Hessen Primitivo vom Odenwald

Die Hessische Bergstraße ist ein Laboratorium des Weinbaus. Hier haben viele archaische Rebsorten überdauert

Erst die Weinkönigin oder erst den Adorno? Gut, dann die Weinkönigin. Obwohl man ja nicht alle Tage Gelegenheit hat, auf kulinarischer Recherche einen großen Philosophen … – verstehe, die Weinkönigin, ganz wie’s beliebt.

Annika Büchler aus Groß-Umstadt, 21 Jahre alt, schlank, brünett und mitteilsam, amtierende Bergsträßer Weinkönigin. Dazu angehende Sommelière und selbst schon Winzerin, wenn auch für den Anfang nur mit zehn Rebzeilen, die der Opa ihr kürzlich anvertraut hat. Mit wenigen Worten überreichte er ihr den Schlüssel zum Weinberghäuschen, der fast so lang wie ihre Hand ist.

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Groß-Umstadt gehört zur Odenwälder Weininsel, einer der unbekanntesten Ecken im deutschen Weinbau. Sie liegt gleich an der Grenze zu Franken, und das schmeckt man den würzigen Rieslingen und Silvanern, die von hier kommen, auch an. Doch verwaltungsrechtlich zählt sie zur Hessischen Bergstraße, dem mit 440 Hektar Rebfläche kleinsten deutschen Weinanbaugebiet. Die Bergstraße verläuft ein Stück weiter westlich von Darmstadt bis Heidelberg – wobei der südliche Teil schon zum Nachbarland Baden gehört.

Wenn Annika Büchler über den Groß-Umstädter Marktplatz mit dem Renaissance-Rathaus und dem plätschernden Brunnen spaziert, kommt sie so schnell nicht wieder weg. Die Bergsträßer sind stolz auf sie, weil sie viel von Wein versteht. Ein Naturtalent mit beispiellosen Trefferquoten bei Blindverkostungen, die hier alles andere als leicht sind. Entlang der Bergstraße gedeihen fast sechzig Rebsorten. 150 Veranstaltungen absolviert Büchler während ihrer zehnmonatigen Regentschaft, mal im Dirndl und mal im Hosenanzug. So ein Zwergstaat hat Publicity wohl besonders nötig? Nein, sagt sie, eigentlich brauchten die Bergsträßer Weine gar keine Reklame. Sie würden »vor der Haustür ausgetrunken«, in der Region also. Der 2008er sei bei den meisten Winzern schon weg, und der 2009er soll ein derart guter Jahrgang werden, dass sie ihn dreimal verkaufen könnten.

1600 Sonnenstunden im Jahr und die Vielfalt der Böden wie der Sorten machen die Bergstraße zu einem Laboratorium des Weinbaus. Ein Experimentierfeld für die Zukunft, aber zugleich eine altgediente Kulturlandschaft, in der Römer, Franzosen und Staufer Spuren hinterlassen haben – und, zumindest der Sage nach, auch die Nibelungen. Der beste Weg, die Bergstraße kennenzulernen, wäre eine tüchtige Wanderung von Darmstadt bis Heidelberg. Es besteht sogar ein Angebot fürs »Wandern ohne Gepäck«. Trotzdem müsste man für die hundert Kilometer wohl eine Woche einplanen. Schließlich liegen dreißig Burgen und kaum weniger Weingüter am Weg.

Für eiligere Gäste hat die Bergsträßer Winzergenossenschaft auf halber Strecke den Erlebnispfad »Wein und Stein« angelegt. Einen sieben Kilometer langen Parcours durchs liebliche Labyrinth der Heppenheimer Weinberge. Gleich zu Beginn führt er durch eine der besten Lagen: das Heppenheimer Centgericht. Sie untersteht den Hessischen Staatsweingütern, mitsamt dem alten Gutshaus inmitten der Reben. Im Probierpavillon lässt sich erste Bekanntschaft mit den Bergsträßer Weinen schließen. Der Riesling etwa, die wichtigste Sorte, gereift auf wärmespeicherndem Lößlehmboden, präsentiert sich rund und geschmeidig, trocken, aber doch verhalten fruchtig mit einem Hauch von Holunder. Noch aufregender und vielschichtiger schmeckt das »Große Gewächs«, der Grauburgunder »Aus dem Cabinetkeller«. Er beschäftigt einen noch, wenn man längst schon auf den Lehrpfad eingeschwenkt ist und die Ausblicke ins Rheintal genießt.

Der Weg führt durch eine mosaikartige, kaum flurbereinigte Landschaft. Wie die Stationen eines Kreuzwegs erzählen Schautafeln die Kulturgeschichte des Weinbaus. Ausgedacht hat sich diese zu erwandernde Weinfibel Reinhard Antes, Vorsitzender der Bergsträßer Winzergenossenschaft und zugleich einer der führenden Rebzüchter Deutschlands. Was könnte lehrreicher sein, als mit ihm durch sein Revier zu streifen, während sich links und rechts die Reben ranken mit den letzten Trauben daran? Ob man wohl welche naschen darf? Ja, man darf, wenn man nicht gleich alles plündert. »Wenn Sie unsere Trauben schmecken, dann wollen Sie sie ganz bestimmt auch trinken«, meint er leutselig.

Weinliebhaber gibt es viele – aber Rebenliebhaber? Antes weiß Spannendes zu erzählen von Mutanten und Schimären, von verheißungsvollen Sprüngen im Erbmaterial. Hier, die weiße Weinbeere in der rotbraunen Grauburgunder-Traube – eine Schimäre! Nicht anders sei der Riesling entstanden: als Abart eines roten Proto-Rieslings. Den Antes, versteht sich, auch in seinem Sortiment hat. »Viele archaische Sorten haben in den Nischen unserer Weingärten überdauert.« Nun züchtet er sie wieder, so etwa den kürzlich hier entdeckten Primitivo, den man in Europa vor allem aus Süditalien kennt.

Systematisch zieht Antes Sorten heran, die hier schon einmal heimisch gewesen sein könnten – in der letzten Warmzeit um 1350. Denen, glaubt er, gehört in Zeiten des Klimawandels die Zukunft: »Wir können jede Rebsorte der Welt anbauen. Bald wird ein Merlot, ein Cabernet Sauvignon von der Bergstraße nichts Ungewöhnliches mehr sein.« Schon heute ist das vor zwanzig Jahren noch reine Weißweingebiet zu einem Drittel mit Rotweinsorten bepflanzt.

Das mit dem Süden war schon immer eine Obsession hier. Die Prospekte schwärmen von der »mediterranen Lebensart« an »Deutschlands Riviera«. In Hemsbach auf der badischen Seite bauten die Rothschilds als Vorreiter der Toskana-Fraktion einen florentinischen Palazzo. Nach südländischer Leichtigkeit schielen auch der Heppenheimer »Primasecco« oder der Schriesheimer »Schriesecco«. Glaubwürdiger als solche Kreationen wirken die Tabakfelder und die Mandel- und Pfirsichbäume, die in der Region gedeihen.

Am einstigen Römerkastell macht der Rundgang kehrt. Die Reihen der Spaliere aber ziehen sich weiter über die Hügel, die aussehen wie mit grünem Cord bespannt. »Berge« ist ein zu großes Wort für sie. Vielleicht sollte man besser von Erhebungen sprechen. Aber »Weine von der Erhebungsstraße«, das klänge sonderbar. Wer will, kann am Ende noch drei Kilometer weiter bis ins Badische wandern und vergleichende Untersuchungen der Bergsträßer Weine anstellen. Dass ein und dieselbe Landschaft sich über zwei Bundesländer erstreckt, sorgt verwaltungstechnisch für Komplikationen. Auch die Sprachgrenze, erklärt Antes, verläuft genau hier: »Der Hesse petzt einen Schoppen, der Badenser schlotzt ein Viertele. Aber wir verstehen uns trotzdem.«

Wer lieber auf Zeitreise geht, braucht nur durch die Gassen der Heppenheimer Altstadt zu schlendern, die meist am Marktplatz münden. Er ist umrahmt von roten Fachwerkhäusern, dahinter St. Peter, der »Dom der Bergstraße«, darüber die obligate Ritterburg. Bei Laternenschein lassen Nachtwächter und Märchenerzähler hier Vergangenes auferstehen. Die Illusion gerät perfekt, ein altdeutsches Idyll wie aus dem Bilderbuch, nicht mehr Dürer und noch nicht Spitzweg.

Auch Bensheim, Zwingenberg und Weinheim besitzen noch historische Ortskerne. Selbst für einen derart kritischen Geist wie Adorno konnte die Region zum Inbegriff der heilen Welt werden. Im Odenwald lag sein Kindheitsparadies. Hier bestaunte der Stadtjunge die kauzigen Bauern beim Frühschoppen, den dengelnden Hufschmied, den schneidigen Jägersmann. Im Dreiländereck von Hessen, Bayern und Baden sprang er begeistert zwischen den Grenzpfählen herum. Später verhalf ihm diese Erfahrung zu einem Modell für Emigration: »Das Land, das sie (die Grenzpfähle, Anm. d. Red.) umschlossen, war ein Niemandsland – die getreue Übersetzung des griechischen Wortes Utopie.« Wie er hierherkam? Sein Vater Oscar war Weinhändler in Frankfurt. Er wusste, wo es schön war im Land.

Information Bergstraße

Weingüter: Hessische Staatsweingüter/Domäne Bergstraße, Grieselstr. 34, 64625 Bensheim, www.weingut-kloster-eberbach.de

Bergsträßer Winzer eG, Darmstädter Str. 56, 64646 Heppenheim, www.bergstraesserwinzer.de

Weingut Simon-Bürkle, Wiesenpromenade 13, 64673 Zwingenberg, www.simon-buerkle.de

Unterkunft: Hotel Ottheinrich, Hauptstr. 126, 69469 Weinheim, Tel. 06201/18070, www.hotelott heinrich.de. DZ ab 109 Euro

Villa Boddin, Großer Markt 3, 64646 Heppenheim, Tel. 06252/68970, www.villa-boddin.de. DZ ab 125 Euro

Wandern mit Gepäcktransport: Reisebüro Degenhardt (Tel. 06251/ 93440, www.reisebuero-degenhardt.de). Sechs Nächte ab 295 Euro

Auskunft: Tourismus Service Bergstraße, 64646 Heppenheim, Tel. 06252/131170, www.diebergstrasse.de

 
Leser-Kommentare
  1. Am Bensheimer Hemsberg befindet sich kein „Römerkastell“.

    Vielmehr wurden dort die Reste einer römischen „villa rustica“ ergraben. Vor Ort befindet sich dazu eine Schautafel. Als Besucher trifft man heute aber keinerlei oberirdischen Baureste der Villa mehr an. Keinesfalls darf man eine Befestigungsanlage erwarten, wie das Ihr Artikel verspricht.

    Ich wünschte mir von der ZEIT eine sorgfältigere Recherche.

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