Hessen Primitivo vom OdenwaldSeite 2/2
Weinliebhaber gibt es viele – aber Rebenliebhaber? Antes weiß Spannendes zu erzählen von Mutanten und Schimären, von verheißungsvollen Sprüngen im Erbmaterial. Hier, die weiße Weinbeere in der rotbraunen Grauburgunder-Traube – eine Schimäre! Nicht anders sei der Riesling entstanden: als Abart eines roten Proto-Rieslings. Den Antes, versteht sich, auch in seinem Sortiment hat. »Viele archaische Sorten haben in den Nischen unserer Weingärten überdauert.« Nun züchtet er sie wieder, so etwa den kürzlich hier entdeckten Primitivo, den man in Europa vor allem aus Süditalien kennt.
Systematisch zieht Antes Sorten heran, die hier schon einmal heimisch gewesen sein könnten – in der letzten Warmzeit um 1350. Denen, glaubt er, gehört in Zeiten des Klimawandels die Zukunft: »Wir können jede Rebsorte der Welt anbauen. Bald wird ein Merlot, ein Cabernet Sauvignon von der Bergstraße nichts Ungewöhnliches mehr sein.« Schon heute ist das vor zwanzig Jahren noch reine Weißweingebiet zu einem Drittel mit Rotweinsorten bepflanzt.
Das mit dem Süden war schon immer eine Obsession hier. Die Prospekte schwärmen von der »mediterranen Lebensart« an »Deutschlands Riviera«. In Hemsbach auf der badischen Seite bauten die Rothschilds als Vorreiter der Toskana-Fraktion einen florentinischen Palazzo. Nach südländischer Leichtigkeit schielen auch der Heppenheimer »Primasecco« oder der Schriesheimer »Schriesecco«. Glaubwürdiger als solche Kreationen wirken die Tabakfelder und die Mandel- und Pfirsichbäume, die in der Region gedeihen.
Am einstigen Römerkastell macht der Rundgang kehrt. Die Reihen der Spaliere aber ziehen sich weiter über die Hügel, die aussehen wie mit grünem Cord bespannt. »Berge« ist ein zu großes Wort für sie. Vielleicht sollte man besser von Erhebungen sprechen. Aber »Weine von der Erhebungsstraße«, das klänge sonderbar. Wer will, kann am Ende noch drei Kilometer weiter bis ins Badische wandern und vergleichende Untersuchungen der Bergsträßer Weine anstellen. Dass ein und dieselbe Landschaft sich über zwei Bundesländer erstreckt, sorgt verwaltungstechnisch für Komplikationen. Auch die Sprachgrenze, erklärt Antes, verläuft genau hier: »Der Hesse petzt einen Schoppen, der Badenser schlotzt ein Viertele. Aber wir verstehen uns trotzdem.«
Wer lieber auf Zeitreise geht, braucht nur durch die Gassen der Heppenheimer Altstadt zu schlendern, die meist am Marktplatz münden. Er ist umrahmt von roten Fachwerkhäusern, dahinter St. Peter, der »Dom der Bergstraße«, darüber die obligate Ritterburg. Bei Laternenschein lassen Nachtwächter und Märchenerzähler hier Vergangenes auferstehen. Die Illusion gerät perfekt, ein altdeutsches Idyll wie aus dem Bilderbuch, nicht mehr Dürer und noch nicht Spitzweg.
Auch Bensheim, Zwingenberg und Weinheim besitzen noch historische Ortskerne. Selbst für einen derart kritischen Geist wie Adorno konnte die Region zum Inbegriff der heilen Welt werden. Im Odenwald lag sein Kindheitsparadies. Hier bestaunte der Stadtjunge die kauzigen Bauern beim Frühschoppen, den dengelnden Hufschmied, den schneidigen Jägersmann. Im Dreiländereck von Hessen, Bayern und Baden sprang er begeistert zwischen den Grenzpfählen herum. Später verhalf ihm diese Erfahrung zu einem Modell für Emigration: »Das Land, das sie (die Grenzpfähle, Anm. d. Red.) umschlossen, war ein Niemandsland – die getreue Übersetzung des griechischen Wortes Utopie.« Wie er hierherkam? Sein Vater Oscar war Weinhändler in Frankfurt. Er wusste, wo es schön war im Land.
Information Bergstraße
Weingüter: Hessische Staatsweingüter/Domäne Bergstraße, Grieselstr. 34, 64625 Bensheim, www.weingut-kloster-eberbach.de
Bergsträßer Winzer eG, Darmstädter Str. 56, 64646 Heppenheim, www.bergstraesserwinzer.de
Weingut Simon-Bürkle, Wiesenpromenade 13, 64673 Zwingenberg, www.simon-buerkle.de
Unterkunft: Hotel Ottheinrich, Hauptstr. 126, 69469 Weinheim, Tel. 06201/18070, www.hotelott heinrich.de. DZ ab 109 Euro
Villa Boddin, Großer Markt 3, 64646 Heppenheim, Tel. 06252/68970, www.villa-boddin.de. DZ ab 125 Euro
Wandern mit Gepäcktransport: Reisebüro Degenhardt (Tel. 06251/ 93440, www.reisebuero-degenhardt.de). Sechs Nächte ab 295 Euro
Auskunft: Tourismus Service Bergstraße, 64646 Heppenheim, Tel. 06252/131170, www.diebergstrasse.de
- Datum 06.11.2009 - 14:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.11.2009 Nr. 46
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Am Bensheimer Hemsberg befindet sich kein „Römerkastell“.
Vielmehr wurden dort die Reste einer römischen „villa rustica“ ergraben. Vor Ort befindet sich dazu eine Schautafel. Als Besucher trifft man heute aber keinerlei oberirdischen Baureste der Villa mehr an. Keinesfalls darf man eine Befestigungsanlage erwarten, wie das Ihr Artikel verspricht.
Ich wünschte mir von der ZEIT eine sorgfältigere Recherche.
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