Schillers 250. Geburtstag Der Tyrannenmörder als KlassikerSeite 2/2
Insbesondere zwei neue Bücher setzen sich direkter mit dem Schillerschen Werk auseinander. Friedrich Dieckmanns Untersuchung mit erzählenden Passagen über Schillers Arbeitsjahre vor und nach der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert besticht auch ihrerseits durch Fleiß und Bescheidenheit. Wie viele vor ihm, begreift er Schillers Philosophie des Schönen als innere Flucht vor der Französischen Revolution. Dieser entspreche eine jahrelange Abwendung von der Gattung Drama, das erst 1798 mit Wallenstein eine fulminante Wiederauferstehung feiere. Weiterreichende Schlussfolgerungen aus Schillers Verarbeitung der Historie in unterschiedlichen Genres zieht der Autor kaum. Das Hauptverdienst seines Buches liegt in einer detailverliebten Schilderung des Weimarer Hof-, Geistes- und Theaterlebens um 1800.
An der Bedeutung Schillers für die Moderne zeigt sich allein Walter Müller-Seidel in seiner Studie über Friedrich Schiller und die Politik interessiert. Aktuell scheint Schiller dem Autor nicht obwohl, sondern weil er zutiefst in seine eigene Zeit verstrickt war. Diese begreift Müller-Seidel aufgrund der Revolutionsereignisse und der Hinrichtung Ludwig XVI. im Jahr 1793 als eine zutiefst unruhige. Schillers Dramen kreisten unablässig um Fragen der Legitimation von Herrschaft und der Staatsräson. Trotz einer im Spätwerk virulent werdenden prekären Tendenz, das Töten mitunter als sinnvollen Akt auszuweisen, liest Müller-Seidel das Theater über weite Strecken als unermüdliches Plädoyer für den Einzelnen, der keinem höheren Zweck aufgeopfert werden dürfe.
In der akribischen Reflexion des Tyrannenmords und des Widerstandsrechts gegen etablierte Ordnungen erblickt der 91-jährige Germanist Schillers eigentliches Erbe, indem er ihn von Obrigkeitsgläubigkeit und (deutschem) Staatsoptimismus differenziert absetzt. Den Höhepunkt seiner Studie bilden mehrere Kapitel über Napoleon, den Schiller im Gegensatz zu Goethe kaum direkt erwähnt und mitnichten bewundert. Müller-Seidel greift auf das Verfahren des »Indizienbeweises« zurück, um Napoleons Präsenz als wichtige Figuration von Fremdherrschaft über verdeckte Anspielungen in Schillers Werk sicherzustellen. Dass sich diese Seiten wie ein Kriminalroman lesen und der Autor vor vorschnellen Identifizierungen dennoch unablässig warnt, zeugt von analytischer Kunstfertigkeit.
Müller-Seidel hat sicher recht, wenn er durchblicken lässt, dass viele politische Überlegungen Schillers heute noch diskussionswürdig sind. Aber »nimmt« Schiller in seinen Dramen tatsächlich jene »Herrschaftsformen vorweg, die das 20. weit mehr als das 19. Jahrhundert bestätigt«? Dagegen scheint schon der bloße Glaube an die Dramatisierbarkeit der Politik zu sprechen. Dieser erweist sich als Wunschdenken in einer verwalteten Welt, die für existenzielle Entscheidungen kaum mehr Raum bietet. Umgekehrt droht eine Ausrichtung der Politik auf das Drama leicht abzugleiten ins Totalitäre. Eingebunden in eine Dichotomie von Leben und Tod, erlaubt sie von vornherein kein behutsames Abwägen unterschiedlicher Positionen. Müller-Seidels Studie wirft solche Fragen und Probleme in ihrer Dringlichkeit auf. Sie ist das unbestrittene Ereignis des Schiller-Jahres 2009. Ein Ereignis pro Gedenkjahr ist im Übrigen mehr, als man erwarten darf.
- Datum 09.11.2009 - 18:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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