Fernsehen Beschwipst und entmündigtSeite 2/2

Man kann die ihrer Stärken und Widersprüche entledigte Romy Schneider als einen Primetime-Fernsehunfall sehen. Und doch steht sie in einer Reihe mit Marlene Dietrich und Hildegard Knef, denen als Filmheldinnen vergleichbare Domestizierungen widerfuhren. Es sei an Joseph Vilsmaiers Marlene -Film (2000) erinnert, in dem Marlene Dietrich eine heimliche und völlig fiktive deutsche Liebe ihres Lebens angedichtet bekommt: mit einem deutschen Wehrmachtsoffizier, der sich zum Glück als Widerständler erweist. In diesem Film ist die Dietrich Karrieristin, Nymphomanin, Egozentrikerin, bloß keine überzeugte Antifaschistin. Und auch nicht die mit preußischer Disziplin und Perfektion an der Illusion arbeitende Schauspielerin, die sie war.

Auch in Hilde von Kai Wessel, der in diesem Jahr in den Kinos lief, werden die Stachel der Knef gezogen. Ihre jugendliche Verstrickung in die Nazifilmindustrie wird als Karriereschritt abgehakt, ihre Rolle einer KZ-Überlebenden in Wolfgang Staudtes Nachkriegsfilm Die Mörder sind unter uns unterschlagen. Ihr Aufbegehren gegen die Wirtschaftswunder-Prüderie fällt genauso flach wie ihr selbst erkämpfter Weg zur Schriftstellerin. Stattdessen wird Hildegard Knef auf ein Negligé-, Boudoir- und Beziehungsgerede-Wesen reduziert, das vom Reichsfilmdramaturgen über den feschen GI bis zum gut aussehenden britischen Kollegen alles ins Bett und auch mal auf den Wohnzimmersessel zieht.

Marlene, Hilde und Romy mögen sich handwerklich unterscheiden, und Torsten C. Fischers Schneider-Film versucht zumindest, die brave Chronologie des Biografiefilms zu durchbrechen. Aber das Problem dieser Filme liegt darin, dass Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Romy Schneider nicht zu weiblichen Galionsfiguren einer nationalkulturellen Sinnstiftung taugen. Sie hatten ein anderes, zerrisseneres, mutigeres und viel interessanteres Verhältnis zu ihrer Heimat, als diese Filme suggerieren. Vor allem aber waren sie große Künstlerinnen. Vor ebendieser Größe scheinen sich die Filme jedoch zu fürchten. Sie feiern Dietrich, Knef und Schneider als Privatfiguren, indem sie sie künstlerisch entmündigen. Und so hat es auch etwas seltsam Trauriges, dass wir nach unserer Marlene und unserer Hilde nun auch unsere Romy wiederbekommen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. wie eine Wienerin eingedeutscht wird, weil Österreich 1938 zum Deutschen Reich gehörte...

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    • Puella
    • 11.11.2009 um 11:43 Uhr

    Dito.

    Was den Film betrifft, so kann,denke ich,keine filmische Biographie einer so schillernden Persönlichkeit wie Romy Schneider jemals gerecht werden.
    Ein Versuch sollte jedoch erlaubt sein.

    • Puella
    • 11.11.2009 um 11:43 Uhr

    Dito.

    Was den Film betrifft, so kann,denke ich,keine filmische Biographie einer so schillernden Persönlichkeit wie Romy Schneider jemals gerecht werden.
    Ein Versuch sollte jedoch erlaubt sein.

  2. Da ist es wieder, das sentimentale, deutsch-biedermeierliche Frauenbild. Sie flechten und weben himmlische Rosen, und so weiter. Womöglich sind die Rosen stachelig oder gar *halbseiden*, dann bezieht die Frau kollektive Prügel oder kollektive Nachsicht, je nachdem.
    Es scheint aber fürs (bundes-)deutsche kollektive Bewusstsein immer noch erstaunlich, dass ein weiblicher Mensch ernsthafte künstlerische Arbeit, überhaupt ernsthafte Arbeit leisten könnte. Dass dieser Teil der Person relevant, interessant, problematisch, betrachtenswert sein könnte: bei männlichen Menschen - selbstverständlich, bei weiblichen - zeigen wir lieber das mit den Rosen, siehe oben.
    Drei deutsche Regisseure zeigen nun also *das mit den Rosen*. Pressen ihre jeweilige Heldin ins biedermeierliche Klischee, mit dem Ergebnis, das Frau Nicodemus benennt: Domestizierung, Glättung, Entmündigung. Verkleinerung zur Niedlichkeit. Zur Rosenflechterin.
    Wie es wohl geworden wäre, hätte eine Regisseurin diesen Film gedreht? Margarethe von Trotta, Agnieszka Holland? Vielleicht ein gelungener Film, vielleicht nicht. Eins glaube ich aber zu wissen: eine regieführende Künstlerin wird eine andere Künstlerin eher nicht zum rosenflechtenden Abziehbild stilisieren.

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    "Eins glaube ich aber zu wissen: eine regieführende Künstlerin wird eine andere Künstlerin eher nicht zum rosenflechtenden Abziehbild stilisieren."

    Das vielleicht nicht. Aber nehmen wir einmal für eine Sekunde an, es wäre Hermine Huntgeburth als Regisseurin tätig gewesen - dann hätte sich das Leben Romy Schneiders als gehobener Frauenporno dargestellt...

    Scherz beiseite: Die Verfilmungen von Schauspielerbiografien (interessant: es sind niemals Männer) sind nicht nur in höchstem Maße repetitiv (warum muss man Filme machen über das Filmemachen? Weil man sonst keine Ideen hat?); bei den drei genannten Beispielen beschleicht einen zudem der Verdacht, das Ganze diene hauptsächlich als "Star-Vehikel" für die Hauptdarstellerinnen. Das Scheitern, das die Autorin beschreibt, wirkt da nur konsequent.

    "Eins glaube ich aber zu wissen: eine regieführende Künstlerin wird eine andere Künstlerin eher nicht zum rosenflechtenden Abziehbild stilisieren."

    Das vielleicht nicht. Aber nehmen wir einmal für eine Sekunde an, es wäre Hermine Huntgeburth als Regisseurin tätig gewesen - dann hätte sich das Leben Romy Schneiders als gehobener Frauenporno dargestellt...

    Scherz beiseite: Die Verfilmungen von Schauspielerbiografien (interessant: es sind niemals Männer) sind nicht nur in höchstem Maße repetitiv (warum muss man Filme machen über das Filmemachen? Weil man sonst keine Ideen hat?); bei den drei genannten Beispielen beschleicht einen zudem der Verdacht, das Ganze diene hauptsächlich als "Star-Vehikel" für die Hauptdarstellerinnen. Das Scheitern, das die Autorin beschreibt, wirkt da nur konsequent.

  3. 3. Zitat:

    "Eins glaube ich aber zu wissen: eine regieführende Künstlerin wird eine andere Künstlerin eher nicht zum rosenflechtenden Abziehbild stilisieren."

    Das vielleicht nicht. Aber nehmen wir einmal für eine Sekunde an, es wäre Hermine Huntgeburth als Regisseurin tätig gewesen - dann hätte sich das Leben Romy Schneiders als gehobener Frauenporno dargestellt...

    Scherz beiseite: Die Verfilmungen von Schauspielerbiografien (interessant: es sind niemals Männer) sind nicht nur in höchstem Maße repetitiv (warum muss man Filme machen über das Filmemachen? Weil man sonst keine Ideen hat?); bei den drei genannten Beispielen beschleicht einen zudem der Verdacht, das Ganze diene hauptsächlich als "Star-Vehikel" für die Hauptdarstellerinnen. Das Scheitern, das die Autorin beschreibt, wirkt da nur konsequent.

    Antwort auf "Deutsches Biedermeier"
    • Puella
    • 11.11.2009 um 11:43 Uhr
    4.

    Dito.

    Was den Film betrifft, so kann,denke ich,keine filmische Biographie einer so schillernden Persönlichkeit wie Romy Schneider jemals gerecht werden.
    Ein Versuch sollte jedoch erlaubt sein.

    Antwort auf "schon lustig,"
  4. Es gibt Literatur über Literaten und Theaterstücke übers Theater, warum dann nicht Filme über Schauspieler. Oder Filme übers Filmen. Ist IMHO durch die doppelte Ebene sehr interessant.

    Als Starvehikel haben die Filme allerdings versagt, wenn sie an der Figur scheitern. Bissel schön, bissel verrucht, bissel armes Opfer: daraus bäckt man keine Stars.
    Vielleicht ist es eher der Schauwert fürs Publikum, der da reihenweise die Leinwanddiven auferstehen lässt statt der männlichen Schauspieler.
    Bei dem Ziel ist freilich die Figur irrelevant, da haben Sie recht.

    PS. Bin gespannt, ob Jodie Foster ihren geplanten Film über Leni Riefenstahl macht.

    • kascho
    • 11.11.2009 um 19:48 Uhr
    6.

    Schöne Filmkritik, danke!

  5. ...dass Jessica Schwarz jetzt ihre Selbstmordversuche in der Vergangenheit gestanden hat, um auf ihren Film aufmerksam zu machen.

  6. wenn schon keine wienerin, dann eine pariser schauspielerin.

    deutsches imaginäres sehe ich hier nicht wirklich aktiviert...

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