Stilkolumne Stärker als Stahl

Nylon ist wieder zurück und erobert ausgerechnet die Spitzenmode

Als Nylon erfunden wurde, wollte man damit viel mehr als Frauen anziehen. Wie bei vielen Ideen ging es dabei auch darum, einen Krieg zu gewinnen: Aus der Polyamidverbindung ließen sich Fallschirme, Jacken und sogar Ummantelungen für Bomben herstellen. Schließlich ist Nylon bei gleicher Dicke widerstandsfähiger als Stahl.

Doch schon Ende der dreißiger Jahre wurden auch Damenbeine damit verschönert – die "Nylons" waren erfunden. Nylon ist der Naturfaser in vielerlei Hinsicht überlegen, ist beim Waschen viel unempfindlicher. Es erschien damals, völlig zu Recht, wie ein Wundermaterial. Das einzige Problem damit war, dass es bald in großen Mengen verfügbar war, sodass man sich damit sozial nicht mehr absetzen konnte. Polyamid wurde zum Jedermanns-Material. Wer Nylonkleidung trug, war entweder ein Mensch mit begrenzten Mitteln oder befand sich in einem Polareinsatz.

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Nylon hält nicht nur warm, sondern sieht auch heiß aus: Jacke von Woolrich, gesehen bei Beckmann, Gelsenkirchen

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Nun kehrt das Nylon in die Spitzenmode zurück. In Zeiten, in denen man einen Kaschmirpullover mitunter für 50 Euro kaufen kann, verlieren Naturmaterialien an Exklusivität. Nun zählt wieder, wie es aussieht und sich anfühlt. So kombinierte Nicolas Ghesquière bei den jüngsten Frühling-Sommer-Schauen von Balenciaga in Paris Nylon-Elemente geschickt mit Chiffon. Der Belgier Raf Simons entwarf für Eastpak Rucksäcke in glänzender Knitteroptik. Hier wird man einen Preisnachlass ob der Plastik-Textur vergeblich suchen. Zumal es Polyamid mittlerweile mit allen erdenklichen optischen und haptischen Eigenschaften gibt. Und selbstverständlich gibt es auch bei Kunstfasern mehr oder weniger gute Qualität.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

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Nylon ist nicht nur wieder zurück, es ist auch die Zukunft. Denn die wirklichen Revolutionen im Kleidungsdesign gehen von neuen Kunstfasern aus. So werden für medizinische Zwecke Stoffe entwickelt, die ihre Farbe mit der Körpertemperatur verändern. Ursprünglich sollten sie alten Menschen anzeigen, dass sie dabei sind, zu unterkühlen, inzwischen werden sie bei aufregenderen Missionen eingesetzt. Zum Beispiel: Solange die Frau Drinks an der Bar nippt, ist ihr Top blau, rockt sie auf der Tanzfläche, färbt es sich feuerrot.

Wem das zu heiß ist, kann fürs Erste bei seinen Nylonstrümpfen bleiben. Und sich wundern, warum ein Material, das fünfmal stärker ist als Stahl, noch immer dauernd Laufmaschen produziert.

 
Leser-Kommentare
    • zyx99
    • 10.11.2009 um 13:53 Uhr

    Ich frage mich immer, ob die Bekleidungsindustrie garnicht über die Zeit nach dem Öl nachdenkt?
    ich denke eher, dass fasern wie Lyozell sowie natürliche Stoffe die Zukunft bilden werden.
    Eher wird Öl verbrannt als zu Kleidung verarbeitet.
    ich weiss nicht wie man so ignorant sein kann.

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