Revolution von 1989 Freiheit ist auch die Freiheit der Jammerossis
Warum der Mauerfall von vielen Ostdeutschen nicht als das große Glück empfunden wird. Von Evelyn Finger
Wie unfrei ein Volk ist, erkennt man daran, wie es über die Freiheit redet. Eine Szene aus dem deutschen Alltag nach dem Mauerfall: An einem Samstag in einem Krankenhausfoyer der ostdeutschen Kleinstadt Merseburg versammelt sich neugieriges Personal hinter den Fensterscheiben. Draußen vorm Eingang hat eine rechtsradikale Partei ihren Infostand zur Gesundheitsreform aufgebaut.
Drinnen im schicken Foyer empört sich die Pförtnerin: Früher in der DDR wäre das nicht möglich gewesen! Wer der Frau entgegenhält, es herrsche heutzutage immerhin Meinungsfreiheit, bekommt prompt den Bescheid: Früher waren wir freier als heute! Wie bitte? War Kritik am Staat damals etwa nicht staatsfeindlich? Wurden Staatsfeinde etwa nicht eingesperrt? Ach, seufzt die Pförtnerin, heute dürfe man zwar alles gegen den Staat, aber nichts mehr gegen die Chefs sagen. Wer die Zustände im Krankenhaus laut kritisiere, verliere seinen Job, das nenne sich dann Demokratie. – Offenbar entspricht hierzulande die gefühlte Freiheit noch immer nicht der tatsächlichen Freiheit.
Einerseits Gejammer, andererseits Jubel. Die Deutschen pflegen in ihren Festreden anlässlich des Mauerfalls ein Freiheitspathos, das nicht zu den ursprünglich so schlichten Mauerfallgefühlen des Glücks, der Dankbarkeit und der Erleichterung passen will. Seit zwanzig Jahren nun, immer im Herbst, empfehlen Politiker mehr Begeisterung, fordern sie das Revival eines Freudentaumels, der doch nur spontan stattfinden konnte. Weil das Volk nicht auf Befehl noch einmal tanzt, bezichtigen die Redner es mangelnder Zustimmung zur Revolution. Wer nicht in Euphorie ausbricht, dem fehlt die wahre Liebe zur Demokratie! Wer gar Kritik übt, hegt insgeheim Sehnsucht nach der Diktatur! Dass die Vorwürfe oft ein wenig lächerlich klingen, macht sie nicht weniger demagogisch. Die staatstragende Kritikerschelte ist eine Aufforderung zum Anpassertum. Die Kritikabwehr im Namen der Freiheit hat etwas zutiefst Unfreies.
Anscheinend herrscht noch immer Furcht, dass die errungene Freiheit nicht lange hält. Es gibt ein Novemberlamento, das zum Novemberritual geworden ist: Schrecklich viele wiedervereinte Deutsche, so geht alljährlich die Klage in den Medien, wünschen sich die Mauer zurück. Mal präsentieren die Statistiker uns zehn, mal fünfzehn, mal vierzig Prozent Revisionisten. Genüsslich werden fragwürdige Krisenbefunde vermeldet. Im Jahr 1999 tat das Magazin stern kund, zwanzig Prozent der Westberliner und vierzehn Prozent der Ostberliner wären froh, wenn der Mauerfall nicht stattgefunden hätte. Jetzt, im Jahr 2009, hat der stern fünfzehn Prozent gesamtdeutsche Mauerfreunde gezählt. Nach Zahlen scheint die Gemütslage im Lande zu stagnieren. Es wird nicht schlechter, aber auch nicht besser. Was lernen wir daraus? Lehrreich sind nicht die Gruselstatistiken, sondern die Kommentare jener Politiker und Journalisten, die immer aufs Neue die Gelegenheit zu lustvoller Gesinnungskritik ergreifen.
»Wir sind kein Volk!« oder »Schluss mit der DDR-Verharmlosung!« lauten die Slogans, die den übellaunigen Teil der Bevölkerung mundtot machen sollen, anstatt die Gründe für das Übel des Revisionismus zu benennen. Dabei sind gerade abweichende Meinungen ein Beweis unserer Freiheit. Jede noch so selbstgerechte Klage über die Verhältnisse hat zumindest den einen positiven Sinn: uns bewusst zu machen, dass Klagen heute gefahrlos möglich ist. Damit man gewissen vergangenheitssehnsüchtigen Jammerossis nicht recht gibt, muss man sie jammern lassen. Warum wird das Heimweh nach der DDR so genüsslich konstatiert? Warum wird die Demokratiefeindlichkeit, die sich hinter der provozierenden Attitüde der Ostalgie verbergen kann, nur rhetorisch attackiert, aber nicht genauer ergründet?
- Datum 06.11.2009 - 13:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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Wenn der Jammerossi sich die DDR zurückwünscht, praktiziert er also die Freiheit, die ihm die Wiedervereinigung ermöglicht hat und die man von ihm verlangt. Und Schuld hat der Kapitalismus, da dieser dem Jammerossi in praxi die theoretische Freiheit klaut. Ist schon der 11.11.2009?
"Wenn der Jammerossi sich die DDR zurückwünscht, praktiziert er also die Freiheit, die ihm die Wiedervereinigung ermöglicht hat und die man von ihm verlangt." Schuld an der großen Zahl der Jammerossis(denn allen kann man es nie recht machen) ist die rücksichtslose Politik des Wiedervereinigungsprozesses, durch die viele Probleme erst entstanden sind. Dazu kommt daß auch berechtigte Kritik als Gejammer wargenommen und daher abgetan wird.
"Wenn der Jammerossi sich die DDR zurückwünscht, praktiziert er also die Freiheit, die ihm die Wiedervereinigung ermöglicht hat und die man von ihm verlangt." Schuld an der großen Zahl der Jammerossis(denn allen kann man es nie recht machen) ist die rücksichtslose Politik des Wiedervereinigungsprozesses, durch die viele Probleme erst entstanden sind. Dazu kommt daß auch berechtigte Kritik als Gejammer wargenommen und daher abgetan wird.
Der Artikel enthält viel Richtiges und hebt sich in vielen Passagen wohltuend von einschlaegigen Traktaten selbsternannter "Experten" ab. Leider stelllt er nur einen kleinen Ausschnitt von Gründen dar, die viele Ostdeutsche an den Ergebnissen der Wiedervereinigung zweifeln läßt. Der Umgang mit ostdeutschen Biografien beispielsweise ist ein weiterer wichtiger, aber im Artikel nicht thematisierte Grund für eine gefühlte Staatsbürgerschaft 2. Klasse. Und eine nicht nur gefühlte, sondern objektiv vorhandene Zweitklassigkeit tritt zutage, wenn Löhne und Renten der Ex-DDR-Bürger im Vergleich zum Westen betrachtet werden. Solange sich hier eine deutliche Schere zwischen Ost und West auftut, kann von Wiedervereinigung im Geiste nicht gesprochen werden.
mir schwoll schon der kamm, als ich "jammerossi" in der überschrift las und bin nun sehr überrascht und erfreut, dass die autorin selbst formuliert, was ich ansonsten nun hier hätte schreiben müssen. ich habe dieses totschlagwort in den letzten zwanzig jahren immer auch dann gehört, wenn wichtige und richtige kritik an den übergestülpten verhältnissen geübt wurde. keineswegs mußte man sich die mauer zurückwünschen, um als jammerossi mundtot gemacht zu werden.
und nun darf ich in der zeit die analyse dieses seit kohl bewußt und unbewußt genutzten mechanismus lesen: "Wer nicht in Euphorie ausbricht, dem fehlt die wahre Liebe zur Demokratie! Wer gar Kritik übt, hegt insgeheim Sehnsucht nach der Diktatur! Dass die Vorwürfe oft ein wenig lächerlich klingen, macht sie nicht weniger demagogisch. Die staatstragende Kritikerschelte ist eine Aufforderung zum Anpassertum. Die Kritikabwehr im Namen der Freiheit hat etwas zutiefst Unfreies."
das hier zu lesen ist wirklich neu und wirklich überraschend. ich als ossi fühle mich, vielleicht zum ersten mal, ernst genommen, statt wie gewohnt besetzt und düpiert, um es mal in jammermanier überspitzt auszudrücken.
Viele "Westdeutsche" jammern übern den Soli, jammern wenn der "Ossi" gleichen Lohn für gleiche Arbeit will. Als ich Ossi 1991 in Düsseldorf meine neue Arbeit aufnahm sagte der Geschäftsführer sinngemäß: "Sollte jemand im Unternehmen Unterschiede machen zwischen Ost und West hat er ein Problem. Wir sind Bayern, Rheinländer, Sachsen und Hamburger aber keine Wessis und Ossis".
Vielleicht klappt es auch mal in den Medien und Statistiken dies zu berücksichtigen. Es gibt auch noch Mitteldeutschland. Welches Deutschland liegt rechts davon?
Alle jammern wenn die angestrebte Biographie aus dem Ruder läuft. Das in den Medien häufig dargestellte Leben in der DDR ist nur ein Bruchteil von 16 Mill. Menschen, genauso wie es 54 Mill. andere deutsche Biographien in diesem neuen, alten Land gibt.
Gehen wir weiter offen auf und zu und respektieren den anderen mit seiner Biographie, er hat sie, von beiden Seiten gesehen, hinter einer Mauer gelebt und wir konnten es nicht sehen.
Vielleicht werden wir dann alle zu den politisch immer gewünschten Brüdern und Schwestern.
wenn ich sehe,
a) worum seinerzeit die friedliche Revolution ausgefochten wurde,
b) dass die Altkader dank Seilschaften wieder oben schwimmen,
c) dass "Ossis" die seinerzeitigen Zustände in Mehrheit verklären,
d) dass Opfer des DDR-Systems heute schlechter gestellt sind als Täter,
e) dass die Partei der Altkader heute hoffähig geworden ist und quasi niemand dagegen aufbegehrt,
f)dass der Osten mit zwischendurch 1,5 Billionen West-Transfer saniert wurde/wird und das Gemeckere dennoch groß ist,
g) dass der Osten mehr als der Westen "braun" wählt,
h) beliebig fortsetzbar...
a) dass die Wiedervereinigung nicht unproblematisch war,
b) dass Seilschaften überall existieren,
c) dass der Blick in die Vergangenheit immer verklärt ist,
d) dass Opfer der Wiedervereinigung wenig Gehör finden,
e) dass die Schurken, Reichen und Einflussreichen nirgends aussterben werden,
f)dass die Industrie im Osten zu spottpreisen verhökert wurde und die West- transfers großteils wieder zurück in den Westen geflossen sind
g) dass viele Ossis ihre gewohnte Heimat und Sicherheit verloren haben und daher Protest wählen,
h) dass Verständnis für die jeweilige Situation des Anderen in Deutschland offenbar Mangelware ist,
i) beliebig fortsetzbar...
a) dass die Wiedervereinigung nicht unproblematisch war,
b) dass Seilschaften überall existieren,
c) dass der Blick in die Vergangenheit immer verklärt ist,
d) dass Opfer der Wiedervereinigung wenig Gehör finden,
e) dass die Schurken, Reichen und Einflussreichen nirgends aussterben werden,
f)dass die Industrie im Osten zu spottpreisen verhökert wurde und die West- transfers großteils wieder zurück in den Westen geflossen sind
g) dass viele Ossis ihre gewohnte Heimat und Sicherheit verloren haben und daher Protest wählen,
h) dass Verständnis für die jeweilige Situation des Anderen in Deutschland offenbar Mangelware ist,
i) beliebig fortsetzbar...
Mich stört vor allem folgendes:
"Die wiedervereinte Republik sollte deshalb die Uneinsichtigen aus dem Osten heute milde beurteilen. Sie üben sich in einer Renitenz, die vorher nicht gefahrlos lebbar war. Wie frei ein Volk ist, erkennt man daran, dass es sich über das Thema Freiheit uneins bleiben kann."
Was Frau Finger hier unreflektiert übernimmt, ist eine Haltung, die durchaus auch als überheblich empfunden werden kann:
Wer sich das Recht nimmt, zu beurteilen, ist der Wessi. Andersherum heißt das:
Wer sich das Recht nimmt, Urteile der Ossis zurückzuweisen, ist ein Wessi!
Konsequenterweise sollte man diesen Artikel nochmal daraufhin durchlesen, ob ein Ossi-Urteil nicht nur zitiert, sondern auch als bedenkenswert in Erwägung gezogen wird! Erst dann wird ein Gefühl des gleichberechtigten Nebeneinander spürbar!
Ich spüre es nicht!
Ich erinnere mich gut an meine Zeit als Wessi in Ostdeutschland. Dort habe ich mir unter anderem sagen lassen müssen, daß "die BRD sich uns doch nur deswegen einverleibt hat, um uns die ganzen Türken zu schicken". Zu hören von Akademikern, bei denen man doch ein gewisses Maß an Bildung und Urteilsvermögen voraussetzen sollte.
Seither habe ich etwas Schwierigkeiten, über diese Art Renitenz milde hinwegzugehen.
Wie viele Akademiker waren überzeugte Nazis? Wie viele Akademiker gab es in Stalins Administration? Wie viele Akademiker verfechter der Monarchie?
Ich bitte sie, verwirrte Menschen gibt es überall und da sollten sie sich nicht von ein paar davon irritieren lassen, denen die Galle hochkommt, weil sie sich als Opfer empfinden.
Wie viele Akademiker waren überzeugte Nazis? Wie viele Akademiker gab es in Stalins Administration? Wie viele Akademiker verfechter der Monarchie?
Ich bitte sie, verwirrte Menschen gibt es überall und da sollten sie sich nicht von ein paar davon irritieren lassen, denen die Galle hochkommt, weil sie sich als Opfer empfinden.
1. Gibts DEN Ossi genausowenig wie DEN Wessi!
2. Haben das viele so empfunden, daß einfach nur die eine Obrigkeit gegen die andere ausgetauscht wurde; ein Helmut Kohl oder ein Franz-Josef Strauß hattens ja eher nicht so mit richtiger Demokratie.
3. Ist, was ne wirkliche Wiedervereinigung angeht, ein entscheidender Fehler gemacht worden, nämlich der Beitritt. Wirtschafts- und Währungsunion mußten dann doch irgendwoher sein, auch wenn der bescheuerte Kurs hier im Osten vielen Firmen das Kreuz gebrochen hat.
4. Wenn, ja wenn da nicht diverse Unwägbarkeiten wie z.B. ein dräuender Sieg der SPD bei der BT-Wahl gedroht hätte, hätte mensch ne richtige Wiedervereinigung durchziehen können, so mit Abstimmen übers GG etc. UND vor allem damit, ALLE auf den Weg mitzunehmen. Mit ALLE meinte ich sowohl die Leute hier auf dem Gebiet der ehemaligen DDR UND der BRD.
Deswegen braucht sich 5. keiner zu wundern, daß viel gejammert und geschimpft wird.
@Evilyn Finger; das angeblich tendentiell in der BRD verbreiteten angelsächsische Freiheitsverständnis halte ich für ein Gerücht!
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