Schillers 250. Geburtstag Der Tyrannenmörder als Klassiker

Aus den Neuerscheinungen zu Friedrich Schillers 250. Geburtstag ragt das Alterswerk von Walter Müller-Seidel heraus

Die Schiller-Statue in Weimar

Die Schiller-Statue in Weimar

Bei aller Betriebsamkeit, mit der Klassiker-Gedenkjahre aufbereitet werden, dürfen sie längst als ruhige Jahre gelten. Gerade bei Jubiläen lässt sich oft ablesen, dass wir Klassikern nicht mehr viel zutrauen. Dispute über ihre Größe oder auch nur Aktualität werden kaum noch geführt; emphatische Glorifizierungen und wütende Einsprüche bleiben gleichermaßen aus. Gedenkjahre finden offenbar statt aus Pietät und Verlegenheit. Die meisten Bücher, die zu solchen Anlässen erscheinen, sind Geschenkartikel für Leute, die schon alles haben.

Es ist der 250. Geburtstag Friedrich Schillers zu begehen, und das Schiller-Jahr erweist sich größtenteils als klassisches Geschenkjahr. Den publizistischen Schwerpunkt bilden nicht streitbare Diskussionen über das Schillersche Werk, sondern (wie man sagt) einfühlsame Schilderungen der Lebensstationen und des familiären Umfelds des Dichters. So hat Dieter Hildebrandt eine feinsinnige Biografie über Schillers Lieblingsschwester Christophine Reinwald geschrieben, Gaby Pailer eine Studie über das schriftstellerische Werk seiner Ehefrau Charlotte vorgelegt; Christiana Engelmann wartet mit einer kommentierten Anthologie von Schillers Bitt- und Bettelbriefen auf, Rolf-Bernhard Essig stellt eine solche aus Schillers Überlegungen zum Phänomen der Freundschaft zusammen (ein Thema, das bereits Rüdiger Safranski in seinem jüngsten, weithin beachteten Buch Goethe und Schiller (siehe ZEIT 34/09) verhandelt hat).

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Keinem der Bücher fehlt es an Verdiensten, sie zeugen von Emsigkeit und Sorgfalt und lassen vergangene Zeiten liebevoll wieder auferstehen. Sollte es dem »Vortrefflichen« gegenüber, wie Schiller einst über Goethe schrieb, also nach wie vor »keine Freiheit geben als die Liebe«?

Schiller wurde oft vorgeworfen, seine idealistischen Überzeugungen, nach denen nur das Schöne und die Kunst den Menschen frei und überhaupt erst zum Menschen machen könnten, seien für die Politikvergessenheit des deutschen Bildungsbürgertums mitverantwortlich gewesen. Man kann sich nicht völlig des Eindrucks erwehren, dass die neueste Schiller-Publizistik den letzten Ableger dieser Tradition bildet. Vielleicht ist sie die Fortsetzung der ästhetischen Autonomie mit anderen Mitteln, und vielleicht gebührt ihr aus diesem Grund sogar Respekt.

Insbesondere zwei neue Bücher setzen sich direkter mit dem Schillerschen Werk auseinander. Friedrich Dieckmanns Untersuchung mit erzählenden Passagen über Schillers Arbeitsjahre vor und nach der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert besticht auch ihrerseits durch Fleiß und Bescheidenheit. Wie viele vor ihm, begreift er Schillers Philosophie des Schönen als innere Flucht vor der Französischen Revolution. Dieser entspreche eine jahrelange Abwendung von der Gattung Drama, das erst 1798 mit Wallenstein eine fulminante Wiederauferstehung feiere. Weiterreichende Schlussfolgerungen aus Schillers Verarbeitung der Historie in unterschiedlichen Genres zieht der Autor kaum. Das Hauptverdienst seines Buches liegt in einer detailverliebten Schilderung des Weimarer Hof-, Geistes- und Theaterlebens um 1800.

An der Bedeutung Schillers für die Moderne zeigt sich allein Walter Müller-Seidel in seiner Studie über Friedrich Schiller und die Politik interessiert. Aktuell scheint Schiller dem Autor nicht obwohl, sondern weil er zutiefst in seine eigene Zeit verstrickt war. Diese begreift Müller-Seidel aufgrund der Revolutionsereignisse und der Hinrichtung Ludwig XVI. im Jahr 1793 als eine zutiefst unruhige. Schillers Dramen kreisten unablässig um Fragen der Legitimation von Herrschaft und der Staatsräson. Trotz einer im Spätwerk virulent werdenden prekären Tendenz, das Töten mitunter als sinnvollen Akt auszuweisen, liest Müller-Seidel das Theater über weite Strecken als unermüdliches Plädoyer für den Einzelnen, der keinem höheren Zweck aufgeopfert werden dürfe.

In der akribischen Reflexion des Tyrannenmords und des Widerstandsrechts gegen etablierte Ordnungen erblickt der 91-jährige Germanist Schillers eigentliches Erbe, indem er ihn von Obrigkeitsgläubigkeit und (deutschem) Staatsoptimismus differenziert absetzt. Den Höhepunkt seiner Studie bilden mehrere Kapitel über Napoleon, den Schiller im Gegensatz zu Goethe kaum direkt erwähnt und mitnichten bewundert. Müller-Seidel greift auf das Verfahren des »Indizienbeweises« zurück, um Napoleons Präsenz als wichtige Figuration von Fremdherrschaft über verdeckte Anspielungen in Schillers Werk sicherzustellen. Dass sich diese Seiten wie ein Kriminalroman lesen und der Autor vor vorschnellen Identifizierungen dennoch unablässig warnt, zeugt von analytischer Kunstfertigkeit.

Müller-Seidel hat sicher recht, wenn er durchblicken lässt, dass viele politische Überlegungen Schillers heute noch diskussionswürdig sind. Aber »nimmt« Schiller in seinen Dramen tatsächlich jene »Herrschaftsformen vorweg, die das 20. weit mehr als das 19. Jahrhundert bestätigt«? Dagegen scheint schon der bloße Glaube an die Dramatisierbarkeit der Politik zu sprechen. Dieser erweist sich als Wunschdenken in einer verwalteten Welt, die für existenzielle Entscheidungen kaum mehr Raum bietet. Umgekehrt droht eine Ausrichtung der Politik auf das Drama leicht abzugleiten ins Totalitäre. Eingebunden in eine Dichotomie von Leben und Tod, erlaubt sie von vornherein kein behutsames Abwägen unterschiedlicher Positionen. Müller-Seidels Studie wirft solche Fragen und Probleme in ihrer Dringlichkeit auf. Sie ist das unbestrittene Ereignis des Schiller-Jahres 2009. Ein Ereignis pro Gedenkjahr ist im Übrigen mehr, als man erwarten darf.

 
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