Wandern Im Lauf der Jahre

Ein paar Hamburger Männer sind rund um Deutschland gewandert. Sie haben für Freibier gesungen und die Farben des Ostens kennengelernt.

DIE ZEIT: Herr Dähn, Herr Wilm, Sie haben sich jedes Jahr für eine Woche getroffen und insgesamt 5098 Kilometer zurückgelegt. Welches Bild ist Ihnen bei Ihrer Wanderung rund um Deutschland besonders im Gedächtnis geblieben?

Heinrich Dähn: Wie der Osten immer bunter geworden ist. Bei unserer ersten Tour auf ehemaligem DDR-Gebiet 1991 waren die Städte grau. Mit jedem Jahr wurden sie farbiger. Bald merkte man gar nicht mehr, ob man in Ost- oder Westdeutschland wandert.

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Wolfgang Wilm: Mich hat am meisten die Rhön beeindruckt und diese Weite in Mecklenburg-Vorpommern, in der sich das Auge verliert. Fast wie in den USA.

ZEIT: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee für ein so aufwendiges Vorhaben?

Dähn: Wir wollten uns nach dem Abitur nicht aus den Augen verlieren. Wir suchten ein Konzept, das uns zu regelmäßigen Treffen anhält.

Wilm: Gestartet sind wir 1970 in Kupfermühle an der deutsch-dänischen Grenze. Und da sind wir dieses Jahr wieder angekommen. Unser Projekt hat ja länger gedauert als gedacht. Als wir gerade in Bayern waren, kam die Wiedervereinigung. Da haben wir umgeplant, sind an der neuen Ostgrenze weitergegangen.

Dähn: Zu unserer Gruppe sind immer mal wieder Mitwanderer dazugestoßen, zum Schluss waren wir zu fünft. Der harte Kern waren wir beide und unser Freund Peter Fuchs. Der hat immer seinen Hund dabei, es ist inzwischen der vierte.

ZEIT: Wie hat sich in den fast vierzig Jahren das Wandern verändert?

Wilm: Anfangs hatten wir oft Blasen an den Füßen. Wir trugen ja normale Halbschuhe. Diese ganze Wander-Industrie, mit Goretexjacken oder atmungsaktiver Unterwäsche, die gab es noch nicht.

Dähn: Damals waren auch Rucksäcke noch verpönt. Als wir in Büsum über den Deich gingen, hörte ich, wie ein Junge seine Mutter fragte: Was hat der Mann für ein komisches Ding auf dem Rücken? Die ersten Wanderer, die auch einen Rucksack dabeihatten, trafen wir erst drei Jahre später, im Teutoburger Wald.

Wilm: Überhaupt waren wir damals ziemliche Exoten. Als wir 1973 nach Westerwanna kamen, wo wir unsere Route vom Vorjahr fortsetzen wollten, sagten die Leute im Gasthaus: »Oh, Wandern wird wohl wieder modern. Letztes Jahr waren auch schon Wanderer hier.« Sie hatten sich unsere Gesichter nicht gemerkt. Mit den Jahren haben wir dann immer mehr Tourenwanderer getroffen, es gab auch immer mehr ausgeschilderte Wege. Das Wandern ist einfacher geworden.

Dähn: Wir haben uns auch verändert, wir wurden gemütlicher: Die letzten Male schickten wir unser Gepäck im Taxi zum nächsten Hotel. Wir gingen auch nicht mehr 25 Kilometer pro Tag, sondern gerade noch 15.

ZEIT: Und übernachtet wird jetzt nicht mehr im Zelt, sondern im Hotel?

Wilm: Das war von Anfang an so. Wir sind ja im normalen Leben Geschäftsleute oder Lehrer. Es war ausgemacht, dass wir immer in Hotels schlafen und jeder ein Einzelzimmer bekommt. In Thüringen haben wir extra einen Abstecher in die Rhön gemacht: Direkt an der Grenze haben wir 1991 kein gutes Hotel entdeckt.

Dähn: In Sachsen aber sind wir fündig geworden – und trafen eine interessante Hotelbetreiberin. Sie erzählte uns, dass sie zu DDR-Zeiten Bardame im Hotel Palace in Berlin gewesen sei. So sei sie immer gut informiert gewesen, sie habe beim Servieren Staatsgäste belauscht.

ZEIT: Ging es also auch darum, Menschen aus allen Teilen Deutschlands kennenzulernen?

Wilm: Wir haben gern mit Einheimischen geplaudert. Einmal haben wir sogar für Freibier gesungen. Das war im bayerischen Simmersberg. Die Männer an einem Stammtisch, alle mit Bart und Hut, sagten: Ach, ihr kommt aus Norddeutschland? Singt ihr uns ein Shanty? Wir haben den Hamborger Veermaster gesungen und Wir lagen vor Madagaskar. Und am nächsten Morgen standen die mit Weißwürsten vor unserem Hotel und haben uns beigebracht, wie man die »zuzelt«.

Dähn: Aber natürlich stand das Zusammensein mit den Freunden im Vordergrund.

ZEIT: Entsteht eine besondere Stimmung, wenn man in einer Männerrunde unterwegs ist?

Dähn: Unter uns hat sich eine eigene Gesprächskultur entwickelt. Wir reden über Atomkraft oder Wahlen oder Fußball, kaum über Krankheiten oder unsere Familien. Das ist wie eine Auszeit vom Alltag. Mir waren diese Touren sehr wichtig. Jeden anderen Urlaub hätte ich wegen dringender Geschäfte verschoben. Aber die Wanderungen gingen vor.

ZEIT: Hat sich Ihr Zusammensein im Laufe der Jahre verändert?

Wilm: Nur wenig. Man kennt sich ja gut, weiß um die Schrullen und erwartet fast, dass sich jeder auf die bekannte Weise verhält. Man fällt auch ein bisschen in die Rollen zurück, die man als Schüler hatte. Einer mimt den Macho, einer den stillen Denker.

Dähn: Wolfgang etwa war schon immer kulturbeflissen. Manchmal überredete er uns, einen Berg hinunterzugehen und hinterher wieder rauf, nur weil im Tal eine sehenswerte kleine Kirche steht. Oder er schickte uns elf Kilometer weit über einen mit Gestrüpp bewachsenen Deich, der vor 1200 Jahren ein bedeutender Verteidigungswall war. Aber Wolfgang ist eben der Herr der Karten und gab die Route vor.

Wilm: Ich habe zu Hause 187 »L-Karten« angesammelt, ausgemusterte Militärkarten. Da ist jeder winzige Weg drauf, die sind ideal für so ein Vorhaben. Wir wollten ja große Straßen meiden und nahe der Grenze laufen.

Dähn: Allerdings sind diese Karten recht alt. Manchmal waren die eingezeichneten Brücken eingestürzt oder die Wege überwuchert. Einmal bin ich bis zum Hals in einen Wassergraben gefallen, weil ich den vor lauter Büschen nicht gesehen habe. Die anderen mussten mir dann erst mal trockene Kleidung geben.

ZEIT: Was haben Ihre Frauen dazu gesagt, dass Sie ohne sie losgezogen sind?

Dähn: Mit denen sind wir auch viel gewandert, nur eben nicht bei der Deutschlandtour.

Wilm: Meine Frau wusste stets, wo ich gerade war. Ich habe ihr von unterwegs aus Postkarten geschickt. Eine morgens, eine abends. Da standen aber keine Liebeserklärungen drauf, sondern die gewanderten Kilometer, die Höhe und das Wetter. Nach der Tour habe ich dann alles genau dokumentiert. Mittlerweile füllen die Aufzeichnungen zehn Ordner.

ZEIT: Haben Sie in all den Jahren mal gemogelt und sind ein Stück weit Bus gefahren?

Wilm: Wir sind immer genau an der Stelle weitergegangen, wo wir am Tag oder im Jahr davor aufgehört hatten. Wir haben uns Orientierungspunkte gesucht, Ortsschilder etwa.

Dähn: Peter Fuchs und ich haben mal für zwei Jahre in den USA gelebt. Die verpassten Strecken sind wir später nachgewandert. Wolfgang ist mitgegangen und hat aufgepasst, dass wir keine Abkürzung nehmen. Und vor ein paar Jahren haben wir mal ein Stück zwischen Stralsund und Wismar ausgelassen. Da hätten wir neun Kilometer geradeaus auf der Landstraße gehen müssen. Das war so langweilig, wir haben den Bus genommen.

Wilm: Letztes Jahr bekam ich dann eine Postkarte von Heinrich: ›Ich bin die Strecke nachgewandert‹. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und hab mich auch auf den Weg gemacht. Jetzt fehlt uns kein Meter mehr.

ZEIT: Ist nun ein neues Projekt geplant?

Dähn: Wir haben einige Ideen. Sicher ist nur: Eine weitere Deutschlandumrundung wird es nicht sein. Und vielleicht können wir unsere Frauen überreden, diesmal mitzuwandern.

Interview: Cosima Schmitt

 
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