Genau deshalb finden wir: Das Gerede von den »pulsierenden Szenen« steht am allerwenigsten einer Stadtpolitik zu, die die Antwort auf die Frage, was mit städtischem Grund und Boden geschehen soll, im Wesentlichen der Finanzbehörde überlässt. Wo immer eine Innenstadtlage zu Geld zu machen ist, wo immer ein Park zu verdichten, einem Grünstreifen ein Grundstück abzuringen oder eine Lücke zu schließen ist, wirft die Finanzbehörde die »Sahnelagen« auf den Immobilienmarkt – zum Höchstgebot und mit einem Minimum an Auflagen. Was dabei entsteht, ist eine geschichts- und kulturlose Investoren-City in Stahl und Beton.

Wir haben schon verstanden: Wir, die Musik-, DJ-, Kunst-, Theater- und Film-Leute, die Kleine-geile-Läden–Betreiber und Ein-anderes-Lebensgefühl-Bringer sollen der Kontrapunkt sein zur »Stadt der Tiefgaragen« (Süddeutsche Zeitung). Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist. Wir sind willkommen. Einerseits. Andererseits hat die totale Inwertsetzung des städtischen Raumes zur Folge, dass wir – die wir doch Lockvögel sein sollen – in Scharen abwandern, weil es hier immer weniger bezahlbaren und bespielbaren Platz gibt.

Mittlerweile, liebe Standortpolitiker, habt ihr bemerkt, dass das zum Problem für euer Vorhaben wird. Doch eure Lösungsvorschläge bewegen sich tragischerweise kein Jota außerhalb der Logik der unternehmerischen Stadt. Eine frische Senatsdrucksache etwa kündigt an, »die Zukunftspotenziale der Kreativwirtschaft durch Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu erschließen«. Eine »Kreativagentur« soll zukünftig »Anlaufstelle für die Vermittlung von Immobilienangeboten« sein. Wer sich die Mieten nicht leisten kann, muss sich als »künstlerischer Nachwuchs« einsortieren lassen und bei der Kreativagentur um »temporäre Nutzung von Leerständen« ersuchen. Dafür gibt es sogar einen Mietzuschuss, allerdings nur, wenn »die Dringlichkeit des Bedarfs und die Relevanz für den Kreativstandort Hamburg« gegeben sind.

Unmissverständlicher kann man nicht klarstellen, was »Kreativität« hier zu sein hat: ein profit center für die »wachsende Stadt«. Und da sind wir nicht dabei. Wir wollen nämlich keine von Quartiersentwicklern strategisch platzierten »Kreativimmobilien« und »Kreativhöfe«. Wir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Probenraumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains aufgemacht, unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden, und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen. Wir wollen die Frage »Wie wollen wir leben?« nicht auf Stadtentwicklungs-Workshops diskutieren. Für uns hat das, was wir in dieser Stadt machen, immer mit Gegenentwürfen zu tun, mit Utopien, mit dem Unterlaufen von Verwertungs- und Standortlogik. Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen.

Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch ein Frage von Territorialkämpfen ist. Es geht darum, Orte zu erobern und zu verteidigen, die das Leben in dieser Stadt auch für jene lebenswert machen, die nicht zur Zielgruppe der »Wachsenden Stadt« gehören. Wir nehmen uns das Recht auf Stadt – mit all den Bewohnerinnen und Bewohnern Hamburgs, die sich weigern, Standortfaktor zu sein.

Künstler wehren sich: Erst besetzten sie in Hamburg das denkmalwürdige »Gängeviertel«, um es vor dem Abriss zu bewahren. Jetzt protestieren sie gegen die unsoziale Politik vieler Städte, die Kultur nur noch als Lockmittel für Investoren begreifen. Wir dokumentieren ihr Manifest »Not in our name, Marke Hamburg« leicht gekürzt. Zu den vielen Hundert Unterzeichnern (buback.de/nion) gehören Musiker, Autoren und Maler wie Ted Gaier, Daniel Richter, Rocko Schamoni und Christoph Twickel