DDR-Geschichte Weißer Rabe im UnrechtsstaatSeite 2/2

Das war für ihn der Grund, das »Trainingslager« durchzuhalten. Diese sportliche Sicht auf das Land hinter Mauer und Stacheldraht muss man nicht teilen, aber sie macht verstehbar, welcher Wirklichkeit er sich stellt: der DDR als brutum factum. Möglicherweise ja für alle Ewigkeit gedacht. Wie er das bewältigt hat? Mit einem Quentchen Gottvertrauen mehr als Angst. Es war ein Balanceakt auf dem Hochseil. Die Absturzstellen waren markiert – der Pfarrer als IM. Der Pfarrer als Staatsfeind. Der Pfarrer als Künstler. Der Pfarrer als Unglücksrabe. Keine dieser Rollen hat Führer angezogen. Er war eher so eine Art weißer Rabe, der mit einer sehr klaren Theologie und viel Menschenliebe Altar und Straße zusammen hüten wollte.

Sein Kapital? Dass er echt ist. Dass er in sich stimmt und mit den Geschichten Jesu zusammenpasst. Ein Kollege des Handwerkers aus Galiläa. Einer, der den Glauben auf einfache Sätze bringen kann. Der über Land geht, wenn er mit den Menschen redet, nicht übers Wasser. Nicht zu mutig wie sein Kollege, der Erfinder der Friedensgebete Christoph Wonneberger, nicht zu ängstlich wie sein Vorgesetzter, der Superintendent Friedrich Magirius. Nicht so diplomatisch versiert wie sein Bischof Johannes Hempel. Die dramatischen Konflikte um den Kurs in der Kirche schildert Führer fair. Er machte aus der Nikolaikirche einen Ort, der für alle offen ist – wenn auch nicht für alles.

Führer hatte den Schneid, die Stasibüttel, die am 9. Oktober 89 ab 14 Uhr mit ihren Bemmenbüchsen in die Kirche einrückten, willkommen zu heißen – auch weil er ja wusste, dass deren Genossen keine Skrupel hätten, sie mit über den Haufen schießen zu lassen. So tief war die Führung der DDR im Oktober 89 gesunken: die eigenen Leute der Staatsräson auszuliefern. Beim Lesen dieser Geschichten muss man einen dicken Mantel anziehen.

Das ist unter Historikern Konsens: Die Großen der Wende 89 waren Gorbatschow und Papst Johannes Paul II. In der Reihe dahinter solche Menschen wie Václav Havel, Gyula Horn und Lech Wałęsa. Und einer wie Führer. Der hat mit seinem Buch eine Bilanz aufgemacht: 1. Welche Kraft das Evangelium vom Auferstandenen Jesus Christus entfalten kann, wenn es mutig gepredigt wird. 2. Wehrt er alle Traueroden auf die entseelte DDR ab, auch den Gedanken, dass nur der als guter Mensch angesehen wäre, der immer ein bisschen DDR-Bürger bleibt. Dann doch eher ein Weltbürger mit Zivilcourage, der für ein Leben und das Leben der anderen in Würde auch seine Haut zum Markt trägt. Christen leben als Salz der Erde, dafür steht Christian Führer.

Matthias Neumann, Pastor in Hamburg, wurde 1976 von der DDR aus der Staatsbürgerschaft entlassen. Neumann, einst Mitglied des Thomanerchors, war später Bassist in der Band von Nina Hagen

 
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