Die Geschichtsbilder in Ost und West sind bis heute unterschiedlich
Die Geschichtsbilder in Ost und West sind bis heute unterschiedlich
Die pathosallergische ironische Nation macht sich immer noch eher über die bärtigen, gar sächselnden Dissidenten-Gestalten lustig, als dass sie begriffe: Ohne diese seltsam fremd wirkenden Frauen und Männer würde ein Großteil der westdeutschen Nachgeborenen in Pforzheim oder Lüdenscheid verkümmern, statt sich in Berlin, Dresden oder Leipzig zu verwirklichen.
Insofern war es ein fatal ignorantes, im Grunde skandalöses Signal, dass in der vergangenen Woche zeitnah zum Mauerfall-Jubiläum die Bild- Zeitung und die Konrad-Adenauer-Stiftung die drei »Väter der Einheit« nach Berlin einluden, assistiert von der Kanzlerin: George Bush senior, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Denn diese drei Männer waren im Herbst 1989, zumal am 9. November und anders als im Sommer 1990, bloße Statisten der Weltgeschichte. Diese wurde damals auf den Straßen in der DDR und an der Mauer gemacht
Auch hier gilt das Wort Jacob Burckhardts, der in seinen Vorlesungen zur Geschichte des Revolutionszeitalters über die Lage im Jahr 1789 siebzig Jahre später feststellte: »Man trieb einem Niagarafall zu. Niemand aber konnte es wissen«; und an »die Masse dachte gar Niemand; ihre Erscheinung, als sie dann wirklich auftrat, verblüffte«. Als die Masse 1989 in Erscheinung trat, war das der erhabenste und glücklichste Moment der deutschen Demokratiegeschichte.
Vielleicht ist es zwanzig Jahre danach noch zu früh für eine gesamtdeutsche Wahrnehmung von 1989. Vielleicht braucht es noch eine Weile, bis es vorbei ist mit dem westdeutschen Gefühl, dass 1989 einen nicht wirklich etwas angeht. Irgendwann werden wir jedoch rückblickend erkennen, was in diesem Epochenjahr passierte: Eingebunden in eine globale revolutionäre Umwälzung, die das kommunistische Experiment beendete, erlebten die Deutschen zugleich die nachgeholte, erfolgreiche Gründungsrevolution ihrer Demokratie – analog zu den Vereinigten Staaten 1776, Frankreich 1789 und England im 17. Jahrhundert.
Ohne fürsorglichen Druck der Alliierten wie nach 1945 im Westen wurde die Freiheit institutionalisiert. Zwar unterblieb leider der verfassungspolitische Neuanfang; auch ein Hemmnis für die heutige gesamtdeutsche Aneignung von 1989. Aber so bedeuteten die Revolution von 1989 und der anschließende Beitritt zumindest eine kostbare Legitimationszufuhr für das Grundgesetz, wovon diese nie durch Volksabstimmung beglaubigte Verfassung in Krisenzeiten womöglich noch zehren könnte.
Mit dem Untergang der DDR starb zugleich das Bonner Provisorium: Auch Westdeutschland wurde ein bisschen freier und souveräner, denn immerhin endeten die Vorbehaltsrechte der alliierten Siegermächte. Ohne 1989 hätte Deutschland den langen Weg nach Westen gewiss nur zur Hälfte zurückgelegt. Für einen demokratischen Republikanismus hierzulande bietet dieses Jahr daher die entscheidende ideelle Ressource.
Damals endete jene merkwürdige, hochdramatische und zugleich eingefrorene, schon heute Nachgeborenen schwer zu erklärende Zwischenzeit der Jahre von 1945 bis 1989. Das 20. Jahrhundert war plötzlich vorbei – und es fing eine gänzlich neue Gegenwart an, was dereinst im Rückblick vielleicht erst vollends zu begreifen sein wird. Dann gilt für 1989 das, was Jacob Burckhardt für 1789 viele Jahrzehnte später einmal notierte: »Jetzt dagegen wissen wir, daß ein und derselbe Sturm, welcher seit 1789 die Menschheit faßte, auch uns weiterträgt.«
Alexander Cammann, geboren 1973 in Rostock, wuchs in Ost-Berlin auf und kam 2009 ins Feuilleton der ZEIT
- Datum 06.11.2009 - 17:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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... der Mauerfall der erhabenste und glücklichste Moment der deutschen Demokratiegeschichte ist" - man mag das so sehen. Ich persönlich rechne dieses Ereignis dem 09.November 1918 zu - die Underdogs, die sich erhoben, um nicht für die Laune einer Klasse zu krepieren - der Marine-Offiziere als Repräsentanten bürgerlicher Feudalisten.
Was nun aber den "Triumph der offenen Gesellschaft": Da können Sie ja wohl nur die "nach unten offene Gesellschaft" meinen?
Oh Mann, super Kommentar. Ich sehe in 1918 nicht viel Demokratie, so viele Menschen wie da sterben mussten -.-
Ich als Prä-1989 hab überhaupt keinen Bezug zu einem geteilten Deutschland. Ich sehe nur alte Menschen, die versuchen eine alte Hackordnung aufrecht zu erhalten.
Ich stimme Ihnen zu.
Der zweifellos größte Moment der deutschen Demokratiegeschichte ist der 9.11.1918.
An diesem Tag wurde mit der (gleich doppelten) Proklamation der Republik ein Schlussstrich unter 1000 Jahre Monarchie in Deutschland gezogen.
Alle weiteren 9.November - also die von 1923, 1938 und von 1989 - waren lediglich Reaktionen, Folgen und Spätausläufer der umwälzenden Veränderungen und Auseinandersetzungen, die der Gründungsakt der deutschen Republik im Jahr 1918 auslöste.
Plakativ ausgedrückt:
Ohne Scheidemann und Liebknecht kein Schabowski.
Ich hab damals den Mut der Menschen bewundert, die in Leipzig und anderen Städten demonstriert haben. Das tue ich auch heute noch.
Letztendlich wurde es eine bedingungslose Kapitulation und Übernahme durch den Westen.
Die Aussicht auf nen Golf GTI, Marlboro und Bananen, hat sich als trügerisch herausgestellt.
Wenn ich heute mit Attac gegen den Casino-Kapitalismus demonstriere, werde ich von zig Kameras überwacht, von martialisch ausgerüsteten Hundertschaften eingekesselt und zivilen Beamten bespitzelt...
Oh Mann, super Kommentar. Ich sehe in 1918 nicht viel Demokratie, so viele Menschen wie da sterben mussten -.-
Ich als Prä-1989 hab überhaupt keinen Bezug zu einem geteilten Deutschland. Ich sehe nur alte Menschen, die versuchen eine alte Hackordnung aufrecht zu erhalten.
Ich stimme Ihnen zu.
Der zweifellos größte Moment der deutschen Demokratiegeschichte ist der 9.11.1918.
An diesem Tag wurde mit der (gleich doppelten) Proklamation der Republik ein Schlussstrich unter 1000 Jahre Monarchie in Deutschland gezogen.
Alle weiteren 9.November - also die von 1923, 1938 und von 1989 - waren lediglich Reaktionen, Folgen und Spätausläufer der umwälzenden Veränderungen und Auseinandersetzungen, die der Gründungsakt der deutschen Republik im Jahr 1918 auslöste.
Plakativ ausgedrückt:
Ohne Scheidemann und Liebknecht kein Schabowski.
Ich hab damals den Mut der Menschen bewundert, die in Leipzig und anderen Städten demonstriert haben. Das tue ich auch heute noch.
Letztendlich wurde es eine bedingungslose Kapitulation und Übernahme durch den Westen.
Die Aussicht auf nen Golf GTI, Marlboro und Bananen, hat sich als trügerisch herausgestellt.
Wenn ich heute mit Attac gegen den Casino-Kapitalismus demonstriere, werde ich von zig Kameras überwacht, von martialisch ausgerüsteten Hundertschaften eingekesselt und zivilen Beamten bespitzelt...
Oh Mann, super Kommentar. Ich sehe in 1918 nicht viel Demokratie, so viele Menschen wie da sterben mussten -.-
Ich als Prä-1989 hab überhaupt keinen Bezug zu einem geteilten Deutschland. Ich sehe nur alte Menschen, die versuchen eine alte Hackordnung aufrecht zu erhalten.
Gut beobachtet. Nachdem sich die Sozialdemokratie der Sache angenommen hatt, blieb in der Tat nicht mehr viel Demokratie übrig. (Gustav Noske wäre da ein Name, den nachzuschlagen sich lohnen würde.) Aber das mindert ja nicht die Leistung der underdogs - ob nun 1918 oder 1989.
Nach dem, was ich sehe, hat die Wiedervereinigung den Zweiten Weltkrieg abgeschlossen.
Die Berliner Republik hingegen hat den Ersten Weltkrieg abgeschlossen; wir sind wieder da, wo wir 1914 schon einmal waren.
Am Reichstag kann man das symbolisch prima sehen - 1914 hatte er nix zu sagen, und heute haben die sich darin vor den Unbilden der Witterung Unterstellenden auch nix zu sagen. 1914 hat man sinnlos Kreuze gemacht, und heute ebenso.
Gut beobachtet. Nachdem sich die Sozialdemokratie der Sache angenommen hatt, blieb in der Tat nicht mehr viel Demokratie übrig. (Gustav Noske wäre da ein Name, den nachzuschlagen sich lohnen würde.) Aber das mindert ja nicht die Leistung der underdogs - ob nun 1918 oder 1989.
Nach dem, was ich sehe, hat die Wiedervereinigung den Zweiten Weltkrieg abgeschlossen.
Die Berliner Republik hingegen hat den Ersten Weltkrieg abgeschlossen; wir sind wieder da, wo wir 1914 schon einmal waren.
Am Reichstag kann man das symbolisch prima sehen - 1914 hatte er nix zu sagen, und heute haben die sich darin vor den Unbilden der Witterung Unterstellenden auch nix zu sagen. 1914 hat man sinnlos Kreuze gemacht, und heute ebenso.
Das mit "Klasse" und "feudal" klingt so marxistisch; das will ich gar nicht.
Ich zitiere aus wikipedia:
"Während die kriegsmüden Truppen und die von der kaiserlichen Regierung enttäuschte Bevölkerung das baldige Kriegsende erwarteten, plante in Kiel die deutsche Marineleitung unter Admiral Franz von Hipper eigenmächtig, die Flotte zu einer letzten Schlacht gegen die Royal Navy in den Ärmelkanal zu entsenden. Der Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 und die Vorbereitungen zum Auslaufen lösten zunächst eine Meuterei unter den betroffenen Matrosen und dann eine allgemeine Revolution aus, die in wenigen Tagen die Monarchie im Reich beseitigte. Die meuternden Matrosen wollten nicht im bereits verlorenen Krieg sinnlos geopfert werden."
http://de.wikipedia.org/w...
So wie ich das sehe, ist das Ergebnis der Revolution, dass wir 20 Jahre später sehen, gar nicht so sehr verschieden wie 20 Jahre nach der Novemberrevolution.
"Wir kommen zu der Erkenntnis, dass die Millionen schmieden, ackern und hobeln müssen, damit einige Tausend forschen, malen und dichten können. Das klingt hart, aber es ist wahr und wird in aller Zukunft wahr bleiben. Mit Jammern und Klagen ist hiergegen gar nichts auszurichten. Der Jammer entspringt auch nicht der Menschenliebe, sondern dem Materialismus und Bildungsdünkel unserer Zeit."
Wer vermeint da nicht unsere habilitierten Banken- und Versicherungs-Vertreter zu hören?
Eigentlich hätte dies der 8. Mai 1945 werden können.
Wenn da nicht die Siegermächte des 2. Weltkrieges Deutschland gespalten hätten.
Allen voran die Westmächte, die mit der Bildung der Bi- und Trizone und der Ausrufung der Bundesrepublik Deutschland die Deutschen bereits damals in WESSI und OSSI klassifizierten.
Von dem Zeitpunkt der Spaltung an konnte der Osten allein für die fälligen Reparationszahlungen aufkommen und wurde vom Russen, später den sowjetischen Genossen und Freunden, bis aufs Mark ausgeplündert, so dass die Leute kaum etwas für sich behalten konnten.
Im Osten gab es keine Luftbrücke, die den Menschen half nicht zu hungern und so mussten diese sehen, wie sie lang kommen.
Indes wurde von den West-Alliierten, voran den USA, der Westen kontinuierlich versorgt, gehätschelt und getätschelt. Ohne dass ich jetzt die Lebensleistung der Menschen im Westen schmälern möchte.
Der Ostdeutsche konnte nicht die Hand aufhalten, wenn ein "Rosinenbomber" Schokolade abwarf.
Haben wir immer noch nicht begriffen, dass wir Deutschen nur der Spielball eines perfiden Systems aus Machtanspruch, Frontstaaterei und zur Schaustellung der angeblichen Vorteile der Weltsysteme benutzt wurden?
Berlin ist dafür doch das beste Beispiel. Entlang der Grenze fand zuerst im Westen eine wunderschöne Grenzbebauung statt, aber im Inneren gab es auch dem Verfall überlassene Häuser.
Das viel mir auch gleich nach der Maueröffnung auf, dass hier auch nicht alles Gold ist, was angepinselt wurde.
Gut beobachtet. Nachdem sich die Sozialdemokratie der Sache angenommen hatt, blieb in der Tat nicht mehr viel Demokratie übrig. (Gustav Noske wäre da ein Name, den nachzuschlagen sich lohnen würde.) Aber das mindert ja nicht die Leistung der underdogs - ob nun 1918 oder 1989.
Nach dem, was ich sehe, hat die Wiedervereinigung den Zweiten Weltkrieg abgeschlossen.
Die Berliner Republik hingegen hat den Ersten Weltkrieg abgeschlossen; wir sind wieder da, wo wir 1914 schon einmal waren.
Am Reichstag kann man das symbolisch prima sehen - 1914 hatte er nix zu sagen, und heute haben die sich darin vor den Unbilden der Witterung Unterstellenden auch nix zu sagen. 1914 hat man sinnlos Kreuze gemacht, und heute ebenso.
...lokales Ereignis, dass seine Hauptbedeutung in der Symbolkraft der Mauer lag, die für den Systemkonflikt der vorgehenden 45 Jahre stand. Aus einer Vogelperspektive war der Zusammanbruch der DDR aber ein Ereignis von vielen gleichzeitigen. Alle Satelitenländer der Soviets lösten sich auf und viele frühere Sovietregionen sezierten sich weg von der Sovietunion.
In den Einzelheiten dieses Prozesses gab es regional Unterschiede, die man vergleichend studieren kann. Herkunft und Bedeutung der jeweiligen Verläufe sind noch nur vague verstanden. Einzigartig sind sie jedoch wahrscheinlich nur wie die Ereignisse einer Wahrscheinlichkeitsverteilung.
Der Verlauf ist zwar verbunden mit aber seperat zu sehen von den Ursachen, die in allen betroffenen Ländern gleichzeitig zum Sprung in die Unabhängigkeit und Freiheit erlaubten.
Klar, der Mauerfall ist unbedeutend in einer Reihe mit dem Ungarn-Aufstand, den Ereignissen vom 17. Juni und dem Prager Frühling.
Kommt ja alle Tage in der Geschichte vor, dass ein Volk ein ungeliebtes Regime einfach (erfolgreich) abschüttelt.
Wichtig ist die Ideologie, die dahinter steht.
Klar, der Mauerfall ist unbedeutend in einer Reihe mit dem Ungarn-Aufstand, den Ereignissen vom 17. Juni und dem Prager Frühling.
Kommt ja alle Tage in der Geschichte vor, dass ein Volk ein ungeliebtes Regime einfach (erfolgreich) abschüttelt.
Wichtig ist die Ideologie, die dahinter steht.
Klar, der Mauerfall ist unbedeutend in einer Reihe mit dem Ungarn-Aufstand, den Ereignissen vom 17. Juni und dem Prager Frühling.
Kommt ja alle Tage in der Geschichte vor, dass ein Volk ein ungeliebtes Regime einfach (erfolgreich) abschüttelt.
Wichtig ist die Ideologie, die dahinter steht.
Ich stimme Ihnen zu.
Der zweifellos größte Moment der deutschen Demokratiegeschichte ist der 9.11.1918.
An diesem Tag wurde mit der (gleich doppelten) Proklamation der Republik ein Schlussstrich unter 1000 Jahre Monarchie in Deutschland gezogen.
Alle weiteren 9.November - also die von 1923, 1938 und von 1989 - waren lediglich Reaktionen, Folgen und Spätausläufer der umwälzenden Veränderungen und Auseinandersetzungen, die der Gründungsakt der deutschen Republik im Jahr 1918 auslöste.
Plakativ ausgedrückt:
Ohne Scheidemann und Liebknecht kein Schabowski.
Margot und (posthum) Erich Honecker sehen dass bestimmt ganz genauso wie Sie.
Andere meinen, die Maueröffnung sei nur mit Ghandis Erfolg (friedkiche Revolution) zu vergleichen.
Wo sind die Historiker??
Margot und (posthum) Erich Honecker sehen dass bestimmt ganz genauso wie Sie.
Andere meinen, die Maueröffnung sei nur mit Ghandis Erfolg (friedkiche Revolution) zu vergleichen.
Wo sind die Historiker??
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