Hessen
Primitivo vom Odenwald
Die Hessische Bergstraße ist ein Laboratorium des Weinbaus. Hier haben viele archaische Rebsorten überdauert
© Frank May/ dpa

Rast an der Bergstraße in Hessen. 1600 Stunden im Jahr scheint hier die Sonne. Die Prospekte schwärmen von "Deutschlands Riviera"
Erst die Weinkönigin oder erst den Adorno? Gut, dann die Weinkönigin. Obwohl man ja nicht alle Tage Gelegenheit hat, auf kulinarischer Recherche einen großen Philosophen … – verstehe, die Weinkönigin, ganz wie’s beliebt.
Annika Büchler aus Groß-Umstadt, 21 Jahre alt, schlank, brünett und mitteilsam, amtierende Bergsträßer Weinkönigin. Dazu angehende Sommelière und selbst schon Winzerin, wenn auch für den Anfang nur mit zehn Rebzeilen, die der Opa ihr kürzlich anvertraut hat. Mit wenigen Worten überreichte er ihr den Schlüssel zum Weinberghäuschen, der fast so lang wie ihre Hand ist.
Groß-Umstadt gehört zur Odenwälder Weininsel, einer der unbekanntesten Ecken im deutschen Weinbau. Sie liegt gleich an der Grenze zu Franken, und das schmeckt man den würzigen Rieslingen und Silvanern, die von hier kommen, auch an. Doch verwaltungsrechtlich zählt sie zur Hessischen Bergstraße, dem mit 440 Hektar Rebfläche kleinsten deutschen Weinanbaugebiet. Die Bergstraße verläuft ein Stück weiter westlich von Darmstadt bis Heidelberg – wobei der südliche Teil schon zum Nachbarland Baden gehört.
Wenn Annika Büchler über den Groß-Umstädter Marktplatz mit dem Renaissance-Rathaus und dem plätschernden Brunnen spaziert, kommt sie so schnell nicht wieder weg. Die Bergsträßer sind stolz auf sie, weil sie viel von Wein versteht. Ein Naturtalent mit beispiellosen Trefferquoten bei Blindverkostungen, die hier alles andere als leicht sind. Entlang der Bergstraße gedeihen fast sechzig Rebsorten. 150 Veranstaltungen absolviert Büchler während ihrer zehnmonatigen Regentschaft, mal im Dirndl und mal im Hosenanzug. So ein Zwergstaat hat Publicity wohl besonders nötig? Nein, sagt sie, eigentlich brauchten die Bergsträßer Weine gar keine Reklame. Sie würden »vor der Haustür ausgetrunken«, in der Region also. Der 2008er sei bei den meisten Winzern schon weg, und der 2009er soll ein derart guter Jahrgang werden, dass sie ihn dreimal verkaufen könnten.
1600 Sonnenstunden im Jahr und die Vielfalt der Böden wie der Sorten machen die Bergstraße zu einem Laboratorium des Weinbaus. Ein Experimentierfeld für die Zukunft, aber zugleich eine altgediente Kulturlandschaft, in der Römer, Franzosen und Staufer Spuren hinterlassen haben – und, zumindest der Sage nach, auch die Nibelungen. Der beste Weg, die Bergstraße kennenzulernen, wäre eine tüchtige Wanderung von Darmstadt bis Heidelberg. Es besteht sogar ein Angebot fürs »Wandern ohne Gepäck«. Trotzdem müsste man für die hundert Kilometer wohl eine Woche einplanen. Schließlich liegen dreißig Burgen und kaum weniger Weingüter am Weg.
Für eiligere Gäste hat die Bergsträßer Winzergenossenschaft auf halber Strecke den Erlebnispfad »Wein und Stein« angelegt. Einen sieben Kilometer langen Parcours durchs liebliche Labyrinth der Heppenheimer Weinberge. Gleich zu Beginn führt er durch eine der besten Lagen: das Heppenheimer Centgericht. Sie untersteht den Hessischen Staatsweingütern, mitsamt dem alten Gutshaus inmitten der Reben. Im Probierpavillon lässt sich erste Bekanntschaft mit den Bergsträßer Weinen schließen. Der Riesling etwa, die wichtigste Sorte, gereift auf wärmespeicherndem Lößlehmboden, präsentiert sich rund und geschmeidig, trocken, aber doch verhalten fruchtig mit einem Hauch von Holunder. Noch aufregender und vielschichtiger schmeckt das »Große Gewächs«, der Grauburgunder »Aus dem Cabinetkeller«. Er beschäftigt einen noch, wenn man längst schon auf den Lehrpfad eingeschwenkt ist und die Ausblicke ins Rheintal genießt.
Der Weg führt durch eine mosaikartige, kaum flurbereinigte Landschaft. Wie die Stationen eines Kreuzwegs erzählen Schautafeln die Kulturgeschichte des Weinbaus. Ausgedacht hat sich diese zu erwandernde Weinfibel Reinhard Antes, Vorsitzender der Bergsträßer Winzergenossenschaft und zugleich einer der führenden Rebzüchter Deutschlands. Was könnte lehrreicher sein, als mit ihm durch sein Revier zu streifen, während sich links und rechts die Reben ranken mit den letzten Trauben daran? Ob man wohl welche naschen darf? Ja, man darf, wenn man nicht gleich alles plündert. »Wenn Sie unsere Trauben schmecken, dann wollen Sie sie ganz bestimmt auch trinken«, meint er leutselig.
- Datum 6.11.2009 - 14:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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Am Bensheimer Hemsberg befindet sich kein „Römerkastell“.
Vielmehr wurden dort die Reste einer römischen „villa rustica“ ergraben. Vor Ort befindet sich dazu eine Schautafel. Als Besucher trifft man heute aber keinerlei oberirdischen Baureste der Villa mehr an. Keinesfalls darf man eine Befestigungsanlage erwarten, wie das Ihr Artikel verspricht.
Ich wünschte mir von der ZEIT eine sorgfältigere Recherche.
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