Das Ende einer Kindheit: Die Gesellschaft spricht kaum über den seelischen Notstand und das Allein-gelassen-Sein pflegender Kinder

Ich muss eigentlich alles machen«, sagt Monika. Sie ist erst 14 Jahre alt und doch schon eine Krankenpflegerin, ehrenamtlich sozusagen, in der eigenen Familie. Eine von jenen Heranwachsenden in Deutschland, die sich um chronisch kranke Angehörige kümmern müssen. Statt sich mit ihren Freunden auf Spielplätzen zu tummeln oder in Diskotheken auszutoben, baden, kochen oder putzen sie, geben ihren Eltern Medikamente.

So betreut das 14-jährige Mädchen ihre alleinerziehende, an multipler Sklerose (MS) erkrankte Mutter. Das bedeutet für Monika: »Früh aufstehen, Mutti aus dem Bett holen, sie waschen, anziehen und Rollstuhl fertig machen. Dann zur Schule gehen und danach gleich wieder nach Hause. Zu Hause geht es gleich weiter, Mutti zur Toilette bringen, die ganze Pflege und alles aufräumen. Auch nachts muss ich aufstehen, auch wenn ich nicht will, ich komme nicht drum herum. Ich mache auch die ganzen Ämtergänge, Sparkasse, Überweisungen und die Einkäufe.«

Über die Belastung, den seelischen Notstand und das Allein-gelassen-Sein solcher pflegenden Kinder wird kaum gesprochen. Weil die Gesellschaft sie nicht wahrnimmt. Weil die Eltern lieber schweigen, aus Scham – oder sogar aus Angst vor dem Jugendamt. Darum sind auch die Namen aller Minderjährigen in diesem Text geändert, so wie der von Laura.

Die Siebenjährige hat eine rheumakranke Mutter und einen Vater, der beruflich tagelang unterwegs ist. Sie erzählt: »Einmal hat der Papa mir gezeigt, wie ich Mama die Spritzen setzen muss, und die ganzen anderen Male habe ich das dann selbst gemacht. Ich wollte der Mama einfach helfen.«

Die Eltern fürchten, das Jugendamt könnte ihnen die Kinder wegnehmen

Ungewöhnliche Ausnahmefälle? Sabine Metzing-Blau vom Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke war am Forschungsprojekt »Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige« beteiligt, dessen Ergebnisse vom vergangenen Herbst einen Anhaltspunkt liefern. Ihrer Studie – einer Kombination aus Untersuchung und Hochrechnungen aus Nachbarländern – zufolge pflegen in Deutschland schätzungsweise 225.000 Kinder oder Jugendliche kranke Angehörige. Einige helfen bloß mit, doch etwa in der Hälfte der Fälle übernehmen Minderjährige die ganze Last der Betreuung: eine Konsequenz der wachsenden Zahl von Ein-Eltern-Familien.

Im Durchschnitt fangen diese Kinder im Alter von zwölf Jahren an zu pflegen. Einige verrichten aber schon deutlich jünger Arbeiten, die selbst einen Erwachsenen überfordern könnten: Bei knapp einem Fünftel entspricht die Pflege einem Halbtagsjob von mehr als 20 Wochenstunden, ein weiteres Drittel hilft zwischen 10 und 20 Stunden. »Die Kinder und Jugendlichen füllen die Lücken«, sagt Pflegewissenschaftlerin Metzing-Blau, »und der Umfang der persönlichen Hilfe ist dabei nahezu grenzenlos.«

Schleichend nimmt es zu, wachsen Kinder in diese Situation hinein, weil sich die Gesundheit ihrer Eltern langsam verschlechtert. Bis die minderjährigen Pfleger so unabkömmlich sind, dass sie sich der Verantwortung nicht mehr entziehen können. »Diese Familien haben natürlich viele Probleme, leider verlieren sie dabei manchmal die Belastung ihrer Kinder aus den Augen«, erklärt Sabine Hartz, Leiterin des ersten bundesweiten Zentrums für Kinder kranker Eltern, das im Sommer in Hamburg seine Arbeit aufgenommen hat.