Klimaschutz Die Menschheit vertagt sichSeite 4/4

Das klingt schroffer, als es womöglich gemeint ist. Für Indien, China und die anderen Schwellenländer in der Gruppe der 77 vereinten Entwicklungsländer geht es vor allem um eines: Ihre Zusagen für ein zukünftiges Klimaschutzregime sollen nicht im selben Vertragswerk fixiert werden wie die Verpflichtungen der Industrieländer. Zu groß ist die Sorge der Schwellenländer, beim Klimaschutz bald an denselben Maßstäben wie die Industrieländer gemessen zu werden. Darum verteidigen diese Länder verbissen das Kyoto-Protokoll, das nicht ihnen, wohl aber den Industrieländern Klimaschutzpflichten auferlegt. Die armen Entwicklungsländer halten an Kyoto fest aus schierer Verzweiflung und der Furcht, dass der Norden ohne die Verbindlichkeit des Protokolls noch weniger für den Klimaschutz tun würde. »Kyoto ist kein Joghurt, den man nach dem Verfallsdatum wegschmeißt«, sagt einer der afrikanischen Verhandler.

Vielleicht liegt für die Europäer hierin die Antwort auf die Krise der Klimadiplomatie. Auch wenn Kopenhagen scheitert, Kyoto kann bleiben. 2012 endet lediglich die erste Verpflichtungsperiode der dort genannten Industrieländer. Ihr könnte eine weitere Verpflichtungsperiode mit strengeren Werten folgen. Das lehnen die »Kyoto-Länder« ab – solange die USA nicht mitmachen.

Doch dieser Teufelskreis ließe sich durchbrechen. Denn es ist möglich, die USA unter Druck zu setzen. Verständigen sich Europäern und die wichtigsten Schwellenländern in Kopenhagen auch ohne die USA auf halbwegs ehrgeizige Klimaziele, könnte das einen Sog erzeugen, dem sich Kongress und Senat in den USA auf Dauer nicht entzie- hen können. Denn in Amerika selbst tobt ein Kampf um Klimaschutz, und es wird sich in den nächsten Monaten womöglich entscheiden, welchen Kurs die Supermacht einschlägt. Die lange Zeit geschlossen gegen den Klimaschutz marschierende Energielobby ist inzwischen tief gespalten. Die Ölkonzerne und Kohlebetreiber sehen von Kyoto bis Kopenhagen nur Verderben, die Erdgasindustrie sieht dort ihre Zukunft. Die Finanzindustrie wittert in einer »grünen Ökonomie« gigantische Renditen. Weltkonzerne wie Apple und Google beschimpfen und beschämen Klimaschutzgegner in Washington. Grüne Vorreiter wie Kalifornien können früher oder später andere Bundesstaaten mitziehen. Und Obama kann den bockigen Kongress zumindest teilweise umgehen, indem er Klimaschutzmaßnahmen an die Bundesumweltbehörde überträgt.

Womöglich täte Europa ihm und der Welt den größten Gefallen, den amerikanischen Vorschlag der nationalen Klimaschutzversprechen abzuschmettern. Denn Obama, so darf man, muss man hoffen, ist weiterhin entschlossen, sein Land in Richtung eines global verbindlichen Klimaschutzes zu drängen. Gehen die Europäer dabei voran, kann das seine Aufgabe nur leichter machen.

Mitarbeit Christiane Grefe und Fritz Vorholz

 
Leser-Kommentare
  1. Welche Druckmittel sollen die Europäer gegen die USA in der Hand haben? Wenn es um den Umweltschutz geht, dann gilt immer ein existentielle Rangfolge: Erst kommt das Fressen und dann der Umweltschutz.

    Bei einer Arbeitslosenquote von 10% in den USA und einer beispiellosen Verschuldung zu Gunsten der Finanzindustrie besteht für Obama kein Spielraum mehr für den Umweltschutz. Da kann sich Europa quasi "Auf den Kopf stellen". Die EU kann ja den Vorreiter machen. Ob die EU das aber tut?

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    • joG
    • 06.11.2009 um 18:17 Uhr

    ...wenige Druckmittel gegen die USA, aber sie könnten es Obama viel leichter machen ein interantionales Vertragssystem zur Reduzierung von Klimagasen, wenn sie die ihrer Wirtschaftsleistung entsprechenden Kosten und Verpflichtungen zur internationalen Sicherheit übernähmen und ein suprnationales System allgemeiner und individuell rechtssichen Schutzes. Dann schiene den Amerikanern die Vorbeugung gegen die Gefahren einer Multipolarisierung nicht notwendig und sie hätten mehr Geld für die Träume Klimaschützer.

    • joG
    • 06.11.2009 um 18:17 Uhr

    ...wenige Druckmittel gegen die USA, aber sie könnten es Obama viel leichter machen ein interantionales Vertragssystem zur Reduzierung von Klimagasen, wenn sie die ihrer Wirtschaftsleistung entsprechenden Kosten und Verpflichtungen zur internationalen Sicherheit übernähmen und ein suprnationales System allgemeiner und individuell rechtssichen Schutzes. Dann schiene den Amerikanern die Vorbeugung gegen die Gefahren einer Multipolarisierung nicht notwendig und sie hätten mehr Geld für die Träume Klimaschützer.

  2. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die USA einen hohen Flächenverbrauch innerhalb von Städten und Gemeinden haben. In den Südstaaten kommt man ohne Strom eh nicht aus. Es sei denn, man kann sich an die dortigen Temperaturen gewöhnen. Das ist aber nicht der Fall. Allerdings ist Kalifornien auf dem richtigen Weg.

    Entsprechend ist der Energieverbrauch viel, viel höher -strukturell- als im dichtbesiedelten Deutschland.

    • joG
    • 06.11.2009 um 18:17 Uhr

    ...wenige Druckmittel gegen die USA, aber sie könnten es Obama viel leichter machen ein interantionales Vertragssystem zur Reduzierung von Klimagasen, wenn sie die ihrer Wirtschaftsleistung entsprechenden Kosten und Verpflichtungen zur internationalen Sicherheit übernähmen und ein suprnationales System allgemeiner und individuell rechtssichen Schutzes. Dann schiene den Amerikanern die Vorbeugung gegen die Gefahren einer Multipolarisierung nicht notwendig und sie hätten mehr Geld für die Träume Klimaschützer.

  3. Die normative Kraft des Faktischen hat Dynamik. Es gibt Grenzen des Machbaren. Die USA stehen vor der Pleite und haben deshalb andere Prioritäten. Die Finanzkrise produzierte eine Pause im Umweltschutz und die Natur reagiert erbarmungslos.

    Erst dann, wenn wieder die Mittel bereitstehen, wird man retten, was zu retten ist. Es kann dann aber auch für einige Entwicklungen zu spät sein. Keine Frage.

    Antwort auf "Prinzip Hoffnung"
  4. Was wäre wenn

    - die meisten autofahrenden Bundesbürger auf die Bahn, das Fahrrad u.a. öffentliche Nahverkehrsmittel umstiegen (ist auch kostengünstiger, sehr häufig...)
    - die meisten Bundesbürger zu einem echten Ökostrom-Anbieter wechselten
    - die meisten Bundesbürger ihren Fleischkonsum überprüften/reduzierten/änderten
    - die meisten Bundesbürger sich engagiert für die Dämmung iherer Behausungen einsetzten
    - die meisten Bundesbürger ihr Konto bei der Dt. Bank aufgäben
    ???

    => Wären sie veranlasst, dies zu TUN, wenn die Tagesschau über mehrere Tage hinweg hierzu raten würden?

    => Warum WARTEN auf Politiker und Industrielle?

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    • PGMN
    • 07.11.2009 um 3:04 Uhr

    Wenn die Leute dies täten, dann

    - wäre zuerst der ÖPNV eine echte Alternative zum Auto (häufige Fahrzeitrelationen 10 min im Auto/ 40 min im ÖPNV)
    - könnte zuerst ein Großteil des Strombedarfs durch "Ökostrom" gedeckt werden
    - (Über den Fleischkonsum kann man momentan reden)
    - hätten die Bundesbürger zuerst das Geld für Wärmedämmung
    - Ähh... ???

    Obwohl der Klimaschutz ein hehres und unter allen Umständen zu erreichendes Ziel ist, können immer nur weitere von den Bürgern geforderte Opfer nicht der Weg sein. Bestimmte Verhaltensweisen können einfach nicht geändert werden, bevor tatsächliche Alternativen zur Verfügung stehen und um diese zu erzeugen sind sowohl Politik als auch Industrie gefragt.

    - die meisten autofahrenden Bundesbürger auf die Bahn, das Fahrrad u.a. öffentliche Nahverkehrsmittel umstiegen (ist auch kostengünstiger, sehr häufig...)

    Wenn nur 10% der jetzigen Autofahrer auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen würden, würden diese zusammenbrechen. Ich fahre täglich mit der Straßenbahn und der DB, morgens, mittags und abends sind die Bahnen überführt, an einen Sitzplatz braucht man gar nicht zu denken und von der Pünktlichkeit braucht man gar nicht zu reden.

    - die meisten Bundesbürger zu einem echten Ökostrom-Anbieter wechselten

    Dann würden diese öfters ohne Strom sitzen.

    |>Dann würden diese öfters ohne Strom sitzen.

    Stimmt nicht!
    Das Abschalten von sämtlichen deutschen Kohle- und Atomkraftwerken und deren Ersetzung durch Regenerative Energien ist (theoretisch) möglich, ohne das die Lichter ausgehen.
    Das würde ausserdem eine beachtliche Menge an Arbeitsplätzen schaffen!

    (Das beweisen diverese Studien von Greenpeace und anderen Unternehmen.)

    • PGMN
    • 07.11.2009 um 3:04 Uhr

    Wenn die Leute dies täten, dann

    - wäre zuerst der ÖPNV eine echte Alternative zum Auto (häufige Fahrzeitrelationen 10 min im Auto/ 40 min im ÖPNV)
    - könnte zuerst ein Großteil des Strombedarfs durch "Ökostrom" gedeckt werden
    - (Über den Fleischkonsum kann man momentan reden)
    - hätten die Bundesbürger zuerst das Geld für Wärmedämmung
    - Ähh... ???

    Obwohl der Klimaschutz ein hehres und unter allen Umständen zu erreichendes Ziel ist, können immer nur weitere von den Bürgern geforderte Opfer nicht der Weg sein. Bestimmte Verhaltensweisen können einfach nicht geändert werden, bevor tatsächliche Alternativen zur Verfügung stehen und um diese zu erzeugen sind sowohl Politik als auch Industrie gefragt.

    - die meisten autofahrenden Bundesbürger auf die Bahn, das Fahrrad u.a. öffentliche Nahverkehrsmittel umstiegen (ist auch kostengünstiger, sehr häufig...)

    Wenn nur 10% der jetzigen Autofahrer auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen würden, würden diese zusammenbrechen. Ich fahre täglich mit der Straßenbahn und der DB, morgens, mittags und abends sind die Bahnen überführt, an einen Sitzplatz braucht man gar nicht zu denken und von der Pünktlichkeit braucht man gar nicht zu reden.

    - die meisten Bundesbürger zu einem echten Ökostrom-Anbieter wechselten

    Dann würden diese öfters ohne Strom sitzen.

    |>Dann würden diese öfters ohne Strom sitzen.

    Stimmt nicht!
    Das Abschalten von sämtlichen deutschen Kohle- und Atomkraftwerken und deren Ersetzung durch Regenerative Energien ist (theoretisch) möglich, ohne das die Lichter ausgehen.
    Das würde ausserdem eine beachtliche Menge an Arbeitsplätzen schaffen!

    (Das beweisen diverese Studien von Greenpeace und anderen Unternehmen.)

    • PGMN
    • 07.11.2009 um 3:04 Uhr

    Wenn die Leute dies täten, dann

    - wäre zuerst der ÖPNV eine echte Alternative zum Auto (häufige Fahrzeitrelationen 10 min im Auto/ 40 min im ÖPNV)
    - könnte zuerst ein Großteil des Strombedarfs durch "Ökostrom" gedeckt werden
    - (Über den Fleischkonsum kann man momentan reden)
    - hätten die Bundesbürger zuerst das Geld für Wärmedämmung
    - Ähh... ???

    Obwohl der Klimaschutz ein hehres und unter allen Umständen zu erreichendes Ziel ist, können immer nur weitere von den Bürgern geforderte Opfer nicht der Weg sein. Bestimmte Verhaltensweisen können einfach nicht geändert werden, bevor tatsächliche Alternativen zur Verfügung stehen und um diese zu erzeugen sind sowohl Politik als auch Industrie gefragt.

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    • SoHo
    • 07.11.2009 um 9:50 Uhr

    Solange die Menschen sagen: Ich bin ja bereit etwas für das Klima zu tun, aber erst wenn alle anderen auch...
    Solange wird sich nichts ändern. Und ohne Opfer und Verzicht wird es nicht gehen.
    80 Mio. Menschen sollten nicht auf 10 Minister warten.

    • CBraDE
    • 07.11.2009 um 11:34 Uhr

    in "This is it":

    DIE müssen etwas unternehmen, damit sich was ändert. WER SIND DIE???? DIE sind WIR!

    Kann man auf Einweg-Papptassen verzichten und richtige Tassen nehmen? Ja!
    Kann man auf Plastiktüten verzichten und Stoffbeutel nehmen? Ja!
    Fahrgemeinschaften? Ja!

    Es geht alles - man muss nur wollen! "Wo ein Wille - da ein Weg!"

    • SoHo
    • 07.11.2009 um 9:50 Uhr

    Solange die Menschen sagen: Ich bin ja bereit etwas für das Klima zu tun, aber erst wenn alle anderen auch...
    Solange wird sich nichts ändern. Und ohne Opfer und Verzicht wird es nicht gehen.
    80 Mio. Menschen sollten nicht auf 10 Minister warten.

    • CBraDE
    • 07.11.2009 um 11:34 Uhr

    in "This is it":

    DIE müssen etwas unternehmen, damit sich was ändert. WER SIND DIE???? DIE sind WIR!

    Kann man auf Einweg-Papptassen verzichten und richtige Tassen nehmen? Ja!
    Kann man auf Plastiktüten verzichten und Stoffbeutel nehmen? Ja!
    Fahrgemeinschaften? Ja!

    Es geht alles - man muss nur wollen! "Wo ein Wille - da ein Weg!"

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