Revolution 1989
Triumph der offenen Gesellschaft
Warum der Mauerfall der erhabenste und glücklichste Moment der deutschen Demokratiegeschichte ist.
© Patrick Hertzog/AFP/Getty Images

Dass schnauzbärtige Trabi-Fahrer in stonewashed Jeans letztlich den jugendlichen Kanzler Oskar Lafontaine verhinderten, haben viele den Ostdeutschen bis heute nicht verziehen
Zehn Jahre nach der Revolution, als mittlerweile überall Skepsis herrschte, blutige Kriege und Konflikte die Welt in Atem hielten und sich die Träume von einer neuen friedlichen Welt nicht erfüllt hatten, in dieser reichlich ernüchterten Situation also verteidigte ein deutscher Philosoph vehement die Revolution: »Denn ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergisst sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Lauf der Dinge herausgeklügelt hätte.« Mit diesen Worten erinnerte ein unverändert begeisterter Immanuel Kant 1798 in seiner Schrift Der Streit der Fakultäten an die Französische Revolution von 1789.
1989 ist im deutschen intellektuellen Bewusstsein kein so tiefer Einschnitt wie in dem des übrigen Europa
Ralf Dahrendorf, Soziologe und Politiker
Zweihundert Jahre darauf brach erneut eine Revolution aus, mit globalen Folgen auch diesmal – und Kants Worte hätten wiederum nicht besser passen können: Kein Politiker hatte das Epochenjahr 1989 aus dem bisherigen Lauf der Dinge herausgeklügelt, und die Friedlichkeit der ostmitteleuropäischen Freiheitsbewegung nach Jahrzehnten Diktatur und Unterdrückung offenbarten ja vielleicht tatsächlich ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren.
Der Königsberger Philosoph hätte zudem ein Wort für all jene zu Tränen gerührten Westdeutschen parat gehabt, die allenfalls vor den Fernsehschirmen den Fall der Mauer miterleben konnten: »Diese Revolution, sage ich, findet doch in den Gemütern aller Zuschauer (die nicht selbst in diesem Spiele mit verwickelt sind) eine Theilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasm grenzt«, was laut Kant »keine andere als eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur Ursache haben kann«.
Wer heute diese euphorischen Zeilen Kants liest, den befallen womöglich melancholische Anwandlungen. Sicher, die Erinnerung an das Jahr 1989 wird momentan im zwanzigsten Jubiläumsjahr fleißig betrieben: Überall Ansprachen und Podiumsdiskussionen, Artikel und Bücher, Zeitzeugenauftritte, wohin man schaut. Und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass all das bloß Rituale des Gedenkens sind, geplante Pflichtübungen in Erinnerung und Gefühligkeit. Alle scheinen froh, wenn der Gedenkmarathon vorbei ist. Noch immer stimmt Ralf Dahrendorfs zehn Jahre alte Beobachtung: »1989 ist im deutschen intellektuellen Bewusstsein kein so tiefer Einschnitt wie in dem des übrigen Europa, und schon gar nicht ein Moment des Aufatmens ob des Triumphs der offenen Gesellschaft.«
Dafür gibt es viele Gründe. Die Gegenwart frisst die Vergangenheit auf: Angesichts heutiger globaler Krisen, Beschleunigungen und Bedrohungen liegt für viele das Jahr 1989 weit weg, tief im 20. Jahrhundert. Die immensen menschlichen und materiellen Kosten, die die Vereinigungskrise nach 1990 in Ostdeutschland forderte, taten ein Übriges, um den epochalen Umbruch rückblickend mit gemischten Gefühlen zu betrachten.
Und last, but not least störte vor zwanzig Jahren die Revolution in der DDR den postmateriellen und postnationalen Schlaf der späten Bundesrepublik; dass schnauzbärtige Trabi-Fahrer in stonewashed Jeans letztlich den jugendlichen Kanzler Oskar Lafontaine verhinderten, haben viele den Ostdeutschen bis heute nicht verziehen. Hatte ein rot-grün gestimmtes Justemilieu nicht soeben unter mühsamen Kämpfen – Bitburg, Historikerstreit, Wackersdorf et cetera – zunächst die kulturelle Hegemonie gegen Helmut Kohl erkämpft? Und nun machten diese grölenden Schwarz-Rot-Gold-Schwenker und Zonengabis all das zunichte.
Übersicht zu diesem Artikel:
- Seite 1 Triumph der offenen Gesellschaft
- Seite 2 Auch Habermas verkannte die Bedeutung des historischen Moments
- Seite 3 Die Geschichtsbilder in Ost und West sind bis heute unterschiedlich
- Datum 6.11.2009 - 17:13 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
- Kommentare 13
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... der Mauerfall der erhabenste und glücklichste Moment der deutschen Demokratiegeschichte ist" - man mag das so sehen. Ich persönlich rechne dieses Ereignis dem 09.November 1918 zu - die Underdogs, die sich erhoben, um nicht für die Laune einer Klasse zu krepieren - der Marine-Offiziere als Repräsentanten bürgerlicher Feudalisten.
Was nun aber den "Triumph der offenen Gesellschaft": Da können Sie ja wohl nur die "nach unten offene Gesellschaft" meinen?
Oh Mann, super Kommentar. Ich sehe in 1918 nicht viel Demokratie, so viele Menschen wie da sterben mussten -.-
Ich als Prä-1989 hab überhaupt keinen Bezug zu einem geteilten Deutschland. Ich sehe nur alte Menschen, die versuchen eine alte Hackordnung aufrecht zu erhalten.
Ich stimme Ihnen zu.
Der zweifellos größte Moment der deutschen Demokratiegeschichte ist der 9.11.1918.
An diesem Tag wurde mit der (gleich doppelten) Proklamation der Republik ein Schlussstrich unter 1000 Jahre Monarchie in Deutschland gezogen.
Alle weiteren 9.November - also die von 1923, 1938 und von 1989 - waren lediglich Reaktionen, Folgen und Spätausläufer der umwälzenden Veränderungen und Auseinandersetzungen, die der Gründungsakt der deutschen Republik im Jahr 1918 auslöste.
Plakativ ausgedrückt:
Ohne Scheidemann und Liebknecht kein Schabowski.
Ich hab damals den Mut der Menschen bewundert, die in Leipzig und anderen Städten demonstriert haben. Das tue ich auch heute noch.
Letztendlich wurde es eine bedingungslose Kapitulation und Übernahme durch den Westen.
Die Aussicht auf nen Golf GTI, Marlboro und Bananen, hat sich als trügerisch herausgestellt.
Wenn ich heute mit Attac gegen den Casino-Kapitalismus demonstriere, werde ich von zig Kameras überwacht, von martialisch ausgerüsteten Hundertschaften eingekesselt und zivilen Beamten bespitzelt...
Oh Mann, super Kommentar. Ich sehe in 1918 nicht viel Demokratie, so viele Menschen wie da sterben mussten -.-
Ich als Prä-1989 hab überhaupt keinen Bezug zu einem geteilten Deutschland. Ich sehe nur alte Menschen, die versuchen eine alte Hackordnung aufrecht zu erhalten.
Gut beobachtet. Nachdem sich die Sozialdemokratie der Sache angenommen hatt, blieb in der Tat nicht mehr viel Demokratie übrig. (Gustav Noske wäre da ein Name, den nachzuschlagen sich lohnen würde.) Aber das mindert ja nicht die Leistung der underdogs - ob nun 1918 oder 1989.
Nach dem, was ich sehe, hat die Wiedervereinigung den Zweiten Weltkrieg abgeschlossen.
Die Berliner Republik hingegen hat den Ersten Weltkrieg abgeschlossen; wir sind wieder da, wo wir 1914 schon einmal waren.
Am Reichstag kann man das symbolisch prima sehen - 1914 hatte er nix zu sagen, und heute haben die sich darin vor den Unbilden der Witterung Unterstellenden auch nix zu sagen. 1914 hat man sinnlos Kreuze gemacht, und heute ebenso.
Das mit "Klasse" und "feudal" klingt so marxistisch; das will ich gar nicht.
Ich zitiere aus wikipedia:
"Während die kriegsmüden Truppen und die von der kaiserlichen Regierung enttäuschte Bevölkerung das baldige Kriegsende erwarteten, plante in Kiel die deutsche Marineleitung unter Admiral Franz von Hipper eigenmächtig, die Flotte zu einer letzten Schlacht gegen die Royal Navy in den Ärmelkanal zu entsenden. Der Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 und die Vorbereitungen zum Auslaufen lösten zunächst eine Meuterei unter den betroffenen Matrosen und dann eine allgemeine Revolution aus, die in wenigen Tagen die Monarchie im Reich beseitigte. Die meuternden Matrosen wollten nicht im bereits verlorenen Krieg sinnlos geopfert werden."
http://de.wikipedia.org/w...
So wie ich das sehe, ist das Ergebnis der Revolution, dass wir 20 Jahre später sehen, gar nicht so sehr verschieden wie 20 Jahre nach der Novemberrevolution.
"Wir kommen zu der Erkenntnis, dass die Millionen schmieden, ackern und hobeln müssen, damit einige Tausend forschen, malen und dichten können. Das klingt hart, aber es ist wahr und wird in aller Zukunft wahr bleiben. Mit Jammern und Klagen ist hiergegen gar nichts auszurichten. Der Jammer entspringt auch nicht der Menschenliebe, sondern dem Materialismus und Bildungsdünkel unserer Zeit."
Wer vermeint da nicht unsere habilitierten Banken- und Versicherungs-Vertreter zu hören?
Eigentlich hätte dies der 8. Mai 1945 werden können.
Wenn da nicht die Siegermächte des 2. Weltkrieges Deutschland gespalten hätten.
Allen voran die Westmächte, die mit der Bildung der Bi- und Trizone und der Ausrufung der Bundesrepublik Deutschland die Deutschen bereits damals in WESSI und OSSI klassifizierten.
Von dem Zeitpunkt der Spaltung an konnte der Osten allein für die fälligen Reparationszahlungen aufkommen und wurde vom Russen, später den sowjetischen Genossen und Freunden, bis aufs Mark ausgeplündert, so dass die Leute kaum etwas für sich behalten konnten.
Im Osten gab es keine Luftbrücke, die den Menschen half nicht zu hungern und so mussten diese sehen, wie sie lang kommen.
Indes wurde von den West-Alliierten, voran den USA, der Westen kontinuierlich versorgt, gehätschelt und getätschelt. Ohne dass ich jetzt die Lebensleistung der Menschen im Westen schmälern möchte.
Der Ostdeutsche konnte nicht die Hand aufhalten, wenn ein "Rosinenbomber" Schokolade abwarf.
Haben wir immer noch nicht begriffen, dass wir Deutschen nur der Spielball eines perfiden Systems aus Machtanspruch, Frontstaaterei und zur Schaustellung der angeblichen Vorteile der Weltsysteme benutzt wurden?
Berlin ist dafür doch das beste Beispiel. Entlang der Grenze fand zuerst im Westen eine wunderschöne Grenzbebauung statt, aber im Inneren gab es auch dem Verfall überlassene Häuser.
Das viel mir auch gleich nach der Maueröffnung auf, dass hier auch nicht alles Gold ist, was angepinselt wurde.
Gut beobachtet. Nachdem sich die Sozialdemokratie der Sache angenommen hatt, blieb in der Tat nicht mehr viel Demokratie übrig. (Gustav Noske wäre da ein Name, den nachzuschlagen sich lohnen würde.) Aber das mindert ja nicht die Leistung der underdogs - ob nun 1918 oder 1989.
Nach dem, was ich sehe, hat die Wiedervereinigung den Zweiten Weltkrieg abgeschlossen.
Die Berliner Republik hingegen hat den Ersten Weltkrieg abgeschlossen; wir sind wieder da, wo wir 1914 schon einmal waren.
Am Reichstag kann man das symbolisch prima sehen - 1914 hatte er nix zu sagen, und heute haben die sich darin vor den Unbilden der Witterung Unterstellenden auch nix zu sagen. 1914 hat man sinnlos Kreuze gemacht, und heute ebenso.
...lokales Ereignis, dass seine Hauptbedeutung in der Symbolkraft der Mauer lag, die für den Systemkonflikt der vorgehenden 45 Jahre stand. Aus einer Vogelperspektive war der Zusammanbruch der DDR aber ein Ereignis von vielen gleichzeitigen. Alle Satelitenländer der Soviets lösten sich auf und viele frühere Sovietregionen sezierten sich weg von der Sovietunion.
In den Einzelheiten dieses Prozesses gab es regional Unterschiede, die man vergleichend studieren kann. Herkunft und Bedeutung der jeweiligen Verläufe sind noch nur vague verstanden. Einzigartig sind sie jedoch wahrscheinlich nur wie die Ereignisse einer Wahrscheinlichkeitsverteilung.
Der Verlauf ist zwar verbunden mit aber seperat zu sehen von den Ursachen, die in allen betroffenen Ländern gleichzeitig zum Sprung in die Unabhängigkeit und Freiheit erlaubten.
Klar, der Mauerfall ist unbedeutend in einer Reihe mit dem Ungarn-Aufstand, den Ereignissen vom 17. Juni und dem Prager Frühling.
Kommt ja alle Tage in der Geschichte vor, dass ein Volk ein ungeliebtes Regime einfach (erfolgreich) abschüttelt.
Wichtig ist die Ideologie, die dahinter steht.
Klar, der Mauerfall ist unbedeutend in einer Reihe mit dem Ungarn-Aufstand, den Ereignissen vom 17. Juni und dem Prager Frühling.
Kommt ja alle Tage in der Geschichte vor, dass ein Volk ein ungeliebtes Regime einfach (erfolgreich) abschüttelt.
Wichtig ist die Ideologie, die dahinter steht.
Ich stimme Ihnen zu.
Der zweifellos größte Moment der deutschen Demokratiegeschichte ist der 9.11.1918.
An diesem Tag wurde mit der (gleich doppelten) Proklamation der Republik ein Schlussstrich unter 1000 Jahre Monarchie in Deutschland gezogen.
Alle weiteren 9.November - also die von 1923, 1938 und von 1989 - waren lediglich Reaktionen, Folgen und Spätausläufer der umwälzenden Veränderungen und Auseinandersetzungen, die der Gründungsakt der deutschen Republik im Jahr 1918 auslöste.
Plakativ ausgedrückt:
Ohne Scheidemann und Liebknecht kein Schabowski.
Margot und (posthum) Erich Honecker sehen dass bestimmt ganz genauso wie Sie.
Andere meinen, die Maueröffnung sei nur mit Ghandis Erfolg (friedkiche Revolution) zu vergleichen.
Wo sind die Historiker??
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