Kirche First Lady des Protestantismus
Die neue EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann ist nicht nur als Frau eine Premiere.
Eine Frau zu sein, lenkt ab. Vor allem Männer und Medien. Kaum jemand dürfte das diese Woche so erfahren haben wie Margot Käßmann, die neue erste Frau des Protestantismus. Nach ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ist ihr zwar beträchtliche Aufmerksamkeit zuteilgeworden: Die erste Bischöfin im Amt ist jünger als die meisten ihrer Vorgänger, sie ist geschieden, sie hat mit ihrer überwundenen Krebserkrankung einen persönlichen Kampf hinter sich, wie er selten ist für Führungsfiguren. Aber sie hat auch erlebt, dass die Öffentlichkeit ihren biografischen Besonderheiten mehr Beachtung schenkt als der weniger offensichtlichen, aber entscheidenden Neuorientierung, für die sie steht.
Margot Käßmann bringt in den deutschen Protestantismus ein Gleichgewicht zurück, das in den letzten dreißig, vierzig Jahren verloren gegangen war. Zwei Ansprüche rangen seit den siebziger Jahren miteinander: Wie fromm sind wir – und wie politisch? Die evangelische Kirche taucht gerade aus einer langen Phase auf, in der sie ihre öffentliche Beachtung – und zu einem nicht unwesentlichen Teil auch ihre Identität – aus dem Primat des Politischen bezogen hat. Der Protestantismus wurde zu einem Dach für politische Anliegen aller Art, die von ihren Vertretern biblisch abgeleitet wurden, die im Kern aber auf die Abhilfe weltlicher Missstände zielte. Exemplarisch für diese Tendenz steht die Konjunktur der Kirchentage. Deren Politisierung des Protestantismus hat ihre Verdienste und ist natürlich nicht zuletzt ein Ausdruck des Auftrags der Bibel, die Ungerechtigkeiten der Welt nicht so lange auf sich beruhen zu lassen, bis ein gütiger, aber ferner Gott sie in letzter Instanz aufhebt.
Trotzdem war nicht zu übersehen, dass das Reden von Gott, das Kerngeschäft einer Kirche, in Gefahr geriet, instrumentell zu werden: Jesus als Vorwand. Fromm zu sein, das hieß in diesen Kreisen und Jahren dagegen, als hinterwäldlerisch zu gelten, als gesellschaftlich angepasst und im Glauben ein wenig einfältig.
Die Wahl von Bischöfin Käßmann zur ersten deutschen Protestantin zeigt, wie sich Frömmigkeit und politische Wachheit unter evangelischen Gläubigen neu mischen. »Ich finde, du musst schon anständig fromm sein, um als Christ und Christin in der Welt zu stehen.« Das Credo, wie es Käßmann formuliert hat, kommt keck daher, fast salopp, und doch rückt darin der Glaube ins Zentrum des Engagements von Christen zurück. Dieser Botschaft von dieser Bischöfin kommt besonderes Gewicht zu, weil Käßmanns Geschichte selbst nicht frei ist von wohlfeilen Ausflügen in politische Allgemeinplätze.
Als Generalsekretärin fasste sie das Themenspektrum eines von ihr verantworteten Kirchentages einmal mit den Schlagworten »Wasser, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Asylsuchende und Säkularisierung« zusammen – alles ehrenwerte Anliegen, aber das Christliche taucht darin nur in seiner Abwesenheit, der Säkularisierung, auf. »Wir haben im Konfirmandenunterricht in unseren Gemeinden mehr über Drogen und Sekten geredet als über die Bibel«, bekennt Käßmann heute selbstkritisch. Inzwischen steht die Bischöfin dafür, an Gott nicht nur zu denken, sondern von ihm auch ungeniert zu sprechen. Anders als Nichtgläubige oft meinen, fällt das auch Gläubigen nicht immer leicht.
Das Fromme zu retten, ohne dass es peinlich wird oder rein gefühlsgestützt, ist eine schwierige Aufgabe. Gerade der Protestantismus, diese Diskurskonfession, ist etwa der katholischen Volksfrömmigkeit häufig mit Herablassung begegnet. Auch ist politischen Äußerungen der Kirche der öffentliche Beifall oft gewiss gewesen, in geistlichen Fragen schlägt ihr schnell Verständnislosigkeit entgegen.
Und doch ist Käßmanns Wahl auch Ausdruck eines veränderten Deutschlands. Die Kirchen treffen auf eine Gesellschaft, die zwar kirchenscheu, aber auch glaubensfreudig ist. Käßmann erkannte frühzeitig, dass das Aufblühen kirchenferner Spiritualität im Land, vom Buddhismus bis zur Esoterikszene, dem Christentum nicht nur Konkurrenz macht. Hier verrät sich vielmehr ein Hunger nach geistlichem Sinn, den die Kirchen gemäß ihrer eigenen Traditionen stillen können. Doch müssen sie sich dafür trauen, auch über das schwer verständliche Ende ihres Glaubens zu sprechen. Jesus war ein guter Mann – das lässt sich auch einer säkularen Welt vermitteln. Wir müssen auch wieder über den Heiligen Geist sprechen, dieser Käßmannsche Vorsatz ist da mutiger. Intellektuell vorgezeichnet hat den Weg bereits ihr Vorgänger Bischof Huber. Doch als Mensch verkörpern kann ihn erst die First Lady des Protestantismus.
- Datum 05.11.2009 - 14:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
- Kommentare 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







"Die evangelische Kirche taucht gerade aus einer langen Phase auf, in der sie ihre öffentliche Beachtung – und zu einem nicht unwesentlichen Teil auch ihre Identität – aus dem Primat des Politischen bezogen hat. Der Protestantismus wurde zu einem Dach für politische Anliegen aller Art, die von ihren Vertretern biblisch abgeleitet wurden, die im Kern aber auf die Abhilfe weltlicher Missstände zielte."
Das hofft man für die evangelische Landeskirche, daß sie aus dieser Phase auftaucht. Denn was soll ich mit einer Kirche, die sich weniger als Gemeinschaft von Gläubigen definiert, was das Wesen einer Kirche ausmacht, sondern mehr als ein Verein altruistischer Tanten und Onkels zur Pflege eines persönlichen Samariterkomplexes, allerdings weniger hinsichtlich der einheimischen Notleidenden und Beladenen, sondern mehr für diejenigen der Dritten Welt oder was als solche bezeichnet wurde. Wahlweise verstand sich die evangelische Kirche in den letzten Jahren auch als Ableger des ominösen "Kampf gegen Rechts", der sich einem Heiligen Krieg gegen einen unheilbaren und quasi angeborenen Rechtsextremismus und die vorgebliche Fremdenfeindlichkeit der deutschen Bevölkerung verschrieben hatte, welcher sich aber in Wahrheit gegen die bürgerliche Mitte der Gesellschaft richtet.
Wer sich so säkularisieren und für fremde Zwecke mißbrauchen läßt, zeigt damit vor allem, daß er nicht mehr wirklich an den Kern der christlichen Kirche glaubt, nämlich die Verbreitung der frohen Botschaft.
»Wir haben im Konfirmandenunterricht in unseren Gemeinden mehr über Drogen und Sekten geredet als über die Bibel«, bekennt Käßmann heute selbstkritisch.
Und heute? Redet Sie über Kernkraft, Gorleben und Gentechnik.
Denn das ist wohl der Bibel näher.
Herzlichst Crest
Fokus auf Kernkompetenzen.
schweren Zeiten rüsten die 'christlichen Kirchen' auf. Unter Huber kam - natürlich nicht zum ersten Mal - die Seeligsprechung des freien Marktes, und die katholische Variante beschränkt sich - im Wesentlichen - im Appell an das Almosenwesen.
Beiden gemeinsam ist die symbiotische Verklammerung mit Herrschaftssystemen, als sozusagen ideologische Hilfstruppen je herrschender Eliten.
Die lange und blutige Geschichte so genannter Ketzer belegt das zu Genüge.
Was bleibt ist das Fazit: Nichts ist so kalt wie die christliche Nächstenliebe.
Es wird sich nichts ändern. Wenn die Kirche den christlichen Glauben glaubhaft vertreten wollte, dann müsste sie erst einmal deutlich machen, dass das Christentum die eine und einzige Wahrheit ist. Und das alle Weltbilder, die von diesem Christentum abweichen, Irrlehren sind, einschließlich Atheismus, Buddhismus, Psychoanalyse und Islam. Und sie müsste klarstellen, dass am Ende aller Tage die Spreu vom Weizen getrennt wird und Anhänger solcher Irrlehren mit der ewigen Verdammnis zu rechnen haben.
Das wird man sich natürlich niemals trauen. Die einzige Irrlehre, die man sich zu bekämpfen traut, ist der Rechtsextremismus, da gibt es schließlich keinen Widerstand. Die Kirche wird bleiben was sie ist. Der letzte Hort des weinerlich-kitschigen Gutmenschtums, das überall sonst ausgestorben ist, als man den Begriff "Gutmensch" erfand. Miefig und gestrig. Und peinlich.
Zitat "Die einzige Irrlehre, die man sich zu bekämpfen traut, ist der Rechtsextremismus, da gibt es schließlich keinen Widerstand."
Praktischer Weise erst nach Abschluß des Konkordats Vertrages mit den Nazis und Hitler...
Zitat "Die einzige Irrlehre, die man sich zu bekämpfen traut, ist der Rechtsextremismus, da gibt es schließlich keinen Widerstand."
Praktischer Weise erst nach Abschluß des Konkordats Vertrages mit den Nazis und Hitler...
der Protestantismus sei keine Kirche - er sei ein Hotel. Und daran wird wohl auch die neue Hotelbesitzerin nichts ändern...
Die Wahl von Margot Kässmann in das höchste Amt der EKD verbinde ich mit guten Gedanken. Frau Kässmann ist eine gute Wahl, denn sie kann Glauben und Christentum in einer immer mehr säkularsierten Welt glaubhaft vorleben und andere für die Sache Jesu Christi begeistern. Bischöfin Kässmann ist auch optisch gut wahrnehmbar und kann sich den Medien stellen und sie nutzen für die Verbreitung des Evangeliums unter Heiden.
Und wieso schafft sie es bei ihrer angeblichen Medienkompetenz dann nicht einmal verständlich zu kommunizieren, dass sie für einen Wandel weg von grüner Politik, hin zu mehr Frömmigkeit steht? Dass sie überhaupt für einen Wandel steht? Das Einzige, was in der Medienöffentlichkeit ankommt, ist dass jetzt eine geschiedene Frau an der Spitze der Kirche steht und das sieht nun einmal noch noch mehr linksliberaler Aufweichung aus.
Zudem gehören zu einem Wandel immer zwei Dinge, die Vision und die Abrechnung. Die Vision ist schon kaum erkennbar und die Abrechnung offenbar gar nicht vorhanden.
Und wieso schafft sie es bei ihrer angeblichen Medienkompetenz dann nicht einmal verständlich zu kommunizieren, dass sie für einen Wandel weg von grüner Politik, hin zu mehr Frömmigkeit steht? Dass sie überhaupt für einen Wandel steht? Das Einzige, was in der Medienöffentlichkeit ankommt, ist dass jetzt eine geschiedene Frau an der Spitze der Kirche steht und das sieht nun einmal noch noch mehr linksliberaler Aufweichung aus.
Zudem gehören zu einem Wandel immer zwei Dinge, die Vision und die Abrechnung. Die Vision ist schon kaum erkennbar und die Abrechnung offenbar gar nicht vorhanden.
Und wieso schafft sie es bei ihrer angeblichen Medienkompetenz dann nicht einmal verständlich zu kommunizieren, dass sie für einen Wandel weg von grüner Politik, hin zu mehr Frömmigkeit steht? Dass sie überhaupt für einen Wandel steht? Das Einzige, was in der Medienöffentlichkeit ankommt, ist dass jetzt eine geschiedene Frau an der Spitze der Kirche steht und das sieht nun einmal noch noch mehr linksliberaler Aufweichung aus.
Zudem gehören zu einem Wandel immer zwei Dinge, die Vision und die Abrechnung. Die Vision ist schon kaum erkennbar und die Abrechnung offenbar gar nicht vorhanden.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren