Nach Angela Merkel ist Susanne Stöcker derzeit die meistgefragte Frau Deutschlands. Nur taucht sie nicht so oft im Fernsehen auf.

Stöcker ist Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in Langen bei Frankfurt. Das Institut ist für die Zulassung und Sicherheit von Impfstoffen zuständig, und deshalb muss Stöcker sich den Fragen deutscher Pressevertreter zur Impfung gegen die Schweinegrippe stellen. Sie sei schon in den vergangenen Wochen »am Anschlag« gewesen, gesteht die 48-Jährige, »aber was jetzt auf uns zukommt, das wird fürchterlich«.

Niemand weiß besser als die PEI-Sprecherin, wie gebannt Medien und Öffentlichkeit auf vermeintliche und echte Nebenwirkungen von Grippeimpfstoffen und den darin enthaltenen Wirkverstärkern starren. Schon in den vergangenen Tagen hatte der Tod von fünf Schweden auch hierzulande Aufregung erzeugt. Sie waren innerhalb weniger Tage nach der Impfung plötzlich gestorben. Alle Opfer – bei einem ist dies inzwischen bestätigt – sind höchstwahrscheinlich an ihrer chronischen Grunderkrankung gestorben, das zeitliche Zusammentreffen mit der Impfung war nur Zufall.

Was Stöcker düster stimmt, ist die Aussicht, den zum hysterischen Affekt neigenden Medien demnächst eine Vielzahl ähnlich gelagerter Fälle erklären zu müssen. Seit vergangener Woche ist die Zahl der H1N1-Infektionen auch in Deutschland sprunghaft angestiegen.

Die impfkritische Stimmung könnte jeden Augenblick in eine Jagd nach den Impfstoff umschlagen. Lassen sich dann gar 30 Millionen Deutsche vakzinieren, so werden viele von ihnen vermeintliche Nebenwirkungen erleben. Menschen, die kurz nach ihrer Immunisierung erkranken oder gar sterben – das ist bei Millionen Beteiligten vorhersehbar, ja statistisch geradezu unvermeidlich.

Erst am vergangenen Wochenende rechnete eine internationale Expertenriege im britischen Fachblatt The Lancet vor, in welchem Ausmaß böse Überraschungen während der Massenvakzinierung gegen die neue Grippe eintreten dürften. Innerhalb einer Woche nach ihrer Impfung werden drei Menschen unerwartet sterben und etwa zehn Menschen eine aufsteigende Nervenlähmung, das sogenannte Guillain-Barré-Syndrom (GBS), erleiden; bei 20 Geimpften entzündet sich ein Sehnerv, dies ist oft das erste Symptom einer Multiplen Sklerose.

Und von 100.000 Schwangeren werden rund 280 Frauen binnen einer Woche nach ihrer Impfung eine Fehlgeburt erleiden. Für die Kritiker der freiwilligen Massenimpfung, für Skeptiker jedweder Vakzinierung und Verschwörungstheoretiker aller Couleur dürfte sich diese Prognose wie ein Schauerroman lesen – der ihre schlimmsten Erwartungen noch übersteigt. Dabei spiegeln die Zahlen der Experten nur die normale Erkrankungsrate in der Bevölkerung wider.

Obwohl diese »adverse events« (Nebenwirkungen) also mit Impfgefahren nichts zu tun haben, werden es Behörden und Fachleute schwer haben, einer verunsicherten Bevölkerung klarzumachen: Ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Impfung und einer folgenden Erkrankung bedeutet keineswegs, dass die Impfung auch die Ursache ist.