Revolution von 1989 Freiheit ist auch die Freiheit der Jammerossis
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Wer klagt, emanzipiert sich vom stummen Duckmäusertum

Wer klagt, emanzipiert sich vom stummen Duckmäusertum

Noch eine beispielhafte Szene aus dem deutschen Alltag: In der thüringischen Kleinstadt Zeulenroda gab es eine Möbelfabrik, die auch für den Export produzierte. Nach der Wende erlebte sie neun Geschäftsführer aus dem Westen, die den Laden nicht sanierten, sondern sich bereicherten, bevor sie türmten. Irgendwann hatte einer der dubiosen Manager die Idee, über Nacht die Maschinen abzutransportieren, um sie zu verkaufen. Der Plan wurde jedoch in letzter Minute von denen, die die Maschinen bisher bedient hatten, vereitelt. Danach vereinbarten die Arbeiter einen Wachdienst, den sie jeweils zu zweit versahen. Tag und Nacht, im Dreischichtrhythmus, bewachten sie ihre Maschinen. Bei Thermoskannenkaffee und Schichtbroten, ein ganzes Jahr lang.

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Man könnte sie Helden der Arbeitslosigkeit nennen. Man könnte finden, dass sie auf mustergültige Weise Gebrauch von ihrer Freiheit machten. Schade, dass sie am Ende entlassen wurden und ihre Erfahrungen mit dem Kapitalismus nun auch ein bisschen der Demokratie anlasten. Das ist die logische Folge jener pauschalen Freiheitsrhetorik, die zwischen Kapitalismus und Demokratie nicht unterscheidet und die nicht duldet, dass nach der glücklichen Überwindung der Diktatur noch von Abhängigkeiten die Rede ist.

Wo bleibt bei alledem das Positive? Man könnte es auch mal so sehen: dass viele Ossis sich jammernd von ihrem einst stummen Duckmäusertum emanzipieren. Sie zu politisch korrekten Lippenbekenntnissen zu nötigen wäre verordnete Demokratie. Die Freiheit zu preisen, ohne sie zu empfinden, hieße billige Absolution heischen. Denn wer anbetet, muss nicht über seine Vergangenheit nachdenken. Er muss sich nicht fragen, welche hässlichen Prägungen des Staatssozialismus in der eigenen Seele Wirklichkeit sind.

Erst dann werden wir ehrlich über die DDR reden, wenn wir auch ehrlich über den Mauerfall reden, wenn es möglich ist, wie der Schriftsteller Heinz Czechowski seine Gemütsverfassung angesichts der Revolution folgendermaßen zu beschreiben: »Selbsthass / Anfälle von Melancholie und schließlich / Die Einsicht, zu alt zu sein. / Um etwas Neues zu beginnen.«

Vielleicht wäre es ein Anfang, sich einmal klarzumachen, warum manche Ostdeutsche heute behaupten, dass unsere Demokratie keine richtige Demokratie sei. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Freiheitsbegriff, den sie kennen, eher aus der französischen Tradition kommt und auf dem Gleichheitsprinzip fußt. Dagegen haben die Westdeutschen womöglich ein eher angelsächsisches Verständnis von Freiheit, pochen auf das Mehrheitsprinzip, halten Verfassungsdemokratie und Menschenrechte hoch.

Die Freiheit ist ja keine Erfindung der Westdeutschen. Denn alle Ostdeutschen waren schon aus dem Schulunterricht große Freiheitsparolen gewohnt. Sie mussten ihren Rousseau, ihren Hegel, ihren Marx lesen, zumindest diejenigen Textstellen, die auf den Sozialismus zu passen schienen. Immer diese klassenkämpferischen Appelle, die Ketten der Unfreiheit abzuwerfen! Doch über allem stand unverrückbar der einschränkende Merksatz von Friedrich Engels, dass Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit sei. Das hieß, Freiheit ist Einsicht in die Unfreiheit. Die wiedervereinte Republik sollte deshalb die Uneinsichtigen aus dem Osten heute milde beurteilen. Sie üben sich in einer Renitenz, die vorher nicht gefahrlos lebbar war. Wie frei ein Volk ist, erkennt man daran, dass es sich über das Thema Freiheit uneins bleiben kann.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn der Jammerossi sich die DDR zurückwünscht, praktiziert er also die Freiheit, die ihm die Wiedervereinigung ermöglicht hat und die man von ihm verlangt. Und Schuld hat der Kapitalismus, da dieser dem Jammerossi in praxi die theoretische Freiheit klaut. Ist schon der 11.11.2009?

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    "Wenn der Jammerossi sich die DDR zurückwünscht, praktiziert er also die Freiheit, die ihm die Wiedervereinigung ermöglicht hat und die man von ihm verlangt." Schuld an der großen Zahl der Jammerossis(denn allen kann man es nie recht machen) ist die rücksichtslose Politik des Wiedervereinigungsprozesses, durch die viele Probleme erst entstanden sind. Dazu kommt daß auch berechtigte Kritik als Gejammer wargenommen und daher abgetan wird.

    "Wenn der Jammerossi sich die DDR zurückwünscht, praktiziert er also die Freiheit, die ihm die Wiedervereinigung ermöglicht hat und die man von ihm verlangt." Schuld an der großen Zahl der Jammerossis(denn allen kann man es nie recht machen) ist die rücksichtslose Politik des Wiedervereinigungsprozesses, durch die viele Probleme erst entstanden sind. Dazu kommt daß auch berechtigte Kritik als Gejammer wargenommen und daher abgetan wird.

  2. Der Artikel enthält viel Richtiges und hebt sich in vielen Passagen wohltuend von einschlaegigen Traktaten selbsternannter "Experten" ab. Leider stelllt er nur einen kleinen Ausschnitt von Gründen dar, die viele Ostdeutsche an den Ergebnissen der Wiedervereinigung zweifeln läßt. Der Umgang mit ostdeutschen Biografien beispielsweise ist ein weiterer wichtiger, aber im Artikel nicht thematisierte Grund für eine gefühlte Staatsbürgerschaft 2. Klasse. Und eine nicht nur gefühlte, sondern objektiv vorhandene Zweitklassigkeit tritt zutage, wenn Löhne und Renten der Ex-DDR-Bürger im Vergleich zum Westen betrachtet werden. Solange sich hier eine deutliche Schere zwischen Ost und West auftut, kann von Wiedervereinigung im Geiste nicht gesprochen werden.

  3. mir schwoll schon der kamm, als ich "jammerossi" in der überschrift las und bin nun sehr überrascht und erfreut, dass die autorin selbst formuliert, was ich ansonsten nun hier hätte schreiben müssen. ich habe dieses totschlagwort in den letzten zwanzig jahren immer auch dann gehört, wenn wichtige und richtige kritik an den übergestülpten verhältnissen geübt wurde. keineswegs mußte man sich die mauer zurückwünschen, um als jammerossi mundtot gemacht zu werden.

    und nun darf ich in der zeit die analyse dieses seit kohl bewußt und unbewußt genutzten mechanismus lesen: "Wer nicht in Euphorie ausbricht, dem fehlt die wahre Liebe zur Demokratie! Wer gar Kritik übt, hegt insgeheim Sehnsucht nach der Diktatur! Dass die Vorwürfe oft ein wenig lächerlich klingen, macht sie nicht weniger demagogisch. Die staatstragende Kritikerschelte ist eine Aufforderung zum Anpassertum. Die Kritikabwehr im Namen der Freiheit hat etwas zutiefst Unfreies."

    das hier zu lesen ist wirklich neu und wirklich überraschend. ich als ossi fühle mich, vielleicht zum ersten mal, ernst genommen, statt wie gewohnt besetzt und düpiert, um es mal in jammermanier überspitzt auszudrücken.

  4. Viele "Westdeutsche" jammern übern den Soli, jammern wenn der "Ossi" gleichen Lohn für gleiche Arbeit will. Als ich Ossi 1991 in Düsseldorf meine neue Arbeit aufnahm sagte der Geschäftsführer sinngemäß: "Sollte jemand im Unternehmen Unterschiede machen zwischen Ost und West hat er ein Problem. Wir sind Bayern, Rheinländer, Sachsen und Hamburger aber keine Wessis und Ossis".
    Vielleicht klappt es auch mal in den Medien und Statistiken dies zu berücksichtigen. Es gibt auch noch Mitteldeutschland. Welches Deutschland liegt rechts davon?
    Alle jammern wenn die angestrebte Biographie aus dem Ruder läuft. Das in den Medien häufig dargestellte Leben in der DDR ist nur ein Bruchteil von 16 Mill. Menschen, genauso wie es 54 Mill. andere deutsche Biographien in diesem neuen, alten Land gibt.
    Gehen wir weiter offen auf und zu und respektieren den anderen mit seiner Biographie, er hat sie, von beiden Seiten gesehen, hinter einer Mauer gelebt und wir konnten es nicht sehen.
    Vielleicht werden wir dann alle zu den politisch immer gewünschten Brüdern und Schwestern.

  5. wenn ich sehe,

    a) worum seinerzeit die friedliche Revolution ausgefochten wurde,

    b) dass die Altkader dank Seilschaften wieder oben schwimmen,

    c) dass "Ossis" die seinerzeitigen Zustände in Mehrheit verklären,

    d) dass Opfer des DDR-Systems heute schlechter gestellt sind als Täter,

    e) dass die Partei der Altkader heute hoffähig geworden ist und quasi niemand dagegen aufbegehrt,

    f)dass der Osten mit zwischendurch 1,5 Billionen West-Transfer saniert wurde/wird und das Gemeckere dennoch groß ist,

    g) dass der Osten mehr als der Westen "braun" wählt,

    h) beliebig fortsetzbar...

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    a) dass die Wiedervereinigung nicht unproblematisch war,

    b) dass Seilschaften überall existieren,

    c) dass der Blick in die Vergangenheit immer verklärt ist,

    d) dass Opfer der Wiedervereinigung wenig Gehör finden,

    e) dass die Schurken, Reichen und Einflussreichen nirgends aussterben werden,

    f)dass die Industrie im Osten zu spottpreisen verhökert wurde und die West- transfers großteils wieder zurück in den Westen geflossen sind

    g) dass viele Ossis ihre gewohnte Heimat und Sicherheit verloren haben und daher Protest wählen,

    h) dass Verständnis für die jeweilige Situation des Anderen in Deutschland offenbar Mangelware ist,

    i) beliebig fortsetzbar...

    a) dass die Wiedervereinigung nicht unproblematisch war,

    b) dass Seilschaften überall existieren,

    c) dass der Blick in die Vergangenheit immer verklärt ist,

    d) dass Opfer der Wiedervereinigung wenig Gehör finden,

    e) dass die Schurken, Reichen und Einflussreichen nirgends aussterben werden,

    f)dass die Industrie im Osten zu spottpreisen verhökert wurde und die West- transfers großteils wieder zurück in den Westen geflossen sind

    g) dass viele Ossis ihre gewohnte Heimat und Sicherheit verloren haben und daher Protest wählen,

    h) dass Verständnis für die jeweilige Situation des Anderen in Deutschland offenbar Mangelware ist,

    i) beliebig fortsetzbar...

    • ztc77
    • 06.11.2009 um 21:44 Uhr

    Mich stört vor allem folgendes:
    "Die wiedervereinte Republik sollte deshalb die Uneinsichtigen aus dem Osten heute milde beurteilen. Sie üben sich in einer Renitenz, die vorher nicht gefahrlos lebbar war. Wie frei ein Volk ist, erkennt man daran, dass es sich über das Thema Freiheit uneins bleiben kann."

    Was Frau Finger hier unreflektiert übernimmt, ist eine Haltung, die durchaus auch als überheblich empfunden werden kann:
    Wer sich das Recht nimmt, zu beurteilen, ist der Wessi. Andersherum heißt das:
    Wer sich das Recht nimmt, Urteile der Ossis zurückzuweisen, ist ein Wessi!
    Konsequenterweise sollte man diesen Artikel nochmal daraufhin durchlesen, ob ein Ossi-Urteil nicht nur zitiert, sondern auch als bedenkenswert in Erwägung gezogen wird! Erst dann wird ein Gefühl des gleichberechtigten Nebeneinander spürbar!

    Ich spüre es nicht!

  6. Ich erinnere mich gut an meine Zeit als Wessi in Ostdeutschland. Dort habe ich mir unter anderem sagen lassen müssen, daß "die BRD sich uns doch nur deswegen einverleibt hat, um uns die ganzen Türken zu schicken". Zu hören von Akademikern, bei denen man doch ein gewisses Maß an Bildung und Urteilsvermögen voraussetzen sollte.

    Seither habe ich etwas Schwierigkeiten, über diese Art Renitenz milde hinwegzugehen.

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    Wie viele Akademiker waren überzeugte Nazis? Wie viele Akademiker gab es in Stalins Administration? Wie viele Akademiker verfechter der Monarchie?
    Ich bitte sie, verwirrte Menschen gibt es überall und da sollten sie sich nicht von ein paar davon irritieren lassen, denen die Galle hochkommt, weil sie sich als Opfer empfinden.

    Wie viele Akademiker waren überzeugte Nazis? Wie viele Akademiker gab es in Stalins Administration? Wie viele Akademiker verfechter der Monarchie?
    Ich bitte sie, verwirrte Menschen gibt es überall und da sollten sie sich nicht von ein paar davon irritieren lassen, denen die Galle hochkommt, weil sie sich als Opfer empfinden.

    • Hugo_P
    • 06.11.2009 um 23:55 Uhr
    8. Also:

    1. Gibts DEN Ossi genausowenig wie DEN Wessi!
    2. Haben das viele so empfunden, daß einfach nur die eine Obrigkeit gegen die andere ausgetauscht wurde; ein Helmut Kohl oder ein Franz-Josef Strauß hattens ja eher nicht so mit richtiger Demokratie.
    3. Ist, was ne wirkliche Wiedervereinigung angeht, ein entscheidender Fehler gemacht worden, nämlich der Beitritt. Wirtschafts- und Währungsunion mußten dann doch irgendwoher sein, auch wenn der bescheuerte Kurs hier im Osten vielen Firmen das Kreuz gebrochen hat.
    4. Wenn, ja wenn da nicht diverse Unwägbarkeiten wie z.B. ein dräuender Sieg der SPD bei der BT-Wahl gedroht hätte, hätte mensch ne richtige Wiedervereinigung durchziehen können, so mit Abstimmen übers GG etc. UND vor allem damit, ALLE auf den Weg mitzunehmen. Mit ALLE meinte ich sowohl die Leute hier auf dem Gebiet der ehemaligen DDR UND der BRD.
    Deswegen braucht sich 5. keiner zu wundern, daß viel gejammert und geschimpft wird.

    @Evilyn Finger; das angeblich tendentiell in der BRD verbreiteten angelsächsische Freiheitsverständnis halte ich für ein Gerücht!

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