Ein weitläufiger Bungalow an der Schwelle zur Schwäbischen Alb, entworfen als bewohnbares Privatmuseum: Hier, in Nürtingen-Oberensingen, in der erstaunlichen Sammlung des Stuttgarter Neurologen, Psychiaters, Kunstsammlers und Filmemachers Ottomar Domnick (1907 bis 1989), taucht man ein in das kulturelle Leben der deutschen Wirtschaftswunderjahre. Die eigenwillige Kombination aus abstrakter europäischer Kunst der Nachkriegsmoderne, zeitgenössischem Möbeldesign und entschlossen »brutalistischer« Architektur kann geradezu als exemplarisches Gesamtkunstwerk der Epoche gelten.

Vielleicht das Überraschendste an diesem Haus, das der Stuttgarter Architekt Paul Stohrer für Domnick baute, ist seine Behaglichkeit. Mit Ausnahme einer spießigen Bierbar will hier nichts gemütlich sein: nicht die abstrakte, informelle Kunst, nicht das zeittypische Mobiliar und schon gar nicht die spröde Architektur. Und doch fühlt man sich in diesem Haus aufs Beste aufgehoben. Überall in dem rechtwinkligen Labyrinth, das Stohrer auf einem quadratischen Grundriss mit 32 Meter Kantenlänge einrichtete, warten Sitzgruppen darauf, dass Kunstbetrachter sich vor den frei in den Raum gestellten Hängewänden niederlassen und sich mit Muße der Kunst zuwenden.

Längst ist die europäische Nachkriegsmalerei mitsamt ihrer verspätet nachgelieferten Opposition gegen das totalitäre Kunstdiktat Hitlers und Stalins gründlich historisiert – dennoch wirken die Bilder im wohnlichen Ambiente der Sammlung ungemein frisch und unverbraucht.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Was Domnick vorschwebte, war »ein Haus, in dem man mit seinen Bildern lebt, in einer Architektur, die der modernen Kunst entspricht. Aber kein Museum. (…) Die Kunst an sich ist tot. Sie lebt nur durch den menschlichen Geist.« Kein Museum und doch ein Museum, auf private Weise öffentlich, eigen und konzentriert in der Auswahl – das ist das Geheimnis dieses Ausstellungshauses.

Nicht nur zeitlich, sondern auch geografisch beschränkt sich die Sammlung auf die europäische Szene der Nachkriegszeit. Die amerikanische Avantgarde wird praktisch ausgeklammert. Domnick hätte wohl kaum etwas gegen einen Rothko oder einen Pollock einzuwenden gehabt – aber diese Bilder waren ihm letztlich zu teuer. Dafür bewies der Sammler einiges Gespür in der Auswahl seiner Favoriten, auch wenn er nicht systematisch vorging, sondern oft seinem Instinkt folgte. Die bedeutendsten Werkgruppen der Kollektion stammen von Willi Baumeister, Hans Hartung und Fritz Winter. Für Arnulf Rainer engagierte sich Domnick schon sehr früh, von etlichen anderen europäischen Künstlern erwarb er einzelne Werke, die sich heute, wie der Kurator Werner Esser es treffend formuliert, als »starke Solitäre« der Kollektion erweisen, etwa Schumacher, Geiger, Piene, Soulages, Vostell, Kounellis oder Vedova.

Domnicks Skulpturenpark im Garten entstand erst spät und binnen kurzer Zeit. Die Objekte erscheinen wie zufällig abgestellt und verlieren sich auf dem weitläufigen Grundstück. Wenig ist hier von jener Konzentration zu spüren, mit der Domnick seine Gemäldesammlung zusammentrug. Bis heute wirkt sie wunderbar lebendig dank des Kontrasts streng definierter Architektur und einer befreiten Kunst, die sich in entfesselten Farben und Formen ausdrückt. Aufgeräumte Freiheit, wenn es so etwas denn geben sollte.