Einsatz in Afghanistan Tod eines Schutzmannes
Mario Keller sollte den deutschen Botschafter in Afghanistan bewachen. Im Alter von 39 Jahren starb der Polizist bei einem Terroranschlag. Die Lebensgefährtin und die Eltern suchen noch immer nach dem Sinn seines Todes
Bevor sich Mario Keller auf den Weg zum Schießtraining macht, isst er zum Frühstück ein Marmeladenbrot, wie immer ohne Butter. Es ist kurz nach acht an diesem 15. August 2007, ein angenehm milder Tag beginnt in Kabul. Vor dem Haus mit dem schwarzen Gittertor im Stadtteil Shash Darak sitzt ein afghanischer Wachmann auf seinem Plastikstuhl. Drinnen, hinter den Stacheldrahtrollen, setzt sich Mario Keller noch ein paar Minuten vor den Fernseher, schaltet das deutsche Morgenmagazin ein. Seit fast einem Jahr ist der 39-jährige Polizist schon hier, in sechs Wochen geht sein Dienst zu Ende. Keller ist zum Schutz des deutschen Botschafters in die afghanische Hauptstadt abgeordnet worden. Hier, wo er sich mit fünf Kollegen ein Haus teilt, müssen die Personenschützer selbst Personal engagieren, das sie beschützt.
Zu Hause im badischen Weingarten bricht ein ungewöhnlich heißer Tag an. Es ist halb sechs in dem Dorf bei Karlsruhe, zweieinhalb Stunden vor Kabuler Zeit. Mario Kellers Lebensgefährtin Verena Häcker ist gerade aufgestanden. Das Paar teilt sich eine kleine, verwinkelte Zweizimmerwohnung, 45 Quadratmeter. Nach Kellers Rückkehr aus Kabul wollen sie heiraten, so ist es verabredet. In der Wohnung hat Verena Häcker Fotos ihres Freundes aufgestellt, damit sie ihn immer sehen kann. Er ist ein schlanker Mann mit weichem, rundem Gesicht, die grauen Locken mit etwas Gel in Form gezupft. Mario Keller war vor seiner Zeit bei der Polizei Friseur.
Verena Häcker will an diesem Morgen noch schnell in Kabul anrufen, um ihrem Freund ein paar berufliche Neuigkeiten zu erzählen. Dann entscheidet sie sich anders, um rechtzeitig in die Praxis zu kommen, wo sie als zahnmedizinische Fachassistentin arbeitet.
In Kabul macht sich Keller mit seinen drei Kollegen auf den Weg zum Schießtraining. Sie sitzen in einem gepanzerten G-Klasse-Mercedes, das weiße Auto ist unten mit einer acht Millimeter dicken Stahlplatte gesichert. Keller fährt den Wagen, neben ihm sitzt der BKA-Beamte Jörg Ringel, der vor seinem Einsatz in Kabul einer von Angela Merkels Leibwächtern war. Direkt hinter Keller sitzt der Objektschützer Alex Stoffels von der Bundespolizei Karlsruhe, auf der anderen Seite der Rückbank Dirk Schulz (Name geändert), Bundespolizist aus Hannover. Vor ihnen fährt ein zweites Fahrzeug, in dem zwei weitere Kollegen sitzen. Mario Keller ist eigentlich Landespolizist in der ruhigen Residenzstadt Karlsruhe. Für diese freiwillige Auslandsmission wurde er an das Bundeskriminalamt abgeordnet.
Noch vor einem Jahr hat Keller im gedeckten Anzug den Generalbundesanwalt in Karlsruhe bewacht. Keller und seine Kollegen sind aus ganz Deutschland nach Kabul gekommen, um den deutschen Botschafter Hans-Ulrich Seidt zu schützen. Er wird auch in diesem Land, in dem längst ein Krieg tobt, zivil beschützt. Die Deutschen wollen nicht als Militärmacht auftreten, sie sehen sich als Aufbauhelfer. Ein Botschafter, der von einem Panzer und Soldaten in Kampfuniform bewacht wird – das wäre in Kabul vielleicht angebracht, aber das falsche Zeichen. Seidts Leibwächter sollen möglichst wenig auffallen. Sie sind Teil einer Hoffnung, die von Woche zu Woche stärker bedroht wird, und zwar der Hoffnung auf Frieden und Demokratie. Sie sind Teil einer Schutzmacht, die sich die Frage stellen muss: Hat dieser Einsatz noch einen Sinn?
Zum 20 Kilometer entfernten Schießstand nehmen sie die Dschalalabad Road, eine Schotterpiste. Die Männer der amerikanischen Botschaft haben die Straße zeitweise gemieden, weil es hier öfter Bombenanschläge gegeben hat. Wegen der Schlaglöcher und Bodenwellen kann Keller nicht schneller als 30 Kilometer pro Stunde fahren. Sein Kollege Stoffels macht auf der Rückbank ein paar verwackelte Fotos von der staubigen Landschaft.
Keller sieht sich in der Rolle des diskreten, smarten Leibwächters
Am Abend zuvor hat Keller seiner Freundin am Telefon erzählt, dass er und einige Kollegen nicht verstünden, warum sie, die doch gut schießen können, zu einem Training ausrücken sollen. Er telefoniert fast täglich mit Verena. Sein Zimmer in Kabul schmücken ausschließlich Erinnerungen an sein Zuhause. Über dem Schreibtisch hängen Fotos von seinen Eltern und von Verena. Daneben ein Brief seiner neunjährigen Tochter aus seiner Ehe mit einer anderen Frau, in der Form eines Herzens. Ansonsten wirkt der Raum beinahe unbewohnt. Es ist das Zimmer eines Menschen, der es kaum erwarten kann, wieder abzureisen.
Keller ist ein zurückhaltender Beamter. Der Fan der amerikanischen Polizistenserie Miami Vice sieht sich in der Rolle des diskreten, smarten Leibwächters. Während der Telefonate mit Mario hat Verena Häcker immer öfter das Gefühl, dass sich ihr Freund in Kabul fehl am Platz fühlt. Er erzählt ihr, dass er abends oft allein in seinem Zimmer sitzt und liest. Er versteht sich zwar gut mit den Kollegen, aber das monatelange Zusammenleben mit fünf anderen Männern in einem streng bewachten Haus ist er nicht gewohnt.
Keller ist penibel. Zu Hause in Weingarten hängen seine sorgfältig gebügelten Hemden, darunter stehen Schachteln mit eleganten Schuhen, jedem Karton liegt ein kleines Poliertuch bei. Afghanistan muss ein Kulturschock für ihn gewesen sein. In der deutschen Botschaft nennen die Beamten ihn »den schönsten Personenschützer Kabuls«. Als sie später seinen Schrank in der Botschaft ausräumen, fragen sie sich, wozu er all die feinen Anzüge mitgenommen hat, die er zwar als Leibwächter des Generalbundesanwalts in Karlsruhe gebrauchen konnte, nicht aber in Kabul, wo die schusssichere Weste jedes Jackett zerdrückt.
Keller wollte gar nicht nach Kabul. Er wollte ins Kosovo. Im Sommer 2005 liest er in seiner Polizeidienststelle in Karlsruhe einen Aushang des BKA, dass Personenschützer für die deutschen Botschaften in Kabul, Prishtinë und Bogotá gesucht würden. »So ein Einsatz ist die hohe Schule des Personenschutzes«, erklärt er Verena, »eine größere Herausforderung gibt es in meinem Beruf nicht.« – »Bewirb dich erst mal«, antwortet sie.
- Datum 09.11.2009 - 19:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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..dass es eine Erinnerung an den Unsinn dieses deutschen Einsatzes und eine Aufforderung zum sofortigen Truppenabzug ist!
Der Betreffende war ja nicht als Soldat, sondern als Personenschutz des deutschen Botschafters in Afghanistan. Man kann sich allerdings fragen, ob man mit dem Land diplomatischen Beziehungen braucht, und man sollte alle "humanitären Hilfsprojekte" einstellen.
Der Betreffende war ja nicht als Soldat, sondern als Personenschutz des deutschen Botschafters in Afghanistan. Man kann sich allerdings fragen, ob man mit dem Land diplomatischen Beziehungen braucht, und man sollte alle "humanitären Hilfsprojekte" einstellen.
Der Betreffende war ja nicht als Soldat, sondern als Personenschutz des deutschen Botschafters in Afghanistan. Man kann sich allerdings fragen, ob man mit dem Land diplomatischen Beziehungen braucht, und man sollte alle "humanitären Hilfsprojekte" einstellen.
Als was der junge Mann dort war, ist sekundär. Primär war er für die betreffenden Afghanen ein Repräsentant der deutschen Militärpräsenz.
Als was der junge Mann dort war, ist sekundär. Primär war er für die betreffenden Afghanen ein Repräsentant der deutschen Militärpräsenz.
bring the troops home. now.
So schlimm das einzel Schicksal auch ist. Die Verantwortung kann man keiner Regierung oder den Militärs in Afghanistan anhängen.
Das Afghanistan eines der gefährlichsten Pflaster ist und das man sich mit einem solchen Einsatz extrem gefährdet ist überall bekannt.
Wenn Jemand in den Krieg gezwungen wird sieht die Sache anders aus, wer freiwillig solche Einsätze leistet muss damit rechnen jeden Tag zu sterben. Krieg ist kein Spiel und Kriegseinsätze sind weder cool noch eine Berreicherung fürs Leben.
Das Einzige, was bei Staatsbediensteten mit und ohne Waffe freiwillig ist, ist der Eintritt in die jeweilige Struktur. Wenn Sie in jungen Jahren unterschreiben und sich z. B. 12 Jahre verpflichten (wird bei der Bundeswehr gern als Zeitspanne genommen), dann haben Sie ausdrücklich keine Wahl, wenn Sie mit Ihrer Ausbildung, Kenntnis oder einfach nur Nase gebraucht, also hinbefohlen werden. Auch einem Polizeibeamten wird es - so denn seine Qualifikation nicht in Überzahl vorhanden ist - nicht anders gehen. Jeder, der darin eine Freiwilligkeit zum Dienst in z. B. Afghanistan erkennt, verkennt das Konstrukt von Pflicht und eingeschränkten Grundrechten. Auf der einen Seite also froh darüber zu sein, dass diese Dienste im Inland verrichtet werden und im Ausland dann zu fordern, dass es zu unterlassen sei, ist mehr als naiv. Die Politk entscheidet allein und absolut (zuweilen über die Wählerschaft hinweg) über Ort, Dauer und vor allem Auftrag. Wer meint, dass das Geld mit solchen Einsätzen leicht verdient sei, der muss sich fragen lassen, was denn die BRD beim Tod oder der Invalidität des angenommenen Sohnes genau überweisen soll.
Das Einzige, was bei Staatsbediensteten mit und ohne Waffe freiwillig ist, ist der Eintritt in die jeweilige Struktur. Wenn Sie in jungen Jahren unterschreiben und sich z. B. 12 Jahre verpflichten (wird bei der Bundeswehr gern als Zeitspanne genommen), dann haben Sie ausdrücklich keine Wahl, wenn Sie mit Ihrer Ausbildung, Kenntnis oder einfach nur Nase gebraucht, also hinbefohlen werden. Auch einem Polizeibeamten wird es - so denn seine Qualifikation nicht in Überzahl vorhanden ist - nicht anders gehen. Jeder, der darin eine Freiwilligkeit zum Dienst in z. B. Afghanistan erkennt, verkennt das Konstrukt von Pflicht und eingeschränkten Grundrechten. Auf der einen Seite also froh darüber zu sein, dass diese Dienste im Inland verrichtet werden und im Ausland dann zu fordern, dass es zu unterlassen sei, ist mehr als naiv. Die Politk entscheidet allein und absolut (zuweilen über die Wählerschaft hinweg) über Ort, Dauer und vor allem Auftrag. Wer meint, dass das Geld mit solchen Einsätzen leicht verdient sei, der muss sich fragen lassen, was denn die BRD beim Tod oder der Invalidität des angenommenen Sohnes genau überweisen soll.
Das Einzige, was bei Staatsbediensteten mit und ohne Waffe freiwillig ist, ist der Eintritt in die jeweilige Struktur. Wenn Sie in jungen Jahren unterschreiben und sich z. B. 12 Jahre verpflichten (wird bei der Bundeswehr gern als Zeitspanne genommen), dann haben Sie ausdrücklich keine Wahl, wenn Sie mit Ihrer Ausbildung, Kenntnis oder einfach nur Nase gebraucht, also hinbefohlen werden. Auch einem Polizeibeamten wird es - so denn seine Qualifikation nicht in Überzahl vorhanden ist - nicht anders gehen. Jeder, der darin eine Freiwilligkeit zum Dienst in z. B. Afghanistan erkennt, verkennt das Konstrukt von Pflicht und eingeschränkten Grundrechten. Auf der einen Seite also froh darüber zu sein, dass diese Dienste im Inland verrichtet werden und im Ausland dann zu fordern, dass es zu unterlassen sei, ist mehr als naiv. Die Politk entscheidet allein und absolut (zuweilen über die Wählerschaft hinweg) über Ort, Dauer und vor allem Auftrag. Wer meint, dass das Geld mit solchen Einsätzen leicht verdient sei, der muss sich fragen lassen, was denn die BRD beim Tod oder der Invalidität des angenommenen Sohnes genau überweisen soll.
Ja, freiwillig ist der Eintritt in die jeweilige Struktur. Diese bietet neben den angenehmen Seiten wie die Lebenslange Jobgarantie eben auch die unangenehmen wie die Einschränkungen an Grundrechten.
Jedem steht es frei, kein Soldat und kein Polizist zu sein (Wehrpflichtige werden nicht ins Ausland geschickt).
Ja, freiwillig ist der Eintritt in die jeweilige Struktur. Diese bietet neben den angenehmen Seiten wie die Lebenslange Jobgarantie eben auch die unangenehmen wie die Einschränkungen an Grundrechten.
Jedem steht es frei, kein Soldat und kein Polizist zu sein (Wehrpflichtige werden nicht ins Ausland geschickt).
Als was der junge Mann dort war, ist sekundär. Primär war er für die betreffenden Afghanen ein Repräsentant der deutschen Militärpräsenz.
Ja, freiwillig ist der Eintritt in die jeweilige Struktur. Diese bietet neben den angenehmen Seiten wie die Lebenslange Jobgarantie eben auch die unangenehmen wie die Einschränkungen an Grundrechten.
Jedem steht es frei, kein Soldat und kein Polizist zu sein (Wehrpflichtige werden nicht ins Ausland geschickt).
Ihrem letzten Satz kann ich nur beipflichten.
Mir erscheint dieser "Krieg" immer mehr wie ein Kabinettskrieg, da diese Gefahrenzulage doch geradezu danach schreit die Menschen, welche die Einsätze freiwillig machen, als Söldner wahrzunehmen. Weiterhin auch besonders, da der Westen dort mit jedem Willigen paktiert, unabhängig ob er vorher gegen einen gekämpft oder gar Kriegsverbrechen begangen hat.
Aus diesem Sichtwinkel ist dieser Todesfall besonders traurig, da der Tod des Beamten gänzlich sinnlos erscheint. Auch der Bau von Mädchenschulen ändert die Grundintension des Einsatzes nicht.
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