Medizin Wunde im Minilabor

Blutverdünner sind teuflisch kompliziert zu dosieren. Früher waren Gerinnungs-Patienten Dauergast beim Arzt. Heute tragen sie Geräte mit sich herum, die den Doktor ersetzen.

Ein winziger Tropfen Blut aus dem Finger reicht aus, um den Blutzucker zu messen

Ein winziger Tropfen Blut aus dem Finger reicht aus, um den Blutzucker zu messen

Es ist nicht mehr außergewöhnlich, dass jemand ein Labor im Miniaturformat mit sich herumträgt. Meistens sind es Ältere, in deren Taschen oder Handtaschen ein mobiles Messgerät zur Blutzuckerbestimmung steckt. Es entscheidet darüber, ob ein Törtchen mehr noch drin ist. Diabetiker aber sind nicht die Einzigen, die Körpermanagement per Elektronik betreiben.

Zurzeit wächst eine andere Gruppe von Menschen, die das kleine Labor zwischendurch in Anspruch nehmen. Ohne die Messung müssen sie fürchten, dass sich in ihren Adern spontan Blutgerinnsel bilden und Organe schädigen, etwa die Lunge. Patienten mit künstlichen Herzklappen gehören dazu oder solche, die schon häufiger Gerinnsel in den Beinen oder der Lunge hatten.

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500.000 Patienten in Deutschland müssen zeitweilig oder dauerhaft ihre Blutgerinnung regulieren, »das Blut verdünnen«, wie sie sagen. Hier kommt das Messgerät ins Spiel. Schon jeder dritte Gerinnungs-Patient hat die Kontrolle in den letzten Jahren selbst in die Hand genommen.

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Häufig beginnt es mit einem Blutgerinnsel in den Beinvenen, einer Thrombose. Die laienhafte Annahme ist, dass so etwas nur nach achtstündigen Transatlantikflügen in der Holzklasse auftritt oder bei Frauen, die lange Zeit die Pille eingenommen haben. Aber es gibt eine ganze Reihe genetischer Defekte, die das Blut leichter gerinnen lassen.

Rund jeder Zwanzigste trägt den Risikofaktor in sich. Die meisten ahnen nichts davon und werden nie darunter leiden. Manche aber erwischt es. Zumindest zeitweilig müssen die Betroffenen dann ein Medikament einnehmen, dass die Gerinnung hemmt, das sie also künstlich zum Bluter macht, damit sich nicht weitere Gerinnsel bilden. Denn wenn so ein Blutklümpchen in der Lunge oder im Gehirn stecken bleibt und eine Embolie entsteht, kann das tödlich enden.

Von einem auf den anderen Tag muss der Patient also das Mittel Marcumar schlucken. Ein Teufelszeug. Nimmt man zu wenig, droht die Embolie, nimmt man zu viel, könnte man innerlich verbluten. Die Tablette, die heute eingenommen wurde, entfaltet erst drei bis vier Tage später ihre volle Wirkung. Zusätzlich wirkt sich die Lebensweise auf die Gerinnungswerte aus. Beides zusammen macht die richtige Dosierung schwer kalkulierbar.

Es ist, als müsse man einen schwer manövrierbaren Riesentanker durch eine gefährliche Meerenge steuern. Auf dieser Fahrt ist normalerweise der Hausarzt der Kapitän. Er nimmt regelmäßig Blut ab und legt danach die neue Wochendosis fest. Das aber bedeutet, dass sich der Aktionsradius fortan durch die Nähe zur nächsten Arztpraxis definiert. Was aber ist mit Reisen nach Afrika oder in entlegene arktische Gebiete?

Da kommt die Technik ins Spiel. Inzwischen gibt es handliche Messgeräte wie das INRatio oder das CoaguChek XS zur Selbstbestimmung der Gerinnungsfähigkeit des Blutes. 150.000 Patienten benutzen sie in Deutschland. Immer geht es darum, zu messen, wie lange es dauert, bis ein Blutstropfen gerinnt

Das Maß ist der International Normalized Ratio, kurz INR. Ein INR von 2 zum Beispiel bedeutet, dass die Blutungszeit doppelt so lange wie gewöhnlich ist. Ein Wert zwischen 2 und 3 ist für Thrombose-Patienten das Ziel.

Auf den ersten Blick wirkt die Technik recht simpel. Man steckt in einen handtellergroßen, grauen Plastikkasten einen Teststreifen, pikst sich mit einer Nadel in die Fingerbeere und bugsiert den herausquellenden Blutstropfen auf den Streifen. Nach wenigen Minuten erscheint der INR auf dem Display. Davor findet ein umfangreiches Prüfprozedere statt. Bevor sich das Gerät zu irgendwelchen Anzeigen bequemt, checkt es sämtliche internen Sensoren und speist die Daten in insgesamt 118 Formeln.

Im Zentrum der Qualitätssicherung stehen die Messstreifen. Sind die zwei kleinen Kanälchen darauf durchgängig? Wurde der Streifen zu trocken oder zu feucht gelagert? Ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen? Das Gerät kann all dies überprüfen, weil jedem Satz Teststreifen ein Chip beigelegt ist, der in das Gerät eingesetzt werden muss. Vor jeder Messung vergleicht der Patient die Nummer auf dem Etikett der Dose mit den Teststreifen mit der Anzeige auf dem Gerätedisplay.

Nach dieser Prüfung kann es losgehen. In dem Moment, in dem der Blutstropfen auf den Teststreifen trifft, wird eine chemische Reaktion in Gang gesetzt. Auf dem Streifen ist ein winziger Tropfen Thromboplastin untergebracht, ein Protein, das die Gerinnung anstößt: Blutplättchen stapeln sich aufeinander, die Blutkörperchen verklumpen. Solange dieser Vorgang andauert, entsteht ein winziger elektrischer Strom. Wenn das Tröpfchen nur noch ein zähes Häufchen ist, hört der Strom auf zu fließen, und das Ergebnis, die Gerinnungszeit, steht fest.

Das Minilabor simuliert also eine Wunde, und für dieses Stück Körper müssen wohnliche Bedingungen herrschen. Die Testkammer sollte 36,5 Grad Celsius warm sein. Ist das Gerät abgekühlt, muss der Teststreifen leicht erhitzt werden. Weil das aber viel Strom verbraucht, darf die Betriebstemperatur 18 Grad nicht unterschreiten (und 32 Grad nicht überschreiten) – sonst verweigert das Gerät seinen Dienst. Auch darf die relative Luftfeuchtigkeit nicht über 85 Prozent liegen. Dadurch sind freien Reisen ohne Arztkontakt in die Tropen und in die Antarktis enge Grenzen gesetzt.

Unter mitteleuropäischen Wetterbedingungen spuckt das Gerät die Ergebnisse meist prompt aus. Doch mit der Messung ist es nicht getan. Die eigentliche Herausforderung ist die individuelle Anpassung der Marcumar-Dosierung. Ohne Kenntnis von Gerinnungsvorgängen und Pharmakologie ist das ein aussichtsloses Unterfangen – deshalb gibt es das Gerät auch nur nach intensiver Schulung.

Wichtig ist zum Beispiel, was man isst: Vitamin K, etwa in Blumenkohl enthalten, ist ein natürlicher Gegenspieler von Marcumar und kann dessen Wirkung aufheben. Da sich die Gerinnungslage mit Marcumar in Zeitlupe verändert, sind nach dem Genuss von indiziertem Gemüse einige Tage des Wartens nötig. Erst dann lassen sich Schlüsse für eine Anpassung der Dosis ziehen – eine quälend langsame Reaktion. Aber dank dem Taschenlabor muss man nicht mehr nach jedem Blumenkohl-Fauxpas zum Arzt rennen.

 
Leser-Kommentare
    • Medman
    • 06.11.2009 um 19:07 Uhr

    Gut, dass es inzwischen solche Geräte gibt und Patienten, die auf Marcumar angewiesen sind, nicht dauernd zum Arzt rennen müssen um die Dosis den "Verdünnungswerten" (Quick, INR)ihres Blutes anzupassen. Das spart Geld und Nerven, entleert die ohnehin überfüllten Wartezimmer und födert die Patienten-Autonomie.
    Glücklicherweise wird Marcumar evtl. schon in den nächsten 5 Jahren vom Markt verschwiden. Denn inzwischen gibt es Medikamente ("direkte Faktor-Xa-Inhibitoren") mit ebenso guter "Blutverdünnung", die aber OHNE ständige Laborkontrollen auskommen. Was allerdings noch fehlt ist die Zulassung für die typischen Indikationen bei denen Marcumar gegeben wird (z.B. Vorhofflimmern). Studien hierzu laufen derzeit und sind z.T. schon 2010 abgeschlossen.
    Das würde heißen: 1x täglich eine Tablette, fertig. Kein Blutabnehmen, keine versehentliche Überdosierung und Wechselwirkungen.
    Hierdurch sollte auch die Rate an Blutungskomplikationen(z.B. Hirnblutung), welche unter Marcumar regelmäßig vorkommen (Risiko etwa 1% pro Jahr), zurück gehen.
    Voraussetzung hierfür wäre allerdings eine vernünftige Preispolitik der Pharmaindustrie - denn EINE Tablette Marcumar kostet heute etwa 20 Cent, EINE Tablette der neuen Faktor-Xa-Inhibitorem hingegen ca. 7 Euro ("Xarelto"). Somit wären die Kosten um etwa das 35-fache höher!

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