Medizin Wunde im Minilabor
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In dem der Blutstropfen auf den Teststreifen trifft, wird eine chemische Reaktion in Gang gesetzt

Da kommt die Technik ins Spiel. Inzwischen gibt es handliche Messgeräte wie das INRatio oder das CoaguChek XS zur Selbstbestimmung der Gerinnungsfähigkeit des Blutes. 150.000 Patienten benutzen sie in Deutschland. Immer geht es darum, zu messen, wie lange es dauert, bis ein Blutstropfen gerinnt

Das Maß ist der International Normalized Ratio, kurz INR. Ein INR von 2 zum Beispiel bedeutet, dass die Blutungszeit doppelt so lange wie gewöhnlich ist. Ein Wert zwischen 2 und 3 ist für Thrombose-Patienten das Ziel.

Auf den ersten Blick wirkt die Technik recht simpel. Man steckt in einen handtellergroßen, grauen Plastikkasten einen Teststreifen, pikst sich mit einer Nadel in die Fingerbeere und bugsiert den herausquellenden Blutstropfen auf den Streifen. Nach wenigen Minuten erscheint der INR auf dem Display. Davor findet ein umfangreiches Prüfprozedere statt. Bevor sich das Gerät zu irgendwelchen Anzeigen bequemt, checkt es sämtliche internen Sensoren und speist die Daten in insgesamt 118 Formeln.

Im Zentrum der Qualitätssicherung stehen die Messstreifen. Sind die zwei kleinen Kanälchen darauf durchgängig? Wurde der Streifen zu trocken oder zu feucht gelagert? Ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen? Das Gerät kann all dies überprüfen, weil jedem Satz Teststreifen ein Chip beigelegt ist, der in das Gerät eingesetzt werden muss. Vor jeder Messung vergleicht der Patient die Nummer auf dem Etikett der Dose mit den Teststreifen mit der Anzeige auf dem Gerätedisplay.

Nach dieser Prüfung kann es losgehen. In dem Moment, in dem der Blutstropfen auf den Teststreifen trifft, wird eine chemische Reaktion in Gang gesetzt. Auf dem Streifen ist ein winziger Tropfen Thromboplastin untergebracht, ein Protein, das die Gerinnung anstößt: Blutplättchen stapeln sich aufeinander, die Blutkörperchen verklumpen. Solange dieser Vorgang andauert, entsteht ein winziger elektrischer Strom. Wenn das Tröpfchen nur noch ein zähes Häufchen ist, hört der Strom auf zu fließen, und das Ergebnis, die Gerinnungszeit, steht fest.

Das Minilabor simuliert also eine Wunde, und für dieses Stück Körper müssen wohnliche Bedingungen herrschen. Die Testkammer sollte 36,5 Grad Celsius warm sein. Ist das Gerät abgekühlt, muss der Teststreifen leicht erhitzt werden. Weil das aber viel Strom verbraucht, darf die Betriebstemperatur 18 Grad nicht unterschreiten (und 32 Grad nicht überschreiten) – sonst verweigert das Gerät seinen Dienst. Auch darf die relative Luftfeuchtigkeit nicht über 85 Prozent liegen. Dadurch sind freien Reisen ohne Arztkontakt in die Tropen und in die Antarktis enge Grenzen gesetzt.

Unter mitteleuropäischen Wetterbedingungen spuckt das Gerät die Ergebnisse meist prompt aus. Doch mit der Messung ist es nicht getan. Die eigentliche Herausforderung ist die individuelle Anpassung der Marcumar-Dosierung. Ohne Kenntnis von Gerinnungsvorgängen und Pharmakologie ist das ein aussichtsloses Unterfangen – deshalb gibt es das Gerät auch nur nach intensiver Schulung.

Wichtig ist zum Beispiel, was man isst: Vitamin K, etwa in Blumenkohl enthalten, ist ein natürlicher Gegenspieler von Marcumar und kann dessen Wirkung aufheben. Da sich die Gerinnungslage mit Marcumar in Zeitlupe verändert, sind nach dem Genuss von indiziertem Gemüse einige Tage des Wartens nötig. Erst dann lassen sich Schlüsse für eine Anpassung der Dosis ziehen – eine quälend langsame Reaktion. Aber dank dem Taschenlabor muss man nicht mehr nach jedem Blumenkohl-Fauxpas zum Arzt rennen.

 
Leser-Kommentare
    • Medman
    • 06.11.2009 um 19:07 Uhr

    Gut, dass es inzwischen solche Geräte gibt und Patienten, die auf Marcumar angewiesen sind, nicht dauernd zum Arzt rennen müssen um die Dosis den "Verdünnungswerten" (Quick, INR)ihres Blutes anzupassen. Das spart Geld und Nerven, entleert die ohnehin überfüllten Wartezimmer und födert die Patienten-Autonomie.
    Glücklicherweise wird Marcumar evtl. schon in den nächsten 5 Jahren vom Markt verschwiden. Denn inzwischen gibt es Medikamente ("direkte Faktor-Xa-Inhibitoren") mit ebenso guter "Blutverdünnung", die aber OHNE ständige Laborkontrollen auskommen. Was allerdings noch fehlt ist die Zulassung für die typischen Indikationen bei denen Marcumar gegeben wird (z.B. Vorhofflimmern). Studien hierzu laufen derzeit und sind z.T. schon 2010 abgeschlossen.
    Das würde heißen: 1x täglich eine Tablette, fertig. Kein Blutabnehmen, keine versehentliche Überdosierung und Wechselwirkungen.
    Hierdurch sollte auch die Rate an Blutungskomplikationen(z.B. Hirnblutung), welche unter Marcumar regelmäßig vorkommen (Risiko etwa 1% pro Jahr), zurück gehen.
    Voraussetzung hierfür wäre allerdings eine vernünftige Preispolitik der Pharmaindustrie - denn EINE Tablette Marcumar kostet heute etwa 20 Cent, EINE Tablette der neuen Faktor-Xa-Inhibitorem hingegen ca. 7 Euro ("Xarelto"). Somit wären die Kosten um etwa das 35-fache höher!

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