Zwischen Gämsen oder Steinböcken fiele Josef Zeyer nicht auf. Der Mikrobiologieprofessor springt bergan wie übermütiges Getier, die Nordic-Walking-Stöcke fest im Griff. Die Luft ist dünn und er sechzig Jahre alt. Ab und zu ein Sprint, trotz schwer beladenen Rucksacks, dann ein Satz zwischen Granitquadern hindurch, die der Steinschlag ins Tal der Göscheneralp gebracht hat.

Seine Fitness erleichtert dem Forscher die Arbeit. Das Labor steht im Institut für Biogeochemie und Schadstoffdynamik der ETH Zürich . Aber sein schönster Arbeitsplatz liegt weit oben, im Dachgeschoss der Alpen im schweizerischen Kanton Uri. Der Blick geht steil hinauf zum gezackten Horizont. Knapp unterhalb der Gebirgskette, die Göscheneralp und Urserental trennt, liegt auf 3300 Metern Höhe der Bergschrund des Dammagletschers. Dahinter das am Fels festgefrorene Eis, davor die zu Tal fließenden Massen in gleißendem Gegenlicht.

(Klicken Siehier für eine Infografik, die zeigt, wie sehr sich der Dammagletscher in den vergangen Jahrzehnten zurückgezogen hat.)

Zeyer ist nicht der einzige Wissenschaftler, der auf dem Weg zur Arbeit diesen Hochgebirgspfad nimmt, vom Stausee hinauf bis weit über die Baumgrenze. Während sich früher fast nur Glaziologen auf Gletschern herumgetrieben haben, kommen an diesem Ort heute schnell Vertreter von einem Dutzend Disziplinen zusammen: Hydrologen, Mikrobiologen, Botaniker, Zoologen, Geochemiker, Geografen, Geologen, Umwelt- und Agrarwissenschaftler nehmen den strapaziösen Weg zu Fuß hinauf zum Damma.

Kaum ein Gletscher weltweit wird auf so vielfältige Weise untersucht wie der noch 2,5 Kilometer lange Dammagletscher. Seine Ausdehnung wurde seit 1921 minutiös dokumentiert. Die exakten Abflussmengen des Schmelzwassers, das Treiben der Bakterien in seinem Eiskörper oder die Zusammensetzung des Gesteinsschutts, der Jahr für Jahr auf ihm liegen bleibt, finden Eingang in allerlei wissenschaftliche Publikationen. BigLink heißt der Forschungsverbund, an dem sich neben der Zürcher ETH weitere eidgenössische, deutsche und angelsächsische Hochschulen beteiligen. Rund um die Uhr fühlen deren Wissenschaftler hier oben dem schwindenden Gletscher mit Messinstrumenten den Puls, erfassen Temperatur, Feuchtigkeit, Niederschlagsmengen, den Stickstoffgehalt der Umgebungsluft und jedes Zurückweichen der Zungenspitze. Eine wissenschaftliche Form begleiteten Sterbens.

Josef Zeyer kümmert sich um das, was kommt, wenn der Gletscher geht. Mit seinen Kollegen beobachtet er die Geburt neuen Lebens. Wie kommt der Stickstoff in den Boden? Welche Bakterien beziehen als Erste frei gewordenes Gelände? Und welche Symbiosen gehen Mikroorganismen und sprießende Flora ein, um das Ödland zu erobern?

Doch wenn seine komplex wechselwirkende Natur so viel neuen Platz bekommt wie im Moment, kann sich Zeyer nicht freuen. Seit Menschengedenken ist der Untergrund nie schneller ans Licht gekommen als zurzeit. Im vergangenen Jahrzehnt, dem wärmsten seit 150 Jahren, ging es mit den 1500 Schweizer Gletschern dramatisch bergab.

Aufgezeichnet ist die Entwicklung in den Datenbeständen des Schweizerischen Gletschermessnetzes . Seit 1999 ist der Rhônegletscher um über 160 Meter kürzer geworden, der Gornergletscher bei Zermatt um fast 400 Meter. Drei von vier helvetischen Eiszungen sind heute schon kleiner als ein Quadratkilometer – die Winzlinge werden Mitte des Jahrhunderts wohl verschwunden sein und an dessen Ende dann alle Alpengletscher.

Aussagekräftiger als Längen- und Flächenangaben ist das Eisvolumen. ETH-Forscher der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie haben mithilfe neuer Verfahren jene 59 Gletscher ausgemessen, die noch mehr als drei Quadratkilometer Fläche bedecken. Allein zwischen 1999 und 2009 schrumpfte die Schweizer Eismasse um zwölf Prozent. Mit diesem Schmelzwasser könnte man mehr als zweimal den Zürichsee füllen.