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Wie unfrei ein Volk ist, erkennt man daran, wie es über die Freiheit redet. Eine Szene aus dem deutschen Alltag nach dem Mauerfall: An einem Samstag in einem Krankenhausfoyer der ostdeutschen Kleinstadt Merseburg versammelt sich neugieriges Personal hinter den Fensterscheiben. Draußen vorm Eingang hat eine rechtsradikale Partei ihren Infostand zur Gesundheitsreform aufgebaut.

Drinnen im schicken Foyer empört sich die Pförtnerin: Früher in der DDR wäre das nicht möglich gewesen! Wer der Frau entgegenhält, es herrsche heutzutage immerhin Meinungsfreiheit, bekommt prompt den Bescheid: Früher waren wir freier als heute! Wie bitte? War Kritik am Staat damals etwa nicht staatsfeindlich? Wurden Staatsfeinde etwa nicht eingesperrt? Ach, seufzt die Pförtnerin, heute dürfe man zwar alles gegen den Staat, aber nichts mehr gegen die Chefs sagen. Wer die Zustände im Krankenhaus laut kritisiere, verliere seinen Job, das nenne sich dann Demokratie. – Offenbar entspricht hierzulande die gefühlte Freiheit noch immer nicht der tatsächlichen Freiheit.

Einerseits Gejammer, andererseits Jubel. Die Deutschen pflegen in ihren Festreden anlässlich des Mauerfalls ein Freiheitspathos, das nicht zu den ursprünglich so schlichten Mauerfallgefühlen des Glücks, der Dankbarkeit und der Erleichterung passen will. Seit zwanzig Jahren nun, immer im Herbst, empfehlen Politiker mehr Begeisterung, fordern sie das Revival eines Freudentaumels, der doch nur spontan stattfinden konnte. Weil das Volk nicht auf Befehl noch einmal tanzt, bezichtigen die Redner es mangelnder Zustimmung zur Revolution. Wer nicht in Euphorie ausbricht, dem fehlt die wahre Liebe zur Demokratie! Wer gar Kritik übt, hegt insgeheim Sehnsucht nach der Diktatur! Dass die Vorwürfe oft ein wenig lächerlich klingen, macht sie nicht weniger demagogisch. Die staatstragende Kritikerschelte ist eine Aufforderung zum Anpassertum. Die Kritikabwehr im Namen der Freiheit hat etwas zutiefst Unfreies.

Anscheinend herrscht noch immer Furcht, dass die errungene Freiheit nicht lange hält. Es gibt ein Novemberlamento, das zum Novemberritual geworden ist: Schrecklich viele wiedervereinte Deutsche, so geht alljährlich die Klage in den Medien, wünschen sich die Mauer zurück. Mal präsentieren die Statistiker uns zehn, mal fünfzehn, mal vierzig Prozent Revisionisten. Genüsslich werden fragwürdige Krisenbefunde vermeldet. Im Jahr 1999 tat das Magazin stern kund, zwanzig Prozent der Westberliner und vierzehn Prozent der Ostberliner wären froh, wenn der Mauerfall nicht stattgefunden hätte. Jetzt, im Jahr 2009, hat der stern fünfzehn Prozent gesamtdeutsche Mauerfreunde gezählt. Nach Zahlen scheint die Gemütslage im Lande zu stagnieren. Es wird nicht schlechter, aber auch nicht besser. Was lernen wir daraus? Lehrreich sind nicht die Gruselstatistiken, sondern die Kommentare jener Politiker und Journalisten, die immer aufs Neue die Gelegenheit zu lustvoller Gesinnungskritik ergreifen.

"Wir sind kein Volk!" oder "Schluss mit der DDR-Verharmlosung!" lauten die Slogans, die den übellaunigen Teil der Bevölkerung mundtot machen sollen, anstatt die Gründe für das Übel des Revisionismus zu benennen. Dabei sind gerade abweichende Meinungen ein Beweis unserer Freiheit. Jede noch so selbstgerechte Klage über die Verhältnisse hat zumindest den einen positiven Sinn: uns bewusst zu machen, dass Klagen heute gefahrlos möglich ist. Damit man gewissen vergangenheitssehnsüchtigen Jammerossis nicht recht gibt, muss man sie jammern lassen. Warum wird das Heimweh nach der DDR so genüsslich konstatiert? Warum wird die Demokratiefeindlichkeit, die sich hinter der provozierenden Attitüde der Ostalgie verbergen kann, nur rhetorisch attackiert, aber nicht genauer ergründet?