Fernsehen Beschwipst und entmündigt
Nach Marlene Dietrich und Hildegard Knef wird am Mittwoch auch Romy Schneider zur Filmfigur - leider ohne ihre Widersprüche darzustellen.
Dieses Land ist nie auf einen grünen Zweig gekommen mit den drei größten Kinostars, die es hervorgebracht hat: Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Romy Schneider. Alle drei verweigerten sich auf der Leinwand wie im Leben den Rollen, die in der Heimat für sie vorgesehen waren. Allen dreien hielt man eine erotische Freizügigkeit vor, die nicht in formatierte Frauenbilder passen wollte. Alle drei wurden in der deutschen Öffentlichkeit erst gefeiert und dann als nationale Schande geschmäht. Und, so muss man nun hinzufügen: Alle drei wurden zu Heldinnen von biografischen Spielfilmen, die sie auf seltsam hartnäckige Weise sentimentalisieren, banalisieren und domestizieren.
Romy heißt der ARD-Film von Torsten C. Fischer (Sendedatum 11. November, 20.15 Uhr), in dem Jessica Schwarz in der Rolle von Romy Schneider zu sehen ist. Es ist ein Reigen von Privat- und Nahaufnahmen, eine Aneinanderreihung von Familien-, Flirt- und Beziehungsszenen. Das wäre ein Ansatz, würde sich Romy wirklich an das Phänomen Schneider herantrauen.

Der geliehene Traum - Bilder zum Leben der Schauspielerin aus dem Fotoband "Romy Schneider"
Romy Schneider ist die Geschichte einer lebenslangen Flucht nach vorn: von den Sissi-Krinolinen zur französischen femme à hommes, von Deutschland nach Frankreich und umgekehrt, von einem Mann zum nächsten, von der Unterwerfung zur Verachtung, von der Depression in den Exzess. Romy Schneider vereinte Verletzlichkeit und Lebensgier, bodenlose Liebesbedürftigkeit und enorme Gefühlskraft, jene irritierende Spannung zwischen Euphorie und Abgrund, Panik und Gelöstheit, mit der sie die Leinwand leise zum Vibrieren brachte. Die Franzosen liebten ihr »Deutschsein«, ihre Empfindungstiefe und Gebrochenheit; die Deutschen behandelten sie wie ein eifersüchtiger Ex-Liebhaber, der sich einredet, er könne nur von einem Flittchen verlassen werden.
All dies verwandelt Romy in eine Hochglanz-Homestory, der mechanische Wechsel in Schwarz-Weiß und Super-8 historisches und authentisches Flair verleihen sollen. Dabei verfährt der Film im Grunde nach der Methode Johannes B. Kerner: Er prangert die schändliche Boulevardpresse an, nutzt den Vorwurf aber als Guckloch für den eigenen Voyeurismus. Etwa indem er die beschwipste Schneider, die vor einem Fotografen in ihrer Wohnung eine laszive Modenschau abzieht, ausschließlich aus dem Blick dieses Fotografen filmt – und später das ausbeuterische Druckergebnis der Sitzung geißelt.
Auf der erzählerischen Ebene wird Schneider in Romy vom ersten Bild an auf ein reines Opferdasein reduziert: Opfer ihrer angeschlagenen Gesundheit, die mit Nierenoperation und Krankenhausaufenthalt den Rahmen der Geschichte bildet. Opfer der ehrgeizigen Mutter und des gierigen, sexuell übergriffigen Stiefvaters, des egoistischen Alain Delon und ihres überheblichen Ehemannes Harry Meyen, Opfer von Alkohol und Tabletten und natürlich Opfer der Presse. Auf der schauspielerischen Ebene hingegen verströmt Jessica Schwarz eine Robustheit, die Alkohol und Tabletten eher wie Lifestyle-Accessoires denn als Ausdruck eines Verlorenseins erscheinen lassen.
Schneiders Verhältnis zu Frankreich bleibt genauso Klischee wie die Liebe zu Delon. Händchenhalten an der Seine, ein Moustaki-Chanson, Männer, die mit Baskenmützen und Baguettes unterm Arm durchs Bild laufen. »Frankreich gibt mir, was ich brauche«, sagt Schneider in Romy zu einem deutschen Reporter, der sie fragt, weshalb sie nicht in deutschen Filmen auftrete. Was sie in Frankreich fand und wovor sie aus Deutschland floh, der Wechsel von Heimweh und Heimathass, ihr großes, auch künstlerisch ausgelebtes Lebensthema, verhandelt Romy auf dem Niveau von Eiffelturmtourismus und Champagnerfesten.
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass der Film Romy die Schauspielerin Romy Schneider, ihre Leinwandpräsenz, ihre Arbeit an und ihre Auseinandersetzung mit den Rollen nahezu gänzlich ignoriert. Wo ist die Frau, die das europäische Kino der siebziger Jahre mitprägte? Die mit dem deutschen Autorenkino eine ehrliche beiderseitige Abneigung verband und die sich doch mit Fassbinder traf? Die Claude Sautet nach vier Filmen sagte, sie habe keine Lust mehr, Geschichten zu spielen, die sich um Kerle drehen, er solle ihr gefälligst eine über eine Frau schreiben? Und wo ist die Schauspielerin, die sich auf eigne Art zur Vergangenheit ihrer Eltern verhielt, die beide in Goebbels’ Unterhaltungsmaschinerie Karriere gemacht hatten. Etwa indem sie ihre Kinder David und Sarah nannte und immer wieder Jüdinnen und Naziopfer spielte, auch in ihrem letzten im Todejahr 1982 entstandenen Film Die Spaziergängerin von Sans-Souci . Natürlich muss all das nicht ausgebreitet werden. Aber wie kann geschehen, dass es gänzlich weggelassen wird?
- Datum 10.11.2009 - 13:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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wie eine Wienerin eingedeutscht wird, weil Österreich 1938 zum Deutschen Reich gehörte...
Dito.
Was den Film betrifft, so kann,denke ich,keine filmische Biographie einer so schillernden Persönlichkeit wie Romy Schneider jemals gerecht werden.
Ein Versuch sollte jedoch erlaubt sein.
Dito.
Was den Film betrifft, so kann,denke ich,keine filmische Biographie einer so schillernden Persönlichkeit wie Romy Schneider jemals gerecht werden.
Ein Versuch sollte jedoch erlaubt sein.
Da ist es wieder, das sentimentale, deutsch-biedermeierliche Frauenbild. Sie flechten und weben himmlische Rosen, und so weiter. Womöglich sind die Rosen stachelig oder gar *halbseiden*, dann bezieht die Frau kollektive Prügel oder kollektive Nachsicht, je nachdem.
Es scheint aber fürs (bundes-)deutsche kollektive Bewusstsein immer noch erstaunlich, dass ein weiblicher Mensch ernsthafte künstlerische Arbeit, überhaupt ernsthafte Arbeit leisten könnte. Dass dieser Teil der Person relevant, interessant, problematisch, betrachtenswert sein könnte: bei männlichen Menschen - selbstverständlich, bei weiblichen - zeigen wir lieber das mit den Rosen, siehe oben.
Drei deutsche Regisseure zeigen nun also *das mit den Rosen*. Pressen ihre jeweilige Heldin ins biedermeierliche Klischee, mit dem Ergebnis, das Frau Nicodemus benennt: Domestizierung, Glättung, Entmündigung. Verkleinerung zur Niedlichkeit. Zur Rosenflechterin.
Wie es wohl geworden wäre, hätte eine Regisseurin diesen Film gedreht? Margarethe von Trotta, Agnieszka Holland? Vielleicht ein gelungener Film, vielleicht nicht. Eins glaube ich aber zu wissen: eine regieführende Künstlerin wird eine andere Künstlerin eher nicht zum rosenflechtenden Abziehbild stilisieren.
"Eins glaube ich aber zu wissen: eine regieführende Künstlerin wird eine andere Künstlerin eher nicht zum rosenflechtenden Abziehbild stilisieren."
Das vielleicht nicht. Aber nehmen wir einmal für eine Sekunde an, es wäre Hermine Huntgeburth als Regisseurin tätig gewesen - dann hätte sich das Leben Romy Schneiders als gehobener Frauenporno dargestellt...
Scherz beiseite: Die Verfilmungen von Schauspielerbiografien (interessant: es sind niemals Männer) sind nicht nur in höchstem Maße repetitiv (warum muss man Filme machen über das Filmemachen? Weil man sonst keine Ideen hat?); bei den drei genannten Beispielen beschleicht einen zudem der Verdacht, das Ganze diene hauptsächlich als "Star-Vehikel" für die Hauptdarstellerinnen. Das Scheitern, das die Autorin beschreibt, wirkt da nur konsequent.
"Eins glaube ich aber zu wissen: eine regieführende Künstlerin wird eine andere Künstlerin eher nicht zum rosenflechtenden Abziehbild stilisieren."
Das vielleicht nicht. Aber nehmen wir einmal für eine Sekunde an, es wäre Hermine Huntgeburth als Regisseurin tätig gewesen - dann hätte sich das Leben Romy Schneiders als gehobener Frauenporno dargestellt...
Scherz beiseite: Die Verfilmungen von Schauspielerbiografien (interessant: es sind niemals Männer) sind nicht nur in höchstem Maße repetitiv (warum muss man Filme machen über das Filmemachen? Weil man sonst keine Ideen hat?); bei den drei genannten Beispielen beschleicht einen zudem der Verdacht, das Ganze diene hauptsächlich als "Star-Vehikel" für die Hauptdarstellerinnen. Das Scheitern, das die Autorin beschreibt, wirkt da nur konsequent.
"Eins glaube ich aber zu wissen: eine regieführende Künstlerin wird eine andere Künstlerin eher nicht zum rosenflechtenden Abziehbild stilisieren."
Das vielleicht nicht. Aber nehmen wir einmal für eine Sekunde an, es wäre Hermine Huntgeburth als Regisseurin tätig gewesen - dann hätte sich das Leben Romy Schneiders als gehobener Frauenporno dargestellt...
Scherz beiseite: Die Verfilmungen von Schauspielerbiografien (interessant: es sind niemals Männer) sind nicht nur in höchstem Maße repetitiv (warum muss man Filme machen über das Filmemachen? Weil man sonst keine Ideen hat?); bei den drei genannten Beispielen beschleicht einen zudem der Verdacht, das Ganze diene hauptsächlich als "Star-Vehikel" für die Hauptdarstellerinnen. Das Scheitern, das die Autorin beschreibt, wirkt da nur konsequent.
Dito.
Was den Film betrifft, so kann,denke ich,keine filmische Biographie einer so schillernden Persönlichkeit wie Romy Schneider jemals gerecht werden.
Ein Versuch sollte jedoch erlaubt sein.
Es gibt Literatur über Literaten und Theaterstücke übers Theater, warum dann nicht Filme über Schauspieler. Oder Filme übers Filmen. Ist IMHO durch die doppelte Ebene sehr interessant.
Als Starvehikel haben die Filme allerdings versagt, wenn sie an der Figur scheitern. Bissel schön, bissel verrucht, bissel armes Opfer: daraus bäckt man keine Stars.
Vielleicht ist es eher der Schauwert fürs Publikum, der da reihenweise die Leinwanddiven auferstehen lässt statt der männlichen Schauspieler.
Bei dem Ziel ist freilich die Figur irrelevant, da haben Sie recht.
PS. Bin gespannt, ob Jodie Foster ihren geplanten Film über Leni Riefenstahl macht.
Schöne Filmkritik, danke!
...dass Jessica Schwarz jetzt ihre Selbstmordversuche in der Vergangenheit gestanden hat, um auf ihren Film aufmerksam zu machen.
wenn schon keine wienerin, dann eine pariser schauspielerin.
deutsches imaginäres sehe ich hier nicht wirklich aktiviert...
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