Ein Gespenst geht um in Europa, seit der US-Ökonom Richard Florida vorgerechnet hat, dass nur Städte prosperieren, in denen sich die »kreative Klasse« wohlfühlt. »Städte ohne Schwule und Rockbands verlieren das ökonomische Wettrennen «, schreibt Florida. Viele europäische Metropolen konkurrieren heute darum, zum Ansiedlungsgebiet für diese »kreative Klasse« zu werden.

Für Hamburg hat die Konkurrenz der Standorte mittlerweile dazu geführt, dass sich die städtische Politik immer mehr einer »Image City« unterordnet. Es geht darum, ein bestimmtes Bild von Stadt in die Welt zu setzen: das Bild von der »pulsierenden Metropole«, die »ein anregendes Umfeld und beste Chancen für Kulturschaffende aller Couleur« bietet. Eine stadteigene Marketing-Agentur sorgt dafür, dass dieses Bild als »Marke Hamburg« in die Medien eingespeist wird. Sie überschwemmt die Republik mit Broschüren, in denen aus Hamburg ein widerspruchsfreies, sozial befriedetes Fantasialand mit Elbphilharmonie und Tabledance, Blankenese und Schanze, Agenturleben und Künstlerszene wird. Harley-Days auf dem Kiez, Gay-Paraden in St. Georg, Off-Kunst-Spektakel in der Hafencity, Reeperbahn-Festival, Fanmeilen und Cruising Days: Kaum eine Woche vergeht ohne ein touristisches Megaevent, das »markenstärkende Funktion« übernehmen soll.

Liebe Standortpolitiker: Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing-Kategorien zu sprechen. Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen. Wir wollen weder dabei helfen, den Kiez als »bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil« zu »positionieren«, noch denken wir bei Hamburg an »Wasser, Weltoffenheit, Internationalität« oder was euch sonst noch an »Erfolgsbausteinen der Marke Hamburg« einfällt.

Wir denken an andere Sachen. An über eine Million leer stehende Büroquadratmeter zum Beispiel und daran, dass ihr die Elbe trotzdem immer weiter zubauen lasst mit Premium-Glaszähnen. Wir stellen fest, dass es in der westlichen inneren Stadt kaum mehr ein WG-Zimmer unter 450 Euro gibt, kaum mehr Wohnungen unter 10 Euro pro Quadratmeter. Dass sich die Anzahl der Sozialwohnungen in den nächsten zehn Jahren halbieren wird. Dass die armen, die alten und migrantischen Bewohner an den Stadtrand ziehen, weil Hartz IV und eine städtische Wohnungsvergabepolitik dafür sorgen. Wir glauben: Eure »wachsende Stadt« ist in Wahrheit die segregierte Stadt, wie im 19. Jahrhundert: die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen außerhalb. Und deshalb sind wir auch nicht dabei, beim Werbefeldzug für die »Marke Hamburg«.

Nicht dass ihr uns freundlich gebeten hättet. Im Gegenteil: Uns ist nicht verborgen geblieben, dass die seit Jahren sinkenden Fördermittel für freie künstlerische Arbeit heute auch noch zunehmend nach standortpolitischen Kriterien vergeben werden. Wie die Esel der Karotte sollen bildende Künstler den Fördertöpfen und Zwischennutzungsgelegenheiten nachlaufen – dahin, wo es Investoren oder neue, zahlungskräftigere Bewohner anzulocken gilt. Ihr haltet es offensichtlich für selbstverständlich, kulturelle Ressourcen »bewusst für die Stadtentwicklung« und »für das Stadt-Image« einzusetzen.

Kultur soll zum Ornament einer Art Turbo-Gentrifizierung werden. Wie die Stadt danach aussehen soll, kann man in St. Pauli und im Schanzenviertel begutachten: Aus ehemaligen Arbeiterstadtteilen, dann »Szenevierteln« werden binnen kürzester Zeit exklusive Wohngegenden mit angeschlossenem Party- und Shopping-Kiez, auf dem Franchising-Gastronomie und Ketten wie H&M die Amüsierhorde abmelken. Die Hamburgische Kulturpolitik ist längst integraler Bestandteil eurer Eventisierungsstrategie. Dreißig Millionen Euro gingen an das Militaria-Museum eines reaktionären Sammlerfürsten.

Über vierzig Prozent der Ausgaben für Kultur entfallen derzeit auf die Elbphilharmonie. Damit wird die Kulturbehörde zur Geisel eines 500-Millionen-Projekts, das nach Fertigstellung bestenfalls eine luxuriöse Spielstätte für Megastars des internationalen Klassik- und Jazz-Tourneezirkus ist. Mal abgesehen davon, dass die Symbolwirkung der Elbphilharmonie nichts an sozialem Zynismus zu wünschen übrig lässt: Da lässt die Stadt ein »Leuchtturmprojekt« bauen, das dem Geldadel ein 5-Sterne-Hotel sowie 47 exklusive Eigentumswohnungen zu bieten hat und dem gemeinen Volk eine zugige Aussichtsplattform übrig lässt. Was für ein Wahrzeichen! Uns macht es die »wachsende Stadt« indessen zunehmend schwer, halbwegs bezahlbare Ateliers, Studio- und Probenräume zu finden oder Clubs und Spielstätten zu betreiben, die nicht einzig und allein dem Diktat des Umsatzes verpflichtet sind.

 

Genau deshalb finden wir: Das Gerede von den »pulsierenden Szenen« steht am allerwenigsten einer Stadtpolitik zu, die die Antwort auf die Frage, was mit städtischem Grund und Boden geschehen soll, im Wesentlichen der Finanzbehörde überlässt. Wo immer eine Innenstadtlage zu Geld zu machen ist, wo immer ein Park zu verdichten, einem Grünstreifen ein Grundstück abzuringen oder eine Lücke zu schließen ist, wirft die Finanzbehörde die »Sahnelagen« auf den Immobilienmarkt – zum Höchstgebot und mit einem Minimum an Auflagen. Was dabei entsteht, ist eine geschichts- und kulturlose Investoren-City in Stahl und Beton.

Wir haben schon verstanden: Wir, die Musik-, DJ-, Kunst-, Theater- und Film-Leute, die Kleine-geile-Läden–Betreiber und Ein-anderes-Lebensgefühl-Bringer sollen der Kontrapunkt sein zur »Stadt der Tiefgaragen« (Süddeutsche Zeitung). Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist. Wir sind willkommen. Einerseits. Andererseits hat die totale Inwertsetzung des städtischen Raumes zur Folge, dass wir – die wir doch Lockvögel sein sollen – in Scharen abwandern, weil es hier immer weniger bezahlbaren und bespielbaren Platz gibt.

Mittlerweile, liebe Standortpolitiker, habt ihr bemerkt, dass das zum Problem für euer Vorhaben wird. Doch eure Lösungsvorschläge bewegen sich tragischerweise kein Jota außerhalb der Logik der unternehmerischen Stadt. Eine frische Senatsdrucksache etwa kündigt an, »die Zukunftspotenziale der Kreativwirtschaft durch Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu erschließen«. Eine »Kreativagentur« soll zukünftig »Anlaufstelle für die Vermittlung von Immobilienangeboten« sein. Wer sich die Mieten nicht leisten kann, muss sich als »künstlerischer Nachwuchs« einsortieren lassen und bei der Kreativagentur um »temporäre Nutzung von Leerständen« ersuchen. Dafür gibt es sogar einen Mietzuschuss, allerdings nur, wenn »die Dringlichkeit des Bedarfs und die Relevanz für den Kreativstandort Hamburg« gegeben sind.

Unmissverständlicher kann man nicht klarstellen, was »Kreativität« hier zu sein hat: ein profit center für die »wachsende Stadt«. Und da sind wir nicht dabei. Wir wollen nämlich keine von Quartiersentwicklern strategisch platzierten »Kreativimmobilien« und »Kreativhöfe«. Wir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Probenraumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains aufgemacht, unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden, und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen. Wir wollen die Frage »Wie wollen wir leben?« nicht auf Stadtentwicklungs-Workshops diskutieren. Für uns hat das, was wir in dieser Stadt machen, immer mit Gegenentwürfen zu tun, mit Utopien, mit dem Unterlaufen von Verwertungs- und Standortlogik. Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen.

Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch ein Frage von Territorialkämpfen ist. Es geht darum, Orte zu erobern und zu verteidigen, die das Leben in dieser Stadt auch für jene lebenswert machen, die nicht zur Zielgruppe der »Wachsenden Stadt« gehören. Wir nehmen uns das Recht auf Stadt – mit all den Bewohnerinnen und Bewohnern Hamburgs, die sich weigern, Standortfaktor zu sein.

Künstler wehren sich: Erst besetzten sie in Hamburg das denkmalwürdige »Gängeviertel«, um es vor dem Abriss zu bewahren. Jetzt protestieren sie gegen die unsoziale Politik vieler Städte, die Kultur nur noch als Lockmittel für Investoren begreifen. Wir dokumentieren ihr Manifest »Not in our name, Marke Hamburg« leicht gekürzt. Zu den vielen Hundert Unterzeichnern (buback.de/nion) gehören Musiker, Autoren und Maler wie Ted Gaier, Daniel Richter, Rocko Schamoni und Christoph Twickel