Opernpremieren An der Schmerzgrenze

»Don Giovanni« verschluckt sich an Ravioli, der »Rosenkavalier« leidet unter zu vielen Rosinen – zwei Operninszenierungen in München und Stuttgart

Man müsste sich einmal die Mozart-Inszenierungen der letzten vierzig Jahre vornehmen und eine Sozialgeschichte des Don Giovanni schreiben. Sofort wäre erkennbar, welch kapitalen gesellschaftlichen Abstieg die Figur über die Jahrzehnte hinweg erlebt hat. Vom spanischen Edelmann mit Dreispitz, Degen und gewienerten Schaftstiefeln, der er einmal auf der Bühne war, führte sein Weg von Regiegeneration zu Regiegeneration immer mehr ins soziale Abseits – und schließlich in die Gosse. Der Don Giovanni unserer Tage ist ein radikaler Außenseiter, Unbehauster, Obdachloser. Sosehr Mozart und Da Ponte ihn als liederlichen Aristokraten und späten Vertreter des Ancien Régime entworfen haben, dessen Höllenfahrt einen Epochenuntergang markiert, so wenig können ihn sich die Regisseure von heute noch als einen Mann von höherem Stand vorstellen. Das Libertinäre, das der Don verkörpert, ist nur noch im Asozialen denkbar. Und so erleben wir ihn als Edel-Clochard, Junkie, verkommenen Rock’n’Roller, vereinsamten Latin Lover oder perversen Triebtäter. Mit dem Abstieg geht auch eine Verrohung einher: Das einst Galante ist dem rüden sexuellen Übergriff gewichen. Der Degen hat als Waffe ausgedient, es werden Messer, Pistolen, Beile und Eisenstangen gezückt.

Der neue Don Giovanni an der Bayerischen Staatsoper liegt ganz auf dieser abschüssigen Linie. Der Schauspielregisseur und Mozart-Debütant Stephan Kimmig entdeckt seinen Helden in der Gosse eines unwirtlichen Containerumschlagplatzes. Gut möglich, dass die Fast-Food-Bulette, die Don Giovanni in der ersten Szene verschlingt, aus einem Mülleimer stammt. Er ist verwahrlost, weil er unfähig ist, sich selbst wahrzunehmen. Speckig fallen ihm die langen Haarsträhnen über die Killer-Sonnenbrille und den Trenchcoat, wenn er dem Komtur mit kühlem Desinteresse eine tödliche Kugel in die Brust jagt.

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Don Giovanni bedrängt nicht sein Opfer, sondern schlitzt sich selbst auf

Von Szene zu Szene erscheint er als ein anderer: Einmal trägt er einen zuhälterhaft goldenen Anzug und setzt sich päderastisch eine kleine Spielzeugpuppe aufs Knie, einmal sieht er dem frühen Rainer Werner Fassbinder ähnlich. In der finalen Friedhofszene steht er an Leporellos Küchenzeile und gibt den italienischen Temperamentsbolzen, der gargantuesken Hunger auf seine Henkersmahlzeit verspürt.

Dieser Don Giovanni (Mariusz Kwiecien singt ihn mit volltönendem und aggressiv auffahrendem Bariton) ist eine Nicht-Figur. Fluktuierend zwischen Wunschexistenz und Horrorprojektion, scheint sie sich aufzulösen und wird nur noch von einer Energie getrieben – der Selbstzerstörung. Zu Reich mir die Hand mein Leben macht Don Giovanni Zerlina keine erotischen Avancen mehr, sondern führt sie an die Containerkante, um mit ihr in den Tod zu springen. Und der Viva la liberta!- Überschwang im Finale des ersten Aktes endet in zynischer Selbstverstümmelung: Don Giovanni bedrängt nicht sein Opfer, sondern schlitzt sich selbst die Brust auf und liegt zu den letzten Takten wie ein verblutendes Tier vor den Füßen seiner Verfolger.

Die große innere Leere, die den Titelhelden umgibt, strahlt auf die ganze Produktion ab: Jede heranflutende Eifersuchts-, Sehnsuchts- und Wutausbruchs-Arie bricht sich in dieser Inszenierung an Giovannis ausgebombten Charakter und verebbt folgenlos. Der im Schauspiel hochgelobte Kimmig vermag auf der Opernbühne keine Beziehungsspannung zwischen den Figuren aufzubauen. Viel zu wenig lässt er szenisch erkennen vom verzweifelten Hin und Her der Gefühle, das aus Mozarts Musik immerzu spricht. Stattdessen quillen Äußerlichkeiten aus den Containern, das Schlachtfleisch im Kühlraum etwa, in dem die Friedhofsszene spielt, oder eine surreale Après-Ski-Party mit Pinguinen und Antarktis-Fototapete als Finalfest am Ende des ersten Akts.

Hinzu kommt, dass Kent Nagano einfach kein musikalisches Feuer in die Aufführung bekommt. Er findet weder einen Ton für die Maßlosigkeit, die in der Musik rumort, noch für die Dämonie der finalen Höllenfahrt. Die hat man szenisch lapidarer kaum je gesehen: Nachdem ihm der Komtur als Kardinal mit allen erdenklichen Ordnungsmächten im Gefolge entgegengetreten ist, bricht Don Giovanni einfach hinter der Küchenzeile zusammen, als habe er sich an übergroßen Ravioli verschluckt. Das Essen wird kalt – und mit ihm das ganze Stück. Was soll uns dieser Don Giovanni noch, so fragt man sich am Ende des Abends, wenn er eine erloschene Brandstätte ist und das erotische Zeitalter, für dessen Untergang der Held steht, schon lange vor dem ersten Ouvertürenton verdämmert ist?

Wie prall und lüstern geht es demgegenüber noch an der Stuttgarter Staatsoper zu, wo am gleichen Wochenende ein neuer Rosenkavalier Premiere hat. Da sieht man, wie auf der Bühne zu den großorchestralen Richard-Strauss-Klängen die Penisse schwellen und gierig in Unterrockgebirgen gewühlt wird. Der Rosenkavalier ist eben, anders als Don Giovanni, ein Traumstück, eine Wunschmaschine, die die Seligkeiten des Rokoko mitsamt blühenden erotischen Fantasien imaginiert. So sieht es der Regisseur Stefan Herheim, der spätestens seit seinem Bayreuther Parsifal als der große Hoffnungsträger in der jüngeren Generation der Opernmacher gilt. Bei ihm zieht das Stück als Phantasmagorie der alternden Feldmarschallin vorüber. Noch bevor die Ouvertüre beginnt, sieht man sie unter der Sternenkuppel auf einem Wolkenkissen sitzen. Mit einem Faustschlag zerschlägt sie ihr Spiegelbild, das ihr die Vergänglichkeit ihres Lebens vor Augen führt, und blickt durch den leeren verschnörkelten Holzrahmen auf ihrem Toilettentisch in eine andere Wirklichkeit: Nackte zottelige Faune mit mächtigen Geschlechtsteilen steigen plötzlich vom Wandgemälde ihres Schlafgemachs herab und erwachen zu geiler Triebhaftigkeit; das fürstliche Dienstpersonal nimmt die Gestalt von surrealen Tierwesen an, der Notar ist ein schwarzer Pudel, der Intrigant Valzacchi eine Kakerlake. Und ihr Lustknabe Octavian sinkt als silberne Liebessternschnuppe vom Bühnenhimmel herab.

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