Robbie Williams Der Soundtrack einer Abifete

Herzbube, Scharlatan, Meta-Popstar: Wer ist Robbie Williams? Eine Annäherung anhand seines neuen Albums.

Comeback mit 35 Jahren – noch einmal gibt Williams alles für den Erfolg

Comeback mit 35 Jahren – noch einmal gibt Williams alles für den Erfolg

Wenn Robbie Williams nachts nicht schlafen kann, schaltet er den Computer ein, geht ins Netz und googelt seinen Namen. Je nachdem, wie hoch die Trefferquote ausfällt, begibt er sich danach beruhigt zurück ins Bett – oder aber er irrt durch die endlosen Zimmerfluchten seines Anwesens, die Fäuste geballt wider das Schicksal, Robbie Williams sein zu müssen. Er weiß nicht, wer der Typ ist, er weiß nicht einmal, ob er ihn wirklich ausstehen kann. Alles, was er weiß, ist, dass ihm zu seinem Glück etwas fehlt. Es sind die Clicks der anderen, über die er ein Bild von sich selbst gewinnt.

Ob die Geschichte wahr ist oder nur gut erfunden, muss offenbleiben: Das Leben des Robert Peter Williams gleicht bekanntlich einer Seifenoper, die auf dem Boulevard täglich fortgeschrieben wird. Längst haben sich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit dabei bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Selbst die Biografen sind ratlos, wenn es um biografische Wahrheiten geht: Hinter den Bildern kommen immer nur neue Bilder zum Vorschein. Und doch trifft es etwas Wesentliches, sich Robbie Williams als Ruhelosen vorzustellen. Andere Popstars mögen sich für bedeutende Künstler halten, erhaben über die Launen ihres Publikums. Williams dagegen braucht nichts so sehr wie den Erfolg.

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Seit Monaten schon läuft die Kampagne für sein neues Album Reality Killed The Video Star, eine Dauerwerbeveranstaltung von hoher Professionalität und unbestreitbarem Unterhaltungswert. Die Promomaschine schnurrt, auf die Ankündigung folgen Fotos vom aktuellen Look und auf die Fotos die erste Single Bodies, als Trailer fürs Hauptprodukt. Robbie wäre allerdings nicht der Erfolgsjunkie, der nachts nicht schlafen kann, würde der Kampf um Zustimmung nicht bis zur allerletzten Runde geführt. Rasch werden noch Exklusivverträge mit führenden Vermarktern abgeschlossen, das Konzert zum Comeback gibt es als Stream im Internet, und bevor die CD heute endlich in die Läden kommt, sorgte ein Spontan-Gig in Berlin für entscheidende Prozentpunkte. In der Kunst des Zurückkommens ist Robbie Williams ein Meister. Und doch geht es diesmal um mehr.

Es ist das letzte Aufgebot, das er für die 2009er Variante seines Erfolgsmodells ins Rennen schickt. Der Auftrag ist klar: Schafft er es, wie zu seinen Glanzzeiten fünf Millionen Platten zu verkaufen, geht die Show wie gewohnt weiter; bleibt er weit dahinter zurück, wird es in seinem Umfeld Stimmen geben, die radikale Kursänderungen fordern. Die Situation erinnert ein wenig an das Dilemma der großen Volksparteien: Um an der Macht zu bleiben, müssen sie die Stammwählerschaft halten und gleichzeitig Unentschlossene dazugewinnen. So ist sie, die Logik des Mainstreams: Ohne die Mehrheit auf seiner Seite wäre er irgendein Hinterbänkler, doch niemals Robbie Williams, nach Michael Jacksons Tod und Madonnas künstlerischer Menopause der größte Popstar für die ganze Familie.

Spannend am aktuellen Robbie Williams sind die Methoden, mit denen er sich neu positioniert. Neue Freundin, neuer Produzent, kein Alkohol mehr – der relaunchte, noch akklamationsfähigere Robbie ist eine Art Kuschel-Robbie, der sich auf seine Kernzielgruppe zurückbesonnen hat, Frauen Anfang dreißig. Frauen Anfang dreißig haben, statistisch gesehen, gerade ihr erstes Kind bekommen, sie mögen es, wenn einer mal auf die Pauke haut, aber sie sind auch bodenständig. Eigens deswegen ist Williams vom Sündenbabel L.A. nach England zurückgezogen, wo er in Frauenzeitschriften verkündet, wie gut eine feste Beziehung ihm tut, und natürlich wurde der etwas aus der Fasson geratene Bauch bei der Gelegenheit gleich mitrelauncht. Das alles ist schön für ihn und womöglich sogar gesund, doch es geht – auch dies in struktureller Analogie zur Politik – auf Kosten von Identität und Profil.

Reality Killed The Video Star klingt wie ein Musik gewordenes Erfolgskalkül. Für die Stammklientel hält es eine Reihe gut gezuckerter Prachtballaden bereit, die diesmal wieder in Kooperation mit Guy Chambers entstanden sind, Williams’ Hitlieferanten aus früheren Tagen, und dass Altmeister Trevor Horn – der Königsmacher von Frankie Goes To Hollywood und den Buggles – produziert hat, schlägt sich im bewährten cinematoscopischen Breitwand-Sound nieder. Es sind grandiose Schmachtfetzen wie das eröffnende Morning Sun, mit denen das Williams-Team an alte Schlüsselkompetenzen anschließt: die Fähigkeit, ganze Hallen reflexhaft zu den Feuerzeugen greifen zu lassen und dabei, wie in Bodies, andeutungsreiche Texte im Refrain auf Botschaften aus der Welt der Diätrezepte herunterzubrechen: »All we’ve ever wanted is to look good naked«.

Ist er tatsächlich der subtile Ironiker, als den manche Intellektuelle ihn gern sehen?

Nicht nur Frauen Anfang dreißig kommen dabei auf ihre Kosten, für jeden, der in den letzten vierzig Jahren Radio gehört hat, ist etwas dabei. Last Days Of Disco ist der Song, den die Pet Shop Boys nie gemacht haben. Starstruck wirkt wie das illegitime Resultat einer Affäre zwischen George Michael und Gloria Gaynor. Do You Mind, eine Variation zum Thema Mainstreamrock, wildert gar in den Gefilden Mick Jaggers. Überhaupt, die Klassiker: Eine lebensmittelchemische Analyse würde ergeben, dass Reality Killed The Video Star zu etwa gleichen Prozentsätzen aus Beatles-Stücken, Elton-John-Schnulzen und mehrfach gesättigtem Eighties-Schmock besteht. Auch das muss so sein, schließlich geht es darum, Käuferschichten zurückzugewinnen, die Robbie mit Ufo-Sichtungen, Aufenthalten in der Suchtklinik sowie seinem schwer gefloppten Electroclash-Album Rudebox verschreckt hat.

Leser-Kommentare
  1. 1. Wenn

    ich den Artikel richtig lese, könnte man meinen, Robbie wäre austauschbar, wenn nur die genannten Kriterien erfüllt seien (sowohl bei der Person und der Musik). Ich glaube bei ihm kommt noch etwas nicht benennbares Robbie-Spezifisches hinzu. Er ist ein eigentl. durchschnittlicher aber individuierter Mann. Er ist bis in die letzte Faser er selbst und das strahlt er aus. Aber besonders tiefgründig ist es nicht, dazu ist er nicht intelektuell (oder was auch immer) genug. Das ist aber sein "Verderben". Man (er auch?) sucht danach. Es kann doch nicht sein, dass man fast Mrd. Leute begeistert ohne halbgöttlich zu sein, oder?

    Es treffen einige Faktoren günstig zusammen. Selbstbewusstsein (echtes und keine Arroganz!), Hilfsbedürftigkeit auf die die Frauen anspringen, Sexappeal, und gute Musik und ein Zeitgeist der wohl genau das braucht.

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