Unter deinem Schirmen / bin ich vor den Stürmen / aller Feinde frei. / Laß den Satan wittern, / laß den Feind erbittern, / mir steht Jesus bei! / Ob es itzt gleich kracht und blitzt, / ob gleich Sünd und Hölle schrecken; / Jesus will mich decken .

Choralvers aus der Bach-Motette Jesu meine Freude (BWV 227)

Thomaner wäre Christian Führer gern geworden, aber es hat nicht geklappt. Bei der Aufnahmeprüfung war er krank. Sonst ist im Leben des Mannes mit der Jeansweste und dem Bürstenschnitt scheinbar alles wie auf Schienen gelaufen. Immerhin: Zwei der Söhne haben es geschafft, Thomaner zu werden und Bachs Jesu meine Freude auswendig von der Empore der Thomaskirche zu singen. In Führers Biografie ist diese Episode die einzige, in der er Entgangenes zu bedauern scheint.

Führer stammt aus einer Pfarrersfamilie.Abitur in Eisenach, in Leipzig Studium der Theologie. Er war Pfarrer in einer sächsischen Kleinstadt und seit 1980 Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig. Der Nikolaikirche, über die Erich Loest ein Buch geschrieben hat, das von Frank Beyer verfilmt wurde. Christian Führer als Pfarrer Ohlbaum. Verheiratet, vier Kinder, seit dem 30. März 2008 im Ruhestand. War das alles? Nein, denn seit dem 9. Oktober 1989 ist er eine geachtete Person der Zeitgeschichte – seit dem Montag, an dem nach dem Ende des Friedensgebetes in der Nikolaikirche kein Blutbad stattfand, sondern eine friedliche Demonstration von 70000 Menschen. Kerzen statt Kugeln, »Keine Gewalt!« »Wir sind das Volk!«– Rufe statt Massaker. Dazu hat Christian Führer beigetragen. Dafür ist er mit einer Handvoll Orden und Auszeichnungen geehrt worden. Seine 18 Stasi-Überwacher wundern sich wahrscheinlich noch heute über die Karriere dieses »feindlich-negativen Elementes«, den sie auf Befehl von Erich Mielke auch brav umgebracht hätten.

Zwanzig Jahre sind seit diesen dramatischen Tagen vergangen. Dramatisch abgenommen hat seitdem der Einfluss der Kirche in den Kernländern der Reformation, dramatisch gewachsen ist der Einfluss der umlackierten SED-Genossen und Stasibüttel. Dass die DDR ein Unrechtsstaat reinsten Wassers war, verblasst in den Debatten um die Linkspartei – und Führers Autobiografie ist eine wichtige Quelle für die Tatsache, dass die Genossen vor nichts zurückschreckten, um ihre Macht zu sichern: Bespitzelung, Zersetzung, Korruption durch Privilegien, Attentatsversuche… Christian Führer beschreibt, wie er in diesem System als Christ lebte.

Der Satz Jesu »Wer mir nachfolgen will, der (…) nehme sein Kreuz auf sich« und Bonhoeffers Auftrag »Beten und Tun des Gerechten« sind seine Geländer. Die Aufgabe, auf der Seite der Schwachen zu stehen, prägt sein Amtsverständnis. Und: Er deutet den Generalangriff der Partei und des Staates auf die Kirche zur Chance um, weil sie ohne alle Privilegien leben lernen muss, allein aus der Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus. »Die vierzig Jahre DDR waren in Wirklichkeit ein vierzigjähriges Trainingslager des Glaubens«, heißt es.