Roman

Die Fabrikation des Gefühls

Richard Powers Zeitgeistroman über die gentechnische Verbesserung der menschlichen Seele.

Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms war es wie mit der Mondlandung: Ein großer Schritt für die Menschheit, lautete die Parole – und die Ernüchterung folgte auf dem Fuße, denn weder die Conditio humana noch die akuten Probleme der Erdenbewohner wurden davon in irgendeiner Weise tangiert. Auch für die Literatur scheinen jene Jahrtausendereignisse wenig produktiv zu sein. Die Eroberung des Mondes war nicht einmal interessant genug, um als Romanstoff einen namhaften Schriftsteller zu inspirieren. Und im jüngsten Werk des US-Autors Richard Powers erweist sich die Genforschung, deren Betreiber uns immerhin unermüdlich mit neuen Verheißungen versorgen, als ein Sujet, dem eine große Erzählung nur mit Mühe abzugewinnen ist – wenn überhaupt.

Vor einigen Jahren glaubten Wissenschaftler, dem sogenannten Glücksgen auf die Spur gekommen zu sein. Es sollte sich auf dem 17. Chromosom befinden und durch Beeinflussung des Serotonintransports im Gehirn den Träger vor Stress und Depressionen schützen. Inzwischen wurde der Befund widerrufen. Doch weder die Entdeckung noch deren Revision wirbelten besonders viel Staub auf, obwohl die Frage nach dem subjektiven »Glück«, wie eine anschwellende Flut von Ratgebern und populärphilosophischen Traktaten zeigt, den materiell saturierten Teil der Menschheit stark bewegt. Auch auf dem Markt der wissenschaftlichen Sensationen tritt langsam, aber sicher eine Übersättigung ein: Vielleicht kann deshalb das Zukunftsszenario, das Richard Powers entwirft, nicht ganz überzeugen. Der wahnhafte Medienhype um eine junge Frau, die angeblich die Disposition zur Dauerhochstimmung in den Genen trägt, wäre selbst in den USA nur noch schwer vorstellbar. Das wiederum schwächt den Effekt der satirischen Zuspitzung, so gekonnt der Autor auch die Oprah Winfrey Show parodiert.

Zweifellos aber wirft Powers, als gelernter Physiker und Informatiker spezialisiert auf das, was die Amerikaner brainy topics nennen, in seinem zehnten Roman wieder brisante und anregende Fragen auf. Die erste ergibt sich aus dem Originaltitel Generosity. An Enhancement, zu dem der deutsche, Das größere Glück, keine Entsprechung liefern kann. Generosity bedeutet Großzügigkeit, Großherzigkeit, Edelmut; enhancement heißt Verbesserung, Steigerung, Optimierung. Powers’ Hauptfigur, die aus Algerien stammende Studentin Thassadit Amzwar, hat als Kind im Bürgerkrieg grauenvolle Dinge erlebt. Die Mitwelt staunt über ihre unerschütterliche Heiterkeit und Freundlichkeit, über ihr Vermögen, sich in andere einzufühlen und sich an kleinsten Dingen intensiv zu erfreuen. Ihrem Creative-Writing-Lehrer in Chicago, dem melancholischen Russell Stone, erklärt Thassadit das Wunder einfach mit ihrem ominösen Vornamen, der in der Berbersprache Tamazight die Leber und zugleich das Herz benenne, was wiederum eine Chiffre für Großherzigkeit, aber auch für überschäumende Freude sei. Es geht hier offenbar um einen differenzierteren Gemütszustand, der grenzenlose Menschenliebe einschließt. Das deutsche »Glück« jedenfalls ist dafür eine zu vage und verallgemeinernde Bezeichnung.

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Wo naturnahe Völker auf die Magie des Wortes vertrauen, möchte die westliche Zivilisation sich auf die Fähigkeit der Wissenschaft verlassen, das Gefühlsleben des Menschen zu verbessern und zu stabilisieren. Dass es sich dabei nur um eine andere Art von magischem Denken, ja von Aberglauben handelt, will Powers uns vor Augen führen. Er lässt die Heldin, deren besondere Gabe und Ausstrahlung durch Zufall publik wird, in die Fänge des von Machbarkeits-Euphorie und Geschäftssinn gleichermaßen berauschten Genomforschers Thomas Kurton geraten. Und unter die Räder einer entfesselten Medienmaschinerie, die sie zur Heilsbringerin hochjubelt. Als Kurton in ihrem Erbgut tatsächlich das Glücksgen findet, kann er sie überreden, ihre Eizellen zu verkaufen, denn groß ist bei zahlungskräftigen Eliten die Nachfrage nach gefühlsoptimiertem Zeugungsmaterial. Dass Thassadit der Kommerzialisierung ihrer Anlagen zustimmt, lässt die Zuneigung ihrer Verehrergemeinde in Hass umschlagen; sie sieht sich bedroht und muss nach einem Fluchtweg suchen.

Richard Powers hat versucht, sein avanciertes technisches Wissen und seine klugen Reflexionen zum Reizthema der Perfektionierbarkeit des Menschen in einen Plot zu verpacken, der möglichst viele Facetten des Zeitgeistes aufweist: das Tempo und die Sprunghaftigkeit, den Ton der Blogger, der Psychoklempner, der Werbeslogans und der Infotainment-Shows, die hektische Suche nach einer Erfüllung, die sich nicht einstellen will. Deshalb wirkt dieser Roman oberflächlicher, flüchtiger als seine früheren, und die Figuren, mit Ausnahme des gescheiterten Schriftstellers Russell Stone, der ein paar Gene des Autors mitbekommen hat, sind eher papierdünne Ideenträger als konturierte, lebendige Individuen. Obwohl weder eine Lovestory noch ein Schuss Suspense fehlen, ist es letztlich das leichthändig eingearbeitete Material an Argumenten, Spekulationen und Denkimpulsen, an dem man sich bis zum Finale entlanghangelt. Wenn man sich dann animiert fühlt, frühere Beiträge des abendländischen Geistes zum Thema wieder zu lesen, etwa Schillers Gedicht Das Glück, das kein Genomiker je widerlegen wird, dann hat sich die Powers-Lektüre schon gelohnt, auch wenn sie nicht so richtig glücklich macht.

Richard Powers: Das größere Glück

Roman; aus dem Englischen von Henning Ahrens;; Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009; 415 S., 22,95 €

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Leser-Kommentare

  1. Kurton überredet Thassa gerade nicht, ihre Eizellen zu verkaufen. Er ist davon überrascht und versucht den Verkauf durch eine Lizenzforderung seiner Firma zu verzögern. - Leider hat dieser Fehler im Kommentar zum Buch mich an der Beurteilung, der ich ansonsten zustimme (ich fand das Buch enttäuschend vorhersehbar), zweifeln lassen. Es ist bei mir der ungute Eindruck entstanden, dass hier ein Buch besprochen wird, das nicht wirklich gelesen, sondern nur überflogen wurde, anders ist der Fehler nicht zu erklären. Und das mindert die "Qualität" der Beurteilung.

  2. und dieser Wissenschaftler könnte fast Craig Venter sein. Powers ist aber immer ein wenig schwierig, gewöhnungsbedürftig und schwer zu übersetzen. Ich fand seine älteren Bücher Galatea und Echo der Erinnerung ziemlich gut.

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  • Von Kristina Maidt-Zinke
  • Datum 6.11.2009 - 19:55 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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