte, als er auf die ostdeutschen Literaten traf. Die Enttäuschung 1968 in Prag, als die Panzer den Glauben an den guten Sozialismus zertrümmerten. Und er hatte schon eine Methode gefunden, um trotz allem weiterzuleben. Damals war es die Natur, der Rückzug in die Berge.
Die DDR: das Verschwinden einer Welt. Wie durch ein Erdbeben wurden die ostdeutschen Lebensläufe umgestoßen. Faktor sagt, er wisse nicht, ob Erdbeben das richtige Bild sei, aber es sei nun mal so, dass Erdbeben für das Zurechtrütteln der Kontinente notwendig seien, also eigentlich etwas Gutes. Er lächelt. Nur für den, der mittendrin stecke, sei es oft nicht so erfreulich.
Es ist ein Phänomen der deutschen Einheit, auch 20 Jahre danach, dass die Menschen der alten Bundesrepublik kein Gefühl dafür haben, was es für die Ostdeutschen bedeutet, ihren Alltag verloren zu haben. Die Bundesrepublik feiert 2009 ganz selbstverständlich und höchst offiziell 60 Jahre Bundesrepublik, als hätte es 1989 nie gegeben. Müsste man nicht feiern: 40 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre neues Deutschland? Die Bundesrepublik feierte im vergangenen Jahr auf allen Medienkanälen das 68er Jubiläum, verständlich und wichtig, aber es schadet dennoch nicht, sich einmal kurz zu überlegen, dass 1968 in Prag die russischen Panzer auffuhren – und dass die Ossis das mit dieser Jahreszahl verbinden.
Es gab Notare, die 1990 von einem Tag auf den anderen in einem neuen Rechtssystem standen. Es gab Industrien, die kollektiv abgewickelt wurden, in Dimensionen, die Konkurse wie jetzt bei Quelle weit überstiegen. Ein neues Schulsystem, eine neue Reisefreiheit, ein neues Leben in Arbeitslosigkeit, neue Mietpreise, neue Autos – all das drang tief ins Leben der Ostdeutschen. Am gewohnten Trott der Westdeutschen änderte es nichts. Der Vergleich ist vielleicht nicht ganz stimmig, aber er drängt sich auf: Immigranten in Deutschland haben viel geringere Zukunftsaussichten als anderswo in Europa. Wir Westdeutschen sind eine sehr geschlossene Gesellschaft. Und das löst Empfindlichkeiten aus bei den Ossis. Man mag es nicht mehr hören, wenn Wessis fragen, wie sie denn früher im Osten die Scampi am liebsten gegessen hätten (es gab keine).
Peter Ensikat sagt, an die Ignoranz der Wessis und an die beleidigte Ostseele habe er sich gewöhnt, das falle ihm gar nicht mehr auf. Worüber er spricht in seinem Haus in Hohenschönhausen, sind die Widersprüche im Ostbürger. Er habe mal nach einer offiziellen Einheitsfeier einen Schauspieler mitgenommen, der geehrt worden war, aber angeschlagen wirkte. Seine Frau war gerade als IM enttarnt worden. Ensikat wollte ihm zu verstehen geben, dass er nicht den Stab über die Frau breche. Darauf der Mann: "Ach, wir waren doch alle dabei, wenigstens die, die was konnten." Ensikat schüttelt den Kopf und erzählt von den anderen Leuten beim DDR-Fernsehen, den mutigen, "ja, die gab es auch", die seien alle nach der Wende untergegangen, "im Gegensatz zu den Mitläufern und Schleimern, die schnell neue Jobs fanden".
Er sagt, er habe sich früher nie als DDR-Bürger gefühlt, seine DDR-Identität habe er erst nach der Wende aufgedrückt bekommen. Und er sagt auch, schließlich ist er ja Kabarettist, dass in allem auch eine Komödie stecke. Er wusste nicht, als er Ende der siebziger Jahre nach Hohenschönhausen zog, dass das eine reine Wohngegend für Stasibedienstete war. Nach 89 konnte man von seinem Fenster aus sehen, dass viele plötzlich verschwanden und wie einige ihre alberne Wichtigkeit weiter vor sich hertrugen. Aber man kann auch, wie Ensikat sagt, einfach die Straße hinunterlaufen und vor diesem Klingelschild stehen bleiben: "Lauschke und Sichting". Die zwei wohnen da. Das mache ihm gute Laune.
Man könnte 20 Jahre nach der Einheit über so viele interessante, komplizierte Dinge reden. Man könnte etwa fragen, wie sehr es die Ossis bis heute prägt, dass sie Meister der Abschiede geworden sind. Nicht nur von ihrem Land, ihrer Wirtschaft, ihrem Alltag, nein, viele haben Abschied von Freunden und Verwandten genommen, die vor 1989 die DDR verlassen haben, auf Ausreisepartys, in intimen Gesprächen. Und dann war es doch nicht für ewig. Kann man einen Abschiedsmuskel trainieren? Und wofür ist das gut?
Man könnte darüber sprechen, ob die großen Fragen des Lebens sich anders präsentierten in der BRD und in der DDR. Corinna Harfouch lacht, als sie diese Frage hört. Ihr neuer, höchst eindrucksvoller und beklemmender Film This is Love von Matthias Glasner, der diesen Monat ins Kino kommt, handelt vom plötzlichen Verlassenwerden und von den Folgen. Hat nichts mit der DDR zu tun, geht trotzdem um Abschiede.
"Nein", sagt Corinna Harfouch, "das kann ich Ihnen verraten. Die großen Fragen des Lebens sind überall dieselben."
Und man könnte über die These von Frank Schäfer diskutieren, Szenefriseur in Prenzlauer Berg: Wenn Ossis sich an die DDR erinnerten, werde oft vergessen, dass sie sich an ihre Jugend erinnerten. "Nehmen Sie mich: Ich war hübsch. Ich war jung. Ich war schwul und überall der Hit, wo ich auftauchte. Soll ich das mit dem Leben von heute vergleichen?" Die Leute verwechselten die DDR mit ihrer Jugend, und alle jammerten auf hohem Niveau, sagt Schäfer. Er steht in seinem Laden, ziemlich tätowiert, ziemlich beringt. Man muss 14 Tage vorher anrufen, um einen Termin zu kriegen, so gut läuft das Geschäft. Er sagt, er habe der DDR etwas zu verdanken, "mein Halt waren die Grenzen der Diktatur. Im Westen wäre ich ein Junkie geworden, vermute ich. Im Osten hatte ich diese Nische, als hübscher, schwuler Punk. Für mich war es eine gute Zeit."
Auch von ihm gibt es ein Foto: die legendäre Tropenparty im März 1984, er als Blondine verkleidet. "Ich weiß nicht, ob die Party so wild war, wie wir uns erinnern, aber ich glaube schon: Sie war wild." Die Frau neben ihm – eine echte – wurde dann verhaftet, kam in den Knast für mehr als ein Jahr wegen angeblicher Republikfluchtpläne. Schäfer war der Sohn des populären DDR-Schauspielers Gerd E. Schäfer, das half ihm, wenn es Ärger mit der Polizei gab.
Aber nicht immer.
Einmal kam er für eine Nacht ins Gefängnis und wurde von einem Volkspolizisten vergewaltigt. Eine Erinnerung von der üblen Sorte. Er könnte ein Leben lang an ihr tragen. "Nee", sagt Frank Schäfer, "es war wirklich übel, aber ich habe es abgebucht als schlechten Sex." Schäfer schmunzelt. "Es hat funktioniert."
- Datum 11.11.2009 - 10:03 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 05.11.2009 Nr. 46
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Und diese Wirklichkeitsverdrängungsmethode der guten alten Bundesrepublik Deutschland hat in den vielen Jahren seit 1949 immer einen entscheidenden Grund gehabt: Die Selbstgefälligkeit, die Selbstgerechtigkeit, die geistig-moralisch Bequemlichkeit des saturierten und manierierten Besitzbürgertums.
Warum also sollte sich irgendjemand in den Westzonen für die Wirklichkeit und Realität der Ostzone interessieren. Das einzig den "Wessi" wirklich interessierende Moment war stets das gleiche: "Wie komme ich billig an die Ergebnisse der - an der Kaufkraft bemessenen - Sklavenlohnarbeit der Ossis heran."
INTERZONENHANDEL. Das ist eine Quelle des sogen. Wirtschaftswunders der rheinischen Republik, der Bundesrepublik Deutschland. Hier liegt eine der so höchst kompromittierenden Verbindungsachsen zwischen der Herrschaftselite der Bonner Republik und der Kaderfunktionärselite der stalinistischen DDR-Diktatur vor. Wer sich einmal der real-existierenden Strukturen des innerdeutschen Wirtschaftssystems widmet, deren Fakten be-, aus- und hinterleuchtet, analysiert sowie nüchtern und rational interpretiert, der wird wohl zu der Einsicht gelangen, dass es sicherlich mehr als 30% aller Vermögen der Bonner Republik sind, die aus der Arbeitsleistungserpressung und der Sklavenlohnarbeit des deutschen Gulag DDR stammen.
Der Gesamtwert dieser "gestohlenen Vermögen" wurde bis zum heutigen Tage noch nicht durch die Transferzahlungen von West nach Ost repatriiert. Eher trifft das Gegenteil zu, denn der Vermögenstransfer von Ost nach West hat sich ja mit den Steuersubventionen für den "Wiederaufbau Ost" so abgespielt, dass aus den Steuerkassen die Subventionen mehrheitlich auf die Konten jener <15% aller deutschen Privathaushalte, die, lt. Statistischem Bundesamt 2009, über > 85% aller Privatvermögen verfügen.
Das ist die Wirklichkeit der Kohlschen Wiedervereinigung. Das ist der gewaltige Betrug an den ca. 18 Millionen Ossis, die doch tatsächlich geglaubt hatten, „wir wären das Volk.“.
Nitschewo. Eurer „Volk“ ist dem ständisch-feudalistischen Besitzbürgeradel dieser Republik herzlich gleichgültig, solange Ihr nur alle recht fleißig für immer niedrigere Löhne ordentlich leitstet, damit sich die Herren und Damen der < 15% aller deutschen Privathaushalte nur recht ordentlich etwas leisten können.
Dies ist der Kern des Begriffs „Dienstleistungsgesellschaft“ nach der Diktion derer, die als Söhne und Töchter von Kohl, Genscher, Lambsdorf und Weigel sich heute auf den Regierungsbänken herum lümmeln und als Abgeordnete längst nicht mehr ihre Diäten verdienen, sondern sich in den Besitz der Machtfunktionen gebracht haben, in denen sie für ihre gegenleistungslosen Apanage-einkünften, die Theorie von der Alternativlosigkeit ihrer Alphatier- und Ausplünderelitegesellschaft verkünden, so wie einst die stalinistische Kaderfunktionärselite der DDR.
Das ist die Kontinuität der deutschen Geschichte seit 1989.
...für einen Artikel, der einmal der anderen Seite gewidmet ist.
Als Ostdeutscher befindet man sich ständig in einer Verteidigungsposition. Wenn man nicht der Meinung ist, daß das Leben im Osten vor 1989 einfach nur grau, trist und furchtbar unterdrückt war, muß man sich sofort rechtfertigen.
Bei der Berichterstattung über die Wende, die wir ja aus aktuellem Anlass im Übermaß zu hören bekommen, rollen die meisten Ossis bloss mit den Augen und hören weg. Mein persönlicher Gedanke beim Weghören ist dann immer "Gottseidank, das wächst sich in den nächsten Generationen aus." Aber mich persönlich verletzt diese einseitige Betrachtungsweise trotzdem jedesmal.
Sehe das genauso. Im übrigen hat beinahe das gleiche der Taxifahrer gesagt, der mich eben heim gefahren hat. Offenbar ist diese Wende-Feier nicht so Rosa-Rot und aus Plüsch wie Frau Merkel uns ihre nationalisierungskollone uns glauben machen will.
Sehe das genauso. Im übrigen hat beinahe das gleiche der Taxifahrer gesagt, der mich eben heim gefahren hat. Offenbar ist diese Wende-Feier nicht so Rosa-Rot und aus Plüsch wie Frau Merkel uns ihre nationalisierungskollone uns glauben machen will.
...Danke für diesen Artikel. Das große Schweigen beim Thema DDR... besser kann man es nicht benennen. Mit Westdeutschen über die DDR reden? Unmöglich, es führt mit größter Regelmäßigkeit zu nichts. Man muss diesen Teil seiner Biographie irgendwo tief innen verschließen.
Die diversen Dokus, Berichte, Spielfilme in den Medien ignoriere ich, ich kann das nicht ertragen.
[entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion; svb]
Komisch, auch nach 20 Jahren deutscher Einheit fühle ich mich noch als DDR-Bürger!
Nicht, weil ich straff zu Partei- und Staatsführung auf sah, sondern deshalb, weil mir (uns) stets vorgehalten wird, wie wir eigentlich hätten sein sollen, wenn es nach den Vorstellungen dieser ewigen Besserwisser jenseits von Elbe und Havel geht.
Warum sind alle, die sich nicht als "DDR"-Bürger gefühlt haben nicht auch gleich mit rüber?
Die Frage ist doch ganz klar:
Auch diese Leute haben sich mit dem System in irgendeiner Weise arrangiert.
Trotz aller ideologischen Hindernisse und Repressalien lebten unsere "intellektuellen" oft besser wie ein normaler Arbeiter, fuhren oft eher die "Westwagen", die von der DDR importiert wurden, sogar ohne lange Wartezeit.
Die Vertreter der Kirchen und deren Angestellten bekamen einen Teil ihres Gehaltes sogar in D-Mark ausbezahlt bzw. hatten Konten in der BRD.
Eine Frau Merkel war in der FDJ "dicke da", konnte kostenlos studieren - sogar in Moskau - , obwohl sie mit ihren eigenen Worten davon sprach, in der DDR keine richtige Deutsche gewesen zu sein.
Heute reden sich viele "Wendehälse" damit heraus, dass sie in die SED eintreten mussten - wären sie standhaft geblieben, dann hätten sie es nicht tun müssen.
Wer heute Karriere machen will, der muss genau so die Fahne in den Wind drehen und sich anbiedern - heute nennt man das "Bewerbungsgespräch" - ein Gespräch, bei dem man auch sehr gut aufpassen muss, was man von sich gibt. Sonst Job NEIN - Hartz IV JA!
Das hatten wir doch alles schonmal: Versuchen Sie mal, vom "normalen" Leben unter Adolf I. zu berichten...
was ich mit "Verteidigungsposition" meinte. Und das ist genau der Grund dafür, warum die Ostdeutschen nicht mehr darüber reden wollen.
Mir fallen tausen Dinge ein, die ich erwidern könnte, aber nachdem ich diese Diskussion nun auch schon oft genug geführt habe, weiß ich, dass Sie ohnehin nicht zuhören werden. Sie haben dem Artike selbst ja offensichtlich auch keine Aufmerksamkeit geschenkt.
was ich mit "Verteidigungsposition" meinte. Und das ist genau der Grund dafür, warum die Ostdeutschen nicht mehr darüber reden wollen.
Mir fallen tausen Dinge ein, die ich erwidern könnte, aber nachdem ich diese Diskussion nun auch schon oft genug geführt habe, weiß ich, dass Sie ohnehin nicht zuhören werden. Sie haben dem Artike selbst ja offensichtlich auch keine Aufmerksamkeit geschenkt.
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