Sicherheitstechnik Ein Anruf beim geklauten Rad
In einem groß angelegten Feldversuch will die Stadt Kopenhagen gestohlene Fahrräder per Funkchips orten. Droht Radlern die permanente Überwachung?
Im Radlerparadies Kopenhagen rollen in der Rushhour mehr Fahrräder als Autos durch die Straßen. Über ein Drittel der Einwohner fährt mit dem Rad zur Arbeit – Europarekord. Und damit gibt man sich nicht zufrieden: Kopenhagen hat den Ehrgeiz, bis 2015 den Anteil der Zweiräder auf über 50 Prozent zu heben und damit jährlich weitere 80.000 Tonnen CO₂ einzusparen.
Doch dem ehrgeizigen Plan stehen diverse Hindernisse entgegen. Vor allem das schlechte Wetter gaben in einer Umfrage der Stadt viele Einwohner als Grund an, auf das Radfahren zu verzichten. An zweiter und dritter Stelle folgten die Furcht vor Autos und Diebstahl. Allein in Kopenhagen werden jährlich fast 20.000 Fahrräder als gestohlen gemeldet, nur etwa fünf Prozent kehren wieder zu ihrem Eigentümer zurück.
Während Wind und Regen bis auf Weiteres gottgegeben bleiben, bemühen sich die Behörden, dem Veloklau mittels moderner Funkchips beizukommen. Vor zwei Jahren starteten sie das Programm » Få en lille chip på« (Bau einen kleinen Chip ein). Diesen Sommer wurde aus dem Versuchsprojekt Ernst.
Über tausend Radfahrer standen auf dem riesigen Rådhuspladsen, dem Rathausplatz, vier Stunden lang Schlange, um sich kostenlos ein neues Rücklicht montieren zu lassen, in dem ein reiskornkleiner Funkchip steckte. Städtische Angestellte registrierten Name, Anschrift und E-Mail-Adresse der Radler, bis Ende September wurden insgesamt 5000 Fahrräder erfasst. Stolz bezeichnet das Kopenhagener Rathaus Få en lille chip på als größten Feldversuch weltweit.
Auf dem Chip ist nur eine Identifikationsnummer gespeichert, die persönlichen Angaben der Teilnehmer finden sich in einer zentralen Datenbank. Verschwindet ein Fahrrad, löst der Besitzer mit einer E-Mail an die städtische Website die Suche aus. Für das Pilotprojekt wurden einige Parkwächter zusätzlich mit einem RFID-Scanner ausgestattet.
Während die Kontrolleure wie gewöhnlich Strafzettel an Falschparker verteilen, scannt ihr Lesegerät nebenbei die Umgebung nach Chips ab. Mittels Radiofrequenz lassen sich die darauf gespeicherten Daten in wenigen Millisekunden entschlüsseln und abrufen, daher der Name Radio Frequency Identification (RFID). »Bei einem Treffer sendet das Lesegerät seine GPS-Koordinaten via Mobilfunk an die Datenbank, die dann den Besitzer per E-Mail informiert«, erklärt Lone Husted, Projektleiterin bei der Firma See-mi, dem technischen Partner der Stadt Kopenhagen. Der Fundort lässt sich dann auf einer speziellen Google-Stadtkarte herausfinden.
So weit die Theorie. In der Praxis allerdings ist der im Rücklicht integrierte Chip relativ einfach zu entfernen. Das sorgte bereits für bissige Kritik. Die englischsprachige Copenhagen Post schrieb von einem Flop, in Internet-Blogs wurde Spott und Häme über dem Projekt ausgegossen. Doch vielleicht ist die Kritik etwas voreilig.
»Wir wollen nicht nur unseren Bürgern helfen, ihre verschwundenen Velos möglichst rasch wiederzufinden«, sagt Anne Vang, die politisch verantwortlich für das Projekt ist. Es gehe auch darum, die Stadt rascher von den vielen herrenlosen Rädern zu säubern. »Denn die meisten der gestohlenen Velos sind nur ›ausgeliehen‹ und werden irgendwo wieder abgestellt«, betont die junge Sozialdemokratin. Die meisten Nachtschwärmer hätten gar kein Interesse, den temporär genutzten Drahtesel zu behalten oder weiterzuverkaufen. Deshalb sei auch die Gefahr, dass die Chips entfernt würden, gering. So ganz überzeugt scheinen die Behörden allerdings von der bisherigen Lösung selbst nicht zu sein. Aus dem Rathaus hieß es, im kommenden Jahr würden weitere 5000 Chips im Sattel oder gar im Rahmen fest eingeschweißt.
In der dänischen Hauptstadt setzt man auf sogenannte passive Chips, die nicht selbst senden, ähnlich jenen, die in biometrischen Pässen oder diebstahlgesicherten Waren stecken. Dank dieser handelsüblichen Technik blieben die Projektkosten mit rund 200.000 Euro niedrig. Der Funkchip selbst kostet nur wenige Cent, die Lösung mit der Rückleuchte rund 15 Euro.
Auch die Frage des Datenschutzes war kein großes Thema. »Die passiven Chips scheinen niemanden zu irritieren, da keine sensiblen Daten ausgelesen werden können«, meint Mikael Colville-Andersen, Betreiber des Bike-Blogs copenhagenize.eu. Die Verwendung aktiver Chips, die dank eigener Batterie selbst senden und deshalb aus viel größerer Distanz identifizierbar sind, wäre hingegen heikel gewesen. Denn damit hätten sich problemlos Bewegungsprofile der registrierten Radler erstellen lassen.
Der Erfolg des jetzigen Feldversuchs hält sich allerdings im Rahmen: Von einer Million Fahrrädern in Kopenhagen sind erst 5000 mit einem Funkchip ausgestattet. 42 registrierte Zweiräder sind inzwischen als gestohlen gemeldet, eines davon wurde gefunden.
Doch die nächste Stufe der Aufrüstung ist in Planung: Von 2011 an sollen auch Verkehrsampeln mit automatischen und leistungsfähigeren RFID-Scannern ausgestattet werden. Damit ließen sich nicht nur Lkw beim Abbiegen via Funk vor Velos warnen, sondern man könnte großflächig den Verkehr auf entwendete Zweiräder überwachen. Aber will man das wirklich? Den dänischen Datenschützern dürften heftige Diskussionen bevorstehen.
- Datum 05.11.2009 - 12:16 Uhr
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- Serie Nachhaltigkeit
- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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Rücklicht weg... Chip weg?!
Spaß beiseite:
Was ist mit der Rahmennummer!?
Die gibt es doch noch,- oder? Sie ist normalerweise unter der Tretkurbelachse eingeschlagen.
Gibt es das heute nicht mehr, daß man diese Nummer bei der Polizei registrieren kann,- dazu ein Aufkleber "registriert"
An die Fahrradhersteller:
Als ultimative Verbesserung sollten die Nummern jedoch vorne am "Lenkkopfbereich" des Rahmens sein. --> Da sieht man die Nummer sofort!
Diese Maßnahme ersetzt kein Schloss,- aber bewirkt sicher einen hohen Prozentsatz an Abschreckung... und erleichtert die Identifikation!
Schade ist, (bitte nicht gleich an "Big Brother" denken) daß die öffentlichen Fahrradparkplätze wie bei der Bundesbahn nicht oder sehr schlecht videoüberwacht sind.
Die Technik, wie z.B. Bildschärfe hat sich sehr gebessert. Der Anschaffungspreis wäre heute extrem niedrig. (Ein Ohrfeige an die Bahn!)
Auch die Videomaßnahme würde zur Abschreckung und ggf. zur Identifikation führen!
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