Identitätsdebatte Es lebe Frankreich! Aber welches?
Wie Nicolas Sarkozy mit einer Kampagne zur nationalen Identität das Land spaltet.
Was ist typisch französisch? Zum Beispiel wenn der Staat eine Debatte darüber anordnen kann, was französisch ist: Eric Besson, einst Sozialist und heute Minister für Immigration und nationale Identität der Regierungspartei UMP, überzieht das Land seit Montag mit Hunderten von Diskussionsveranstaltungen über die »nationale Identität«, flankiert von einer eigenen Website und Buchveröffentlichungen. Anfang Dezember spricht der Staatspräsident zum Thema, im Februar folgt eine »Zusammenfassung« der Kampagne. Warum das Ganze, und warum jetzt?
Weil die Kampagne auch taktische Zwecke verfolgt. Schließlich finden im März Regionalwahlen statt, und die Regierung muss sich etwas einfallen lassen, um unruhig werdende Stammwähler zufriedenzustellen. Die traditionell rechts wählenden Milieus, etwa aus dem Handwerk und der Landwirtschaft, werden von der Krise und der Globalisierung besonders heftig gezaust. Zugleich erleben sie mit Nicolas Sarkozy einen Präsidenten des unaufhörlichen Umbaus und der personalpolitischen Öffnung nach links, er schreckt nicht einmal davor zurück, die traditionelle Siegesfeier des 11. November zum Festtag deutsch-französischer Freundschaft auszurufen. Es rumort daher im Unterbau, eine Nationalkampagne kommt gerade recht; vor einer Versammlung von Landwirten sagte Sarkozy allen Ernstes, Frankreichs Erde zähle zur Identität.
Nicht unwillkommen dürfte sein, dass die Initiative die Linke spaltet. Die Sozialisten vertreten derzeit alle drei denkbaren Ansichten zur Identitätskampagne: dafür, unter Bedingungen dafür, dagegen. Sie rufen: »Das ist eine Falle!« – und laufen sehenden Auges hinein. Die Sozialisten mögen den Franzosen doch bitte erklären, wie sie es mit der nationalen Identität hielten: Eins zu null für Frédéric Lefebvre, den vor Zuspitzung nie zurückschreckenden Sprecher der UMP.
Während die Sozialisten offenbar die Verbindung zu den Bürgern verloren haben, treffen die Sarkozysten einen Nerv. Umfragen zufolge begrüßen die Franzosen die Initiative der Regierung, und nur wenige Stunden nach deren Ankündigung debattierte bereits das ganze Land über die von Minister Besson vorgelegte Frage: »Was heißt es, französisch zu sein?«
Das Thema beschäftigt die Medien schon länger. Nostalgische Liebeserklärungen an das Frankreich, wie es früher war, füllen die Bücherregale; auch der Riesenerfolg des Films Willkommen bei den Sch’tis deutet darauf hin, dass da eine Leerstelle klafft. Von der ZEIT danach befragt, äußert sich Henri Guaino, Sarkozys Redenschreiber im Élysée und vielleicht sein wichtigster Theoretiker, sehr klar: »Wäre heutzutage das Gefühl, einer Nation zugehörig zu sein, eine Selbstverständlichkeit, dann brauchte es keine Debatte. Aber wenn man sich in einer Situation tiefer Verunsicherung darüber befindet, was die Nation ist, in einer Identitätskrise, einer Orientierungskrise, dann wird die Identität zum Gegenstand der Politik.«
Doch just hier liegt auch das Problem der Initiative. Sie fragt nach dem »Wesen« der Nation, macht also die schwerwiegende Voraussetzung, dass Nationen eine innere Qualität, eine Essenz bergen, die von jenen bejaht werden muss, die dazugehören wollen. Derlei Essenzialismus schießt weit über die Frage hinaus, welche Regeln – abgesehen von den rechtlichen – für das Zusammenleben gelten sollen. Doch ebendiese Frage, die praktischer Vernunft und keiner »Wesensschau« bedarf, ist mit der Globalisierung und ihren Völkerwanderungen die eigentlich dringliche geworden. Das in Frankreich verbreitete Prinzip der Assimilation stößt an seine Grenzen; wie weit aber darf die kulturelle Selbstständigkeit im Lande gehen? Wie ist mit der Unterdrückung der Frauen in den Banlieues, wie mit religiösem Fanatismus und Rassismus umzugehen?
Diesen Problemen mit Nationalideologie zu begegnen führt zwangsläufig auf Abwege. Zum Aussortieren jener, die nicht in das Bild passen, das sich die Alteingesessenen vom Wesen der Nation machen. Dann steht beispielsweise die Ganzkörperverschleierung der »nationalen Identität« entgegen, wie Besson behauptet.
Und deswegen wird die Kampagne nicht etwa die Franzosen zusammenführen. Sie droht sie vielmehr zu spalten. Die Deutschen wiederum könnten daraus etwas lernen: nämlich, wie man es nicht machen sollte.
- Datum 05.11.2009 - 12:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
- Kommentare 23
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der olle Friedrich Nietzsche: "Das aber eben kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage: Was ist deutsch? niemals ausstirbt."
Offenbar ist Frankreich jetzt eine deutsche Kolonie geworden...;-)
...solch ein Quatsch was Sie da von sich geben !!
...solch ein Quatsch was Sie da von sich geben !!
Schaetze,
das liegt wohl eher an vergleichbaren Immigrationsraten und dem daraus
resultierenden verringerten Gesamtkohaesionsgefuehl sowohl der Bevoelkerung Frankreichs als auch der Bevoelkerung Deutschlands (und der Niederlande, Italiens, ....).
Alles Nationen, die vorher noch keine Massenimmigration (in dem Ausmass) kannten, fuer die sich das Nationalgefuehl vorher ganz selbstverstaendlich aus der Tatsache zusammengesetzt hat, schon immer dagewesen zu sein, eine gemeinsame Geschichte zu haben, usw usf.
Neue Zeiten, neue Probleme, neue Debatten! Und immer weniger davon baut auf die alten Muster auf ("die Deutschen sind", "die Franzosen sind"), gerade weil die autochthone Bevoelkerung, fuer die solche Aussagen vielleicht irgendwann einmal eine gewisse Richtigkeit beanspruchen konnten, an Bedeutung verliert.
Ernest Renan
Bekannt ist Renan auch für seine Rede vom 11. März 1882 in der Sorbonne: Was ist eine Nation?, in der er folgende, moderne Definition gibt:
„Die Nation ist eine große Solidargemeinschaft, die durch das Gefühl für die Opfer gebildet wird, die erbracht wurden und die man noch zu erbringen bereit ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus und lässt sich dennoch in der Gegenwart durch ein greifbares Faktum zusammenfassen: die Zufriedenheit und den klar ausgedrückten Willen, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Die Existenz einer Nation ist (man verzeihe mir diese Metapher) ein tägliches Plebiszit, wie die Existenz des Individuums eine ständige Bekräftigung des Lebens ist.“
(c) wikipedia
Leider liefert Renan nur die Definition für ein homogenisiertes Gemeinwesen. Um dies zu erreichen wurde nicht nur die Sprache standardisiert und Minderheiten wie die Bretonen militärisch besiegt und religiöse Minderheiten wie die Hugenotten vertrieben. Den Preis in Blut zahlten andere.
Jede Gemeinschaft hat ihren Gründungsmythos, ihre Geschichten, in denen sie sich selbst vergewissert. Ein Staat funktioniert nicht anders wie eine Familie und Nationalfeiertage haben die gleiche Funktion wie Oma Ernas neunzigster Geburtstag.
Die viel spannendere Frage ist aber, wie bildet sich eine Solidargemeinschaft aus vorher unabhängigen Solidargemeinschaften und welche Bedeutung hat nationale Solidarität in einer globalisierten Wirtschaftsstruktur einerseits und der Regionalisierung andererseits. Warum sollte ein Franzose einem Franzosen helfen, wenn sein Arbeitsplatz in einer deutschen Firma ist und er seinen afrikanischen Nachbarn braucht, um den Wasserrohrbruch zu beheben.
Leider liefert Renan nur die Definition für ein homogenisiertes Gemeinwesen. Um dies zu erreichen wurde nicht nur die Sprache standardisiert und Minderheiten wie die Bretonen militärisch besiegt und religiöse Minderheiten wie die Hugenotten vertrieben. Den Preis in Blut zahlten andere.
Jede Gemeinschaft hat ihren Gründungsmythos, ihre Geschichten, in denen sie sich selbst vergewissert. Ein Staat funktioniert nicht anders wie eine Familie und Nationalfeiertage haben die gleiche Funktion wie Oma Ernas neunzigster Geburtstag.
Die viel spannendere Frage ist aber, wie bildet sich eine Solidargemeinschaft aus vorher unabhängigen Solidargemeinschaften und welche Bedeutung hat nationale Solidarität in einer globalisierten Wirtschaftsstruktur einerseits und der Regionalisierung andererseits. Warum sollte ein Franzose einem Franzosen helfen, wenn sein Arbeitsplatz in einer deutschen Firma ist und er seinen afrikanischen Nachbarn braucht, um den Wasserrohrbruch zu beheben.
Die nationale Identität gibt es doch erst seit etwa 200 Jahren und viele, vor allem bei den EU-Neulingen und Beitrittskandidaten tun immer noch so, als wäre es etwas Ewiges, Ursprüngliches, Intensives, zum Überleben Unverzichtbares, so wie essen und trinken. Hoffentlich wird dieser Spuk des "Nationalen" schon bald Geschichte sein und das "Öko-Sozial-Lokal-Globale" (lokal handeln, global denken) unseren Alltag endgültig bestimmen.
Leider liefert Renan nur die Definition für ein homogenisiertes Gemeinwesen. Um dies zu erreichen wurde nicht nur die Sprache standardisiert und Minderheiten wie die Bretonen militärisch besiegt und religiöse Minderheiten wie die Hugenotten vertrieben. Den Preis in Blut zahlten andere.
Jede Gemeinschaft hat ihren Gründungsmythos, ihre Geschichten, in denen sie sich selbst vergewissert. Ein Staat funktioniert nicht anders wie eine Familie und Nationalfeiertage haben die gleiche Funktion wie Oma Ernas neunzigster Geburtstag.
Die viel spannendere Frage ist aber, wie bildet sich eine Solidargemeinschaft aus vorher unabhängigen Solidargemeinschaften und welche Bedeutung hat nationale Solidarität in einer globalisierten Wirtschaftsstruktur einerseits und der Regionalisierung andererseits. Warum sollte ein Franzose einem Franzosen helfen, wenn sein Arbeitsplatz in einer deutschen Firma ist und er seinen afrikanischen Nachbarn braucht, um den Wasserrohrbruch zu beheben.
Für das Frankreich Renans mag das "homogenisiert" zutreffen, aber Renans Definition setzt das nicht zwingend voraus.
Ein Beispiel:
Ich habe das Glück, einige eingebürgerte Damen aus dem Gebiet Türkei / Iran zu kennen, die gerne "Deutsch" sind und wirklich eine Bereicherung für uns darstellen. Nun küssen sie nicht gerade MIR die Hand, aber die Dankbarkeit der deutschen Solidargemeinschaft gegenüber, die ihnen Schule und Ausbildung und Arbeitsplatz ermöglichte, ist vorhanden. Aber - das war vor dem Eintritt der SPD 1998. (Ich bin ja eigentlich auch Flüchtlingskind, und trotzdem Deutscher.)
Und ein Gegenbeispiel:
In Deutschland haben wir doch das umgekehrte Problem: das der Des-Integration. "Ich - Opfer bringen?" fragt der neoliberale. "Das steht uns zu" sagt der Neofeudalist. "Ihr verschwendet mein Geld" jammert der Finanzminister.
...solch ein Quatsch was Sie da von sich geben !!
... setzt sich aus Menschen zusammen, die übereinstimmend ein Land, und kein anderes, als Heimat bezeichnen, i.d.R. bestimmt durch Geburt und Herkunft sowie gemeinsame kulturelle Merkmale wie Sprache, Tradition, Sitten, Gebraüche, Abstammung und Geschichte.
Als Einwanderer müsste man sich vollständig assimilieren, um zur Nation dazu zu gehören.
Für alle anderen Hinzugezogenen bleibt eine solche Nation der Staat, in dem sie leben, d.h. eine politische Gemeinschaft aus vielerlei Nationalitäten.
Im Vergleich zu einen solchen Staat verfügt der Nationalstaat noch über weitgehende ethnische Homogenität.
Durch die Migrationsströme werden die Nationalstaaten zunehmend von Fremdem durchsetzt, Landestypisches geht langsam unter, und dagegen wehren sich heute wieder viele.
Verständlich - das Fremde sollte ein gewisses Ausmaß nicht überschreiten, um noch als Bereicherung empfunden zu werden!
Wenn ich heute nach Frankreich oder Spanien komme und außer der Sprache und der Landschaft keinen Unterschied zu Deutschland entdecke, dann ist das m.E. kein Gewinn ...
Also, dass ich die gleiche Tradition und die gleichen Sitten wie Sie habe, bezweifle ich. Dass Sie es gerne haetten, gleube ich allerdings gerne. Und trotzdem sind wir "Teil der selben Nation"
In Frankreich gibts uebrigends eine Menge mehr Unterschiede zu Deutschland, als Sprache und Landschaft. Der Kaese ist z.B. deutlich besser dort. Ist aber Geschmacksache.
erfrischend mal einen kommentar zu lesen der eine nation eben damit umschreibt was natuerlich gewachsen ist - Heimat bestimmt durch Geburt und Herkunft sowie gemeinsame kulturelle Merkmale wie Sprache, Tradition, Sitten, Gebraüche, Abstammung und Geschichte - und deutlich macht, dass zuwanderung nicht das gewachsene sondern dass von wenigen das NEUE, oft unbewusst akzeptierte, nicht zur erweiterung einer nation fuehrt sondern eine nation zum mittelmass verurteilt
Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu...die Nationalstaaten, wie die Türkei zum Beispiel, lassen es erst gar nicht zu das Ihre Nation durch Zuwanderung allmälich aufgelöst wird - welche Absicht steckt eigentlich dahinter wenn ein Land seine eigenen Einwohner massenhaft zur Auswanderung bewegt ??
Also, dass ich die gleiche Tradition und die gleichen Sitten wie Sie habe, bezweifle ich. Dass Sie es gerne haetten, gleube ich allerdings gerne. Und trotzdem sind wir "Teil der selben Nation"
In Frankreich gibts uebrigends eine Menge mehr Unterschiede zu Deutschland, als Sprache und Landschaft. Der Kaese ist z.B. deutlich besser dort. Ist aber Geschmacksache.
erfrischend mal einen kommentar zu lesen der eine nation eben damit umschreibt was natuerlich gewachsen ist - Heimat bestimmt durch Geburt und Herkunft sowie gemeinsame kulturelle Merkmale wie Sprache, Tradition, Sitten, Gebraüche, Abstammung und Geschichte - und deutlich macht, dass zuwanderung nicht das gewachsene sondern dass von wenigen das NEUE, oft unbewusst akzeptierte, nicht zur erweiterung einer nation fuehrt sondern eine nation zum mittelmass verurteilt
Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu...die Nationalstaaten, wie die Türkei zum Beispiel, lassen es erst gar nicht zu das Ihre Nation durch Zuwanderung allmälich aufgelöst wird - welche Absicht steckt eigentlich dahinter wenn ein Land seine eigenen Einwohner massenhaft zur Auswanderung bewegt ??
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