Michael Grieshaber ist pleite, und die Männer vor dem Firmentor haben das Geld.

Weggeschickt haben sie ihn, die Männer in den dunklen Nadelstreifen, mit einer Handbewegung, als wäre er ein lästiger Hund, haben ihm gesagt, sie müssten was bereden, ohne ihn, und jetzt schleicht er mit eingezogenem Kopf über den Hof der Firma, die noch immer seinen Namen trägt, läuft eingehüllt in eine Bomberjacke ziellos durch den Schnee und lehnt sich schließlich an einen Müllcontainer, aus dem der ölige Geruch von Eisenspänen strömt. Er sieht so aus, als müsste er gleich kotzen.

Zwei Stunden lang hat Grieshaber sie durch den Betrieb geführt, der seit 125 Jahren im Besitz seiner Familie war. Er hat gelächelt, als sie lachten angesichts des ölverschmierten Bodens. Hat versucht, nicht hinzuhören, als sie seinen Maschinenpark mit einem alten Opel Astra verglichen. Hat erzählt, dass er sich von seiner Frau getrennt hat und nach 30 Jahren wieder in sein Elternhaus gezogen ist, um näher am Betrieb zu sein. Er hat versucht, nicht als Versager dazustehen, aber sein Schicksal liegt jetzt in der Hand der anderen.

Grieshaber reißt sich zusammen. Er richtet seine Brille, blickt hinüber, doch er kann ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. Kein Zeichen, ob der Wahnsinn bald ein Ende hat.

Zehn Millionen Euro hat seine Feinmechanikfirma jedes Jahr mit Schnecken, Zahnrädern und Ritzeln umgesetzt, Ware für die großen Autozulieferer in Mexiko, in Osteuropa und China. Es schien, als liefen die Geschäfte gut. Nicht lange her, dass Grieshaber in den veralteten Maschinenpark investierte, aber im Herbst ging plötzlich gar nichts mehr. Mit den Banken fing es an, dann erwischte es die Autobauer in Amerika, dann schwappte sie herüber, diese Krise, in den Hochschwarzwald, nach Eisenbach, wo dem Unternehmer Grieshaber nun alles wegbrach. Im Dezember waren seine Auftragsbücher völlig leer, er konnte die Kredite nicht mehr zahlen, und als er feststellte, dass er nicht mal die Löhne überweisen konnte, meldete er Insolvenz an.

Jetzt ist es März 2009, und diese Männer, die Grieshaber am Morgen durch den Betrieb geführt hat, sind bereits die Dritten, die sich dafür interessieren, was bei ihm zu holen ist. Er will sie nicht, aber er kann auch nicht ohne sie. Er braucht zum Überleben fremdes Kapital. Er wirkt am Ende mit den Kräften, wie er da an diesem Müllcontainer lehnt, ein Mann in seinen besten Jahren, der um Fassung ringt, um eine Zukunft. Wie Grieshaber geht es dem ganzen Dorf.

Eisenbach im Hochschwarzwald. Das sind 2116 Einwohner, verteilt auf vier Weiler, die seit Monaten unter einer Schneedecke begraben liegen wie in einem tiefen, traumlosen Schlaf. Ein Bäcker, ein Friseur, ein Kiosk. Ein paar Bauernhöfe, Landgasthöfe mit fleischlastiger Karte. Der älteste Skilift der Welt. Eisenbach könnte eine Idylle sein, wären da nicht die Fabrikhallen, die wie Ufos in der Landschaft stehen. Wäre da nicht der Krach der Laster, die sich in normalen Zeiten im Konvoi durch die Fichtenwälder schieben, immer höher bis auf 1000 Meter über dem Meer.

Gear Valley nennen die Eisenbacher ihr Tal, das so unauffällig ist wie all die millimeterkleinen Präzisionsdrehteile, die hier produziert werden, wie die Milliarden Schnecken, Schrauben und Zahnräder, die später in Zentralverriegelungen, Servolenkungen und Fensterhebern auf der ganzen Welt verschwinden. Gear Valley sagen sie, als wäre Eisenbach so etwas wie das Getriebe dieser Republik. Ein unbekannter Ort, an dem das Wirtschaftswunder nie aufzuhören schien. Solange es hier oben gut ging, dachten viele, konnte es im Tal nicht schlecht gehen, und so gesehen war Eisenbach auch immer so was wie ein Drehzahlmesser, der die Verfassung dieses Landes anzeigt.