Nordfriesisches Wattenmeer Watt ’ne Safari!
Das nordfriesische Wattenmeer hat sich Afrika zum Vorbild gewählt. Statt Großwild nehmen Touristen die Small Five ins Visier
Das Watt drängt sich nicht auf, das muss man sagen. Der erste Annäherungsversuch findet bei Westerhever statt, weil dort ein markanter Leuchtturm ein rot-weiß geringeltes Ausrufzeichen ins platte Nordfriesland setzt. Von der Straße aus ist erst einmal nur ein Deich zu sehen, davor eine Fischbude und ein kostenpflichtiger Parkplatz. Dahinter weite Salzwiesen, über die ein aggressiver Westwind Regenwolken bläst: Liebhaber der Farbe Grau kommen an der Nordsee auf ihre Kosten. Durch großflächig ausgebrachte Schafsköttel bahnt der Wanderer sich seinen Weg dorthin, wo er das Watt vermutet. Am Ende der Wiesen aber nichts davon, nur eine krisselige braune Wasserfläche, die ein paar schaumgeränderte Schlickflecken flutet. Es ist 15.50 Uhr. Ach so. »Hochwasser um 16.20 Uhr«, hatte auf der Tafel an der Fischbude gestanden.
Das Watt ist mal da und mal nicht, das macht die Eigenart dieser amphibischen Landschaft aus. Bei Ebbe kommt der Meeresboden vor der Nordseeküste auf 450 Kilometer Länge und bis 35 Kilometer zum Vorschein. Er gibt eine von Prielen durchzogene Fläche aus Schlick und Sandbänken frei, auf denen sich feuchten Fußes zwischen den vorgelagerten Inseln und Halligen spazieren lässt. Diese unstete Landschaft naturgeneigten Menschen zu erschließen ist für den Tourismus an der deutschen Nordseeküste eine alte Herausforderung. Eine neue besteht darin, dass der Wattwurm kein Löwe ist.
Vor einem guten Vierteljahr hat die Unesco das Wattenmeer in den Stand des Weltnaturerbes erhoben. Seither gehört die Küste zwischen dem holländischen Den Helder und dem Nordzipfel der Insel Sylt in eine Reihe mit so großartigen, weltbekannten Landschaften wie dem Grand Canyon in Arizona oder der Serengeti in Tansania. Am Tag der Ernennung, dem 26. Juni 2009, hatte die Nationalparkverwaltung Schleswig-Holstein an dem Ausrufezeichen-Leuchtturm von Westerhever ein Banner mit der Aufschrift »Wir sind Weltnaturerbe« aufgehängt. Politiker sprachen von den »positiven ökonomischen Effekten«, die die Auszeichnung bringen soll, von »Impulsen« für den Fremdenverkehr.
Die gewohnten Sommergäste sind zu über 90 Prozent Deutsche, meist aus Nordrhein-Westfalen. Die weiteste Anreise haben bisher Schweizer und Österreicher, die den Kontrast zur Heimat suchen. Mit der neuen Weltgeltung aber, so hoffen Touristiker, wird das Wattenmeer auch im fernen Ausland bekannter werden. Bald könnten Gruppen von Japanern von den Deichen herabfotografieren oder, wer weiß, sogar neureiche Russen ihre Dollar in Büsum, Dagebüll oder den Nachbarorten lassen.
In Husum, der größten Stadt der Region, ist vom Besucherrummel noch nichts zu sehen. Viel los ist lediglich in Dragseth’s Gasthof, in den sich Einheimische wie Gäste gern an stürmischen Tagen zurückziehen. In der über 400 Jahre alten Fischerkneipe sitzt Constanze Höfinghoff neben einem weißen Kohleofen und spricht bei Pannfisch und Salzwiesenlamm über die Herausforderungen ihres Gewerbes. »Jetzt, wo wir Weltnaturerbe sind, müssen wir den Service verbessern«, sagt die Geschäftsführerin des Nordsee Tourismus Service in Husum. Möglichst viele Tourismusdienstleister sollten Englischkurse belegen, um sich mit den ausländischen Gästen, wenn sie dann kommen, verständigen zu können. Schön wäre es auch, wenn die Einheimischen sich in ihren Gesprächsgewohnheiten etwas umstellten. Friesen neigten zu einer gewissen Zurückhaltung. Auf Fremde aber, hyperkommunikative Rheinländer vor allem, wirke das oft befremdlich. Sie wüssten nicht, dass die Einheimischen von Hause aus wortkarg seien.
Die Tourismusbeauftragte spricht derzeit häufig mit den Kollegen, die für den niedersächsischen oder dänischen Teil des Wattenmeers zuständig sind. »Wir müssten eine Corporate Identity für das Wattenmeer schaffen«, sagt sie. Das deutsche Wattenmeer ist vermutlich die gründlichst erforschte Küste der Welt. In 16 Infozentren der Schutzstation Wattenmeer und dem sehenswerten Multimar Wattzentrum Tönning liegt dieses Wissen für Interessierte parat. Es müsse nur gelingen, die Schätze des Watts bekannter zu machen, sagt Höfinghoff. Am besten mit Marketing-Ideen, die wenig kosten und Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht fließt dann bald mehr Geld. »Es ist ja schön, dass wir Weltnaturerbe sind. Es ist nur schade, dass das niemand weiß.« Es seien nicht einmal Mittel da, um genügend Weltnaturerbe-Schilder aufzustellen.
- Datum 06.11.2009 - 15:28 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren