Zehn Jahre nach der Revolution, als mittlerweile überall Skepsis herrschte, blutige Kriege und Konflikte die Welt in Atem hielten und sich die Träume von einer neuen friedlichen Welt nicht erfüllt hatten, in dieser reichlich ernüchterten Situation also verteidigte ein deutscher Philosoph vehement die Revolution: »Denn ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergisst sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Lauf der Dinge herausgeklügelt hätte.« Mit diesen Worten erinnerte ein unverändert begeisterter Immanuel Kant 1798 in seiner Schrift Der Streit der Fakultäten an die Französische Revolution von 1789.

1989 ist im deutschen intellektuellen Bewusstsein kein so tiefer Einschnitt wie in dem des übrigen Europa
Ralf Dahrendorf, Soziologe und Politiker

Zweihundert Jahre darauf brach erneut eine Revolution aus, mit globalen Folgen auch diesmal – und Kants Worte hätten wiederum nicht besser passen können: Kein Politiker hatte das Epochenjahr 1989 aus dem bisherigen Lauf der Dinge herausgeklügelt, und die Friedlichkeit der ostmitteleuropäischen Freiheitsbewegung nach Jahrzehnten Diktatur und Unterdrückung offenbarten ja vielleicht tatsächlich ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren.

Der Königsberger Philosoph hätte zudem ein Wort für all jene zu Tränen gerührten Westdeutschen parat gehabt, die allenfalls vor den Fernsehschirmen den Fall der Mauer miterleben konnten: »Diese Revolution, sage ich, findet doch in den Gemütern aller Zuschauer (die nicht selbst in diesem Spiele mit verwickelt sind) eine Theilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasm grenzt«, was laut Kant »keine andere als eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur Ursache haben kann«.

Wer heute diese euphorischen Zeilen Kants liest, den befallen womöglich melancholische Anwandlungen. Sicher, die Erinnerung an das Jahr 1989 wird momentan im zwanzigsten Jubiläumsjahr fleißig betrieben: Überall Ansprachen und Podiumsdiskussionen, Artikel und Bücher, Zeitzeugenauftritte, wohin man schaut. Und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass all das bloß Rituale des Gedenkens sind, geplante Pflichtübungen in Erinnerung und Gefühligkeit. Alle scheinen froh, wenn der Gedenkmarathon vorbei ist. Noch immer stimmt Ralf Dahrendorfs zehn Jahre alte Beobachtung: »1989 ist im deutschen intellektuellen Bewusstsein kein so tiefer Einschnitt wie in dem des übrigen Europa, und schon gar nicht ein Moment des Aufatmens ob des Triumphs der offenen Gesellschaft.«

Dafür gibt es viele Gründe. Die Gegenwart frisst die Vergangenheit auf: Angesichts heutiger globaler Krisen, Beschleunigungen und Bedrohungen liegt für viele das Jahr 1989 weit weg, tief im 20. Jahrhundert. Die immensen menschlichen und materiellen Kosten, die die Vereinigungskrise nach 1990 in Ostdeutschland forderte, taten ein Übriges, um den epochalen Umbruch rückblickend mit gemischten Gefühlen zu betrachten.

Und last, but not least störte vor zwanzig Jahren die Revolution in der DDR den postmateriellen und postnationalen Schlaf der späten Bundesrepublik; dass schnauzbärtige Trabi-Fahrer in stonewashed Jeans letztlich den jugendlichen Kanzler Oskar Lafontaine verhinderten, haben viele den Ostdeutschen bis heute nicht verziehen. Hatte ein rot-grün gestimmtes Justemilieu nicht soeben unter mühsamen Kämpfen – Bitburg, Historikerstreit, Wackersdorf et cetera – zunächst die kulturelle Hegemonie gegen Helmut Kohl erkämpft? Und nun machten diese grölenden Schwarz-Rot-Gold-Schwenker und Zonengabis all das zunichte.