Im Jahr 1884 errichtete die Deutsche Edison-Gesellschaft in Berlin Deutschlands erstes Elektrizitätswerk. Es handelte sich um eine kleine Generatorenstation in der Friedrichstraße. Der Strom, den das Kraftwerk produzierte, wurde per Kabel an die umliegenden Unternehmen geliefert, auch an das beliebte Café Bayer, das damit seine elektrische Beleuchtung betrieb. Im folgenden Jahr errichtete die Deutsche Edison-Gesellschaft in der Markgrafenstraße eine weitere Anlage, die ebenfalls elektrisches Licht lieferte. Bis zum Jahr 1900 sollten in ganz Deutschland über 200 Kraftwerke in Betrieb gehen. Das moderne Stromnetz war geboren.

Dieses Netz setzte eine ökonomische und soziale Revolution in Gang, deren Konsequenzen sich kaum überschätzen lassen. Das elektrische Licht veränderte die Rhythmen des Lebens. Elektrisch betriebene Fließbänder schufen neue Arbeitsformen. Elektrifizierte Medien verwandelten die Verbreitung von Nachrichten und Unterhaltung. Und elektrische Geräte brachten die industrielle Revolution in die privaten Haushalte. Billiger Strom erschuf die Welt, in der wir heute leben – eine Welt, die noch vor 100 Jahren nicht existierte.

Heute stecken wir erneut inmitten einer epochalen Transformation. Was vor einem Jahrhundert auf dem Gebiet der Produktion von Energie geschah, das geschieht jetzt auf dem Gebiet der Produktion von Information. Die komplexen Softwareanwendungen, die seit Langem auf privaten, aber jeweils isolierten Computersystemen in Privathaushalten oder Büros liefen, werden durch zentralisierte, vernetzte Dienste ersetzt: durch das Internet. Schon heute verändert sich die Art und Weise, in der wir mit unserem Computer umgehen. Statt Softwareprogramme zu kaufen und zu installieren, verwenden wir zunehmend unsere Webbrowser. So lassen wir Anwendungen laufen, die uns aus der Tiefe eines undurchschaubaren weltweiten Datennetzes erreichen. Manche Technologieexperten bezeichnen dieses Netzwerk daher inzwischen als the cloud (»die Wolke«).

Was ist denn ein Unternehmen wie Google anderes als ein gigantisches Informationskraftwerk?

Wenn man im Internet etwas sucht, verwendet man seinen Netzbrowser, um sich mit den gewaltigen Datenzentren verbinden zu lassen, die Google an geheimen Orten rund um die Welt errichtet hat. Man tippt ein Suchwort ein, und schon durchkämmt das Google-Netzwerk aus Hunderttausenden miteinander verbundenen Computern eine aus Milliarden von Webseiten bestehende Datenmasse. Es sucht die Seiten heraus, die dem eingegebenen Begriff entsprechen, ordnet sie nach ihrer Wichtigkeit und sendet das Ergebnis der Recherche durch das Internet zurück auf den eigenen Bildschirm. Das alles dauert meist weniger als eine Sekunde. Diese beeindruckende Rechenleistung findet nicht im Computer des Nutzers statt, sondern viele Kilometer weit entfernt, womöglich am anderen Ende der Welt. Wo befindet sich der Computerchip, der Ihre jüngste Google-Suche bewerkstelligt hat? Sie wissen es nicht, und es ist Ihnen auch gleichgültig – so wie es Ihnen egal ist, welches Elektrizitätswerk den Strom produziert hat, der Ihre Schreibtischlampe versorgt.

Schon heute beherrschen und verbinden Softwareprogramme nicht nur Industrie und Handel, sondern auch Unterhaltung, Journalismus und Bildung, Politik und Streitkräfte. Die durch eine Veränderung der Computertechnologie ausgelösten Schockwellen werden daher intensiv und weitreichend ausfallen. Die ersten Auswirkungen können wir bereits feststellen: Die Herrschaft über Medien verschiebt sich von Institutionen zu Individuen; Menschen fühlen sich zunehmend »virtuellen« statt physisch und real existierenden Gemeinschaften zugehörig; und allerorten wird über Datensicherheit, den Umgang mit privaten Informationen und den Wert der Privatheit diskutiert. Alle diese Trends werden durch den Aufstieg des cloud computing, also des »Rechnens in der Wolke«, ausgelöst. Im selben Maße, wie die Informationskraftwerke an Größe gewinnen, werden die Veränderungen, denen Wirtschaft und Gesellschaft – und wir selbst – ausgesetzt sind, immer ausgeprägter.

Ein Beispiel ist die Wohlstandsverteilung. Historisch führte der Aufstieg neuer Technologien dazu, dass bestimmte Arten von Arbeitsplätzen verlorengingen, schließlich aber viel mehr neue Jobs geschaffen wurden: Die Elektrifizierung brachte viele Handwerker um ihren Broterwerb, schuf aber zugleich viel mehr Arbeitsplätze für ungelernte Fabrikarbeiter und qualifizierte Angestellte. Die Computerisierung hingegen bewirkt etwas völlig anderes. Sie hat es Unternehmen ermöglicht, alle Arten von Arbeitskräften zu ersetzen, qualifizierte wie ungelernte. Aber sie hat nicht gleichzeitig massenhaft neue, gut bezahlte Tätigkeiten geschaffen, die an die Stelle der zerstörten Arbeitsplätze treten könnten.

Der renommierte amerikanische Ökonom Jagdish Bhagwati meint, die Computerisierung sei der entscheidende Grund dafür, dass die Einkommen der amerikanischen Mittelschichten seit zwei Jahrzehnten stagnieren. »Es gibt heute noch Fließbänder, aber diese benötigen keine Arbeiter mehr«, schreibt Bhagwati. »Sie werden von Computern gesteuert, die von hoch qualifizierten Ingenieuren bedient werden.« Unter normalen Umständen würde die Einführung neuer, Arbeitskräfte sparender Technologien die Einkommen nur für kurze Zeit drücken; danach würde der Produktivitätszuwachs, der aus dem Einsatz dieser Technologien resultiert, die Löhne wieder hochtreiben. Aber Informationstechnologie wirke sich anders aus, erklärt Bhagwati. Die Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen werde zu einem »fortwährenden Prozess«, schreibt er. »Der Druck auf die Löhne wird erbarmungslos.«

 

Das »Rechnen in der Wolke« senkt die Kosten der Computernutzung weiter und schafft ein preisgünstiges Netzwerk für den Vertrieb digitaler Produkte. Auf diese Weise wird die Konzentration des Wohlstands in den Händen weniger Menschen nochmals verstärkt. Als Google Ende 2006 für 1,6 Milliarden Dollar YouTube kaufte, war das Unternehmen erst ein Jahr alt, aber bereits ein blühendes Netzwerkgeschäft. Tag für Tag schauten sich Menschen in aller Welt mehr als 100 Millionen Videos auf YouTube an, Tag für Tag luden sie etwa 65.000 neue Videos ins Netz. Doch zu dieser Zeit hatte YouTube ganze 60 Angestellte. Ihre Arbeit verrichteten sie in einem kleinen Büro im Silicon Valley, das über einer Pizzeria gelegen war. Bei einem Verkaufspreis von 1,6 Milliarden Dollar repräsentierte jeder YouTube-Angestellte einen Marktwert von 27,5 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Die 70.000 Mitarbeiter des ungeheuer profitablen Softwareunternehmens Microsoft haben jeweils einen Marktwert von vier Millionen Dollar.

Es war der schiere Überfluss an preisgünstiger Rechen-, Speicher- und Kommunikationskapazität, der es YouTube ermöglichte, innerhalb sehr kurzer Zeit mit sehr wenigen Mitarbeitern ein sehr großes Unternehmen aufzubauen. Und das Beispiel YouTube ist keineswegs einzigartig. Viele neue Unternehmen nutzen die einem öffentlichen Versorgungsnetz ähnelnden Möglichkeiten des World Wide Web, um fast gänzlich ohne Mitarbeiter einen florierenden Geschäftsbetrieb aufzubauen.

Unternehmen wie YouTube können deshalb mit so wenigen Mitarbeitern so schnell wachsen, weil ihre Produkte vollständig virtuell sind.

Sie existieren nur in Computern oder fliegen als digitale Ziffernfolgen durchs Internet. Die Kosten, die bei der Erstellung einer neuen Kopie eines solchen Produkts entstehen, belaufen sich auf nahezu null. Und weil diese Unternehmen das öffentliche Internet als Vertriebsweg nutzen, fallen viele Kapitalinvestitionen für sie gar nicht erst an, die traditionelle Unternehmen bewältigen müssen. YouTube muss keine Produktionsstudios oder Übertragungsanlagen errichten.

Weil immer mehr Wirtschaftssektoren dazu übergehen, diese einzigartigen Möglichkeiten der Computernetzwerke zu nutzen, werden wir voraussichtlich weitere Arbeitsplatzverluste erleben. Das Elektrizitätsnetz trug einst dazu bei, breite Mittelschichten zu erschaffen; es könnte sein, dass das Computernetz dazu beiträgt, diese Mittelschichten wieder zu zerstören.

Die kulturellen Auswirkungen des cloud computing werden genauso einschneidend sein. Der Prozess der Elektrifizierung beschleunigte die Expansion der Massenkultur. Vermittelt durch populäre Fernsehshows und Radioprogramme, durch Filme, Bücher und Werbesendungen, teilten immer mehr Menschen gemeinsame Erfahrungen. Das Internet, das sich nicht nur zu einem universellen Computer entwickelt, sondern auch zu einem universellen Medium, entfaltet völlig andere Kräfte, die die Kultur unserer Gesellschaften wiederum neu zu formen versprechen.

Die größten Hindernisse bei der Versorgung mit kreativen Produkten – hohe Kosten und Engpässe beim Vertrieb – verschwinden zusehends. Weil die meisten Kulturgüter aus Wörtern, Bildern oder Tönen bestehen, die alle digitalisiert werden können, lassen sie sich so billig reproduzieren und vertreiben wie jedes andere Informationsprodukt auch. Viele Kulturprodukte können heute auch einfacher hergestellt werden; dafür sorgen die Software- und Speicherkapazitäten des cloud computing, aber auch Produktionswerkzeuge wie Camcorder, Digitalkameras und Scanner. Arbeitsgänge, die früher nur mit viel Geld und Fachkenntnissen bewältigt werden konnten, etwa Filmentwicklung oder Tonmischung, können nun von Amateuren daheim erledigt werden. An der enormen Ausbreitung von Blogs, Podcasts und Videoclips zeigt sich die neue Ökonomie der kreativkulturellen Produktion.

Der Wandel von der Knappheit zum Überfluss auf dem Gebiet der Medien bedeutet, dass wir bei der Entscheidung darüber, was wir lesen, sehen oder hören wollen, viel mehr Auswahl besitzen als unsere Eltern und Großeltern. Wir können unseren privaten Vorlieben frönen und uns in unsere maßgeschneiderten Medienkokons zurückziehen. »Früher wurde unsere Kultur durch ihre jeweils populärsten Ausprägungen definiert«, schreibt Chris Anderson, der Autor des Buches The Long Tail. »Jetzt definieren eine Million Nischen unsere Kultur.« Die riesige Zahl der Wahlmöglichkeiten ist aufregend. Ihnen wohnt, wie Anderson schreibt, das Versprechen inne, uns »von der Tyrannei des kleinsten gemeinsamen Nenners« zu befreien und stattdessen »eine Welt der unbegrenzten Vielfalt« zu erschaffen.

 

Aber mehr Wahlmöglichkeiten bedeuten nicht notwendig auch bessere Wahlmöglichkeiten. Viele kulturelle Güter wie beispielsweise erstklassiger Journalismus bleiben in ihrer Herstellung teuer oder erfordern die sorgfältige Arbeit begabter Fachleute. Darum ist es wichtig zu fragen, wie die Veränderungen der Medienökonomie diese Güter beeinflussen werden. Wird sich weiterhin ein zahlungswilliges Publikum von ausreichender Größe finden, um ihren Fortbestand sicherzustellen? Oder werden sie schließlich von kostenlosen und frei zugänglichen Produkten aus dem Markt gedrängt? Der Zusammenbruch der Zeitungswirtschaft in den Vereinigten Staaten spricht jedenfalls dafür, dass manche der wertvollsten kreativen Arbeiten niemals ihren Platz auf dem Basar der YouTube-Wirtschaft finden werden. Es könnte sich herausstellen, dass die Kultur der Vielfalt, die das Internet erschaffen hat, in Wirklichkeit nur eine Kultur der Mittelmäßigkeit ist – viele Kilometer breit, aber nur ein paar Zentimeter tief.

Das Internet hat für Millionen Menschen das Leben besser gemacht. Aber das Internet hat auch seine dunklen Seiten, und auch diese werden stärker hervortreten, wenn das Netz zum wichtigsten Austauschmedium für Handel, Kommunikation und Kultur wird.

Wem sollte diese elementar wichtige neue Infrastruktur gehören?

Wie jede andere öffentliche Versorgungseinrichtung ist das weltweite Datennetz ebenso sehr ein politisches wie ein kommerzielles Konstrukt. Wem sollte diese elementar wichtige neue Infrastruktur gehören? Brauchen wir neue Regelwerke, um sicherzustellen, dass ein Unternehmen wie Google kein globales Informationsmonopol erlangt? Wie schützen wir lokales Wirtschaften und örtliche Kulturen vor den uniformierenden Wirkungen des weltweiten Informationssystems? Alle diese Fragen erfordern die Aufmerksamkeit von Politikern und Öffentlichkeit. Welche Form die »Wolke« annimmt und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirken wird, das hängt wahrscheinlich von Entscheidungen ab, die in den nächsten paar Jahren getroffen werden. 

Viele der Merkmale, die unsere moderne Gesellschaft ausmachen, haben sich erst nach der allgemeinen Elektrifizierung entwickelt. Der Aufstieg der Mittelschichten, die Expansion der öffentlichen Bildung, das Aufblühen der Massenkultur, der Umbruch von der industriellen Ökonomie zur Dienstleistungswirtschaft – nichts davon wäre möglich gewesen, hätten nicht Elektrizitätswerke verlässlich billigen Strom zur Verfügung gestellt. Heute unterstellen wir ganz selbstverständlich, diese Entwicklungen seien beständige Kennzeichen unserer Gesellschaft. Aber das ist eine Illusion. Sie sind die Nebenprodukte einer besonderen Kombination ökonomischer Kräfteverhältnisse, die ihrerseits die technologischen Verhältnisse der Zeit widerspiegelten. Vielleicht werden wir schon bald entdecken: Was wir für die zeitlosen Fundamente unserer Gesellschaft gehalten haben, sind in Wirklichkeit nur temporäre Strukturen.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr