Martenstein Engel im Gegenverkehr

Noch sieben Wochen bis Weihnachten. Unser Kolumnist findet, es gibt noch viel zu tun vor dem Fest. Vor allem in Berlin.

An der Kreuzung, in Berlin-Charlottenburg, musste Engel während der Rushhour links abbiegen. Es gab Gegenverkehr. Engel wartete. Hinter ihm bildete sich eine Autoschlange. Es hupte. Es hupte mehrfach. Er schaltete den Warnblinker ein, stieg ohne Hast aus und ging zu dem Wagen, einem BMW, der unmittelbar hinter ihm stand. Sein Fahrer war es, der unablässig auf die Hupe drückte. Der Fahrer war ein jüngerer Mann mit Dreitagebart und Schirmkappe, neben ihm saß eine junge Frau mit sehr kurzem Rock.

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Engel sagte: "Was kann ich für Sie tun, mein Freund? Brauchen Sie Hilfe?"
Der Mann antwortete, sehr laut: "Wo hast du denn deinen Führerschein gewonnen? Fahr endlich, du Dummschwätzer."
Engel sagte, sehr ernst und mit Betonung: "Es tut mir ehrlich leid, dass ich Ihnen lästig bin. Das war nicht meine Absicht. Schauen Sie, es gab Gegenverkehr. Darauf habe ich keinen Einfluss. Der Herr hat es so gewollt. Ich entschuldige mich bei Ihnen, mein Bruder."
Der Mann: "Was bist denn du für ein Vogel? Du blockierst die Kreuzung, Arschgeige."
"Verzeihen Sie, es geht mich nichts an, das weiß ich, aber ich spüre bei ihnen einen Zorn, eine tiefe Verbitterung. Ich war genau wie Sie, noch vor einigen Monaten, glauben Sie mir. Nichts konnte mir schnell genug gehen, in meinen Mitmenschen habe ich nicht Brüder und Schwestern erkannt, sondern Feinde. Dann ist mir etwas klar geworden. Jesus liebt uns, Sie, Ihre bezaubernde Partnerin, mich. Wir alle sind seine Geschöpfe. Wir sollten lernen, seine Liebe zu spüren, dann können wir auch einander wieder in Liebe begegnen. Jesus, in seiner grenzenlosen Liebe, verzeiht uns all unsere Sünden – sollten wir nicht versuchen, ihm nachzueifern?"

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Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an. Inzwischen war die Ampel auf Rot, dann wieder auf Grün umgesprungen, an allen vier Seiten der Kreuzung staute es sich. Mühsam versuchten die Fahrer, an den beiden Autos in der Kreuzungsmitte vorbeizumanövrieren, ein vielstimmiges Hupen lag in der Luft.

"Wir alle wollen hierhin, dahin, dorthin", fuhr Engel fort, "wir alle denken, dass wir etwas Wichtiges vorhaben. Aber wissen wir überhaupt, was wichtig ist? Wir vertun unser Leben mit Nichtigkeiten. Kommen Sie, mein Freund, steigen Sie aus, lassen Sie uns, hier und jetzt, dem Herrn danken für das Wunder der Schöpfung."

"Verarschen kann ich mich selbst, ich hau dem Sack gleich in die Fresse", schrie der Mann mit rotem Kopf in Richtung seiner Begleiterin und tippte sich mit dem Zeigefinger mehrfach an die Stirn.

Der andere lächelte ihn an. "Keine Sorge, ich halte Sie nicht länger auf. Danke fürs Zuhören, danke für Ihre Zeit…" Der Schirmkappenmann versuchte, mit seinem Auto an Engels Auto vorbeizugelangen, er lenkte hektisch, stieß vorne an, setzte wieder zurück. Schließlich gelang es ihm, das Auto frei zu bekommen. Dann schrie er noch "Du blöde Sau", streckte seinen Arm aus dem geöffneten Fenster und versuchte, die Jacke des anderen zu packen, was ihm nicht gelang. Er gab Gas, obwohl die Linksabbiegerampel gerade auf Rot stand.

Leser-Kommentare
    • jäger
    • 05.11.2009 um 20:32 Uhr

    Sehr geehrter Herr Martenstein !
    Als bekennender Dreitagebartträger in Verbindung mit Schirmkappe möchte ich mich für das schöne Wort "Schirmkappe" bedanken. Werde es ab sofort im Sprachgebrauch berücksichtigen.
    mit freundlichen Grüssen

    • erlau
    • 06.11.2009 um 2:59 Uhr

    Glückwunsch, Harald Martenstein. Die Art-Leute schätzen Sie. Immerhin platzieren sie zwei tolle Bilder von Ihrem charaktervollen Kopf innerhalb nur einer Kolumne. Ich hoffe, Sie wurden nicht gebeten, Ihren Text dafür zu kürzen.

  1. Wunderbar. Danke. Mehr davon.

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