Sozialdemokratie Grenzenlos oder gar nichtSeite 2/2

Nach einigem Zögern ist auch Europa auf diesen Zug aufgesprungen. Die Europäische Einheitsakte schuf 1986 den europäischen Binnenmarkt mit weitgehender Freiheit für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte. In einem großen Binnenmarkt konnten Firmen Kosten sparen und der Konkurrenz aus dem Rest der Welt trotzen. Sozialdemokraten, von Jacques Delors bis Gerhard Schröder, haben sich diesen Argumenten angeschlossen. Zu Recht, denn die Alternative hieße Stagnation und Massenarmut, nicht Wohlstand für alle.

Im neoliberalen Zeitalter jedoch fehlte die Einsicht, dass eine globalisierte Weltwirtschaft und ein integrierter europäischer Binnenmarkt nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer schaffen. Während große Firmen Arbeitskräfte entließen, um Kosten zu sparen und ihre Renditen zu steigern, nahm der Druck auf kleine Unternehmen zu. Ihre Gewinnmargen schmolzen dahin, Lohnerhöhungen wurden unmöglich. Das sozialdemokratische Projekt verlor seine Grundlage. Der Nationalstaat eignet sich nur als Umverteilungsinstrument, wenn er die Ursachen der Ungleichheit kontrollieren kann. Aber der europäische Binnenmarkt hat seine eigene Dynamik. Wenn soziale Verwerfungen und Ungleichheit in grenzüberschreitenden Wirtschaftsbranchen entstehen, kann der Nationalstaat nicht korrigieren. Die Antwort auf ungleiche Entwicklung im europäischen Binnenmarkt muss europäische Marktregulierung sein. Seit dem 19. Jahrhundert weiß die Wirtschaftstheorie, dass die Entschädigung von Verlierern durch Gewinner die Wohlfahrt jedes Einzelnen steigert. Mit anderen Worten, Europa braucht eine eigene Regierung, die die Dynamik der Ungleichheit bekämpft, um den Wohlstand zu sichern.

Diese Lösung leuchtet nicht allen ein. Die extreme Linke fordert, es müsse Schluss sein mit Globalisierung und Europa. Sie stimmte gegen den Lissabonner Vertrag, weil sie glaubt, man könne zum alten nationalstaatlichen Wohlfahrtsmodell zurückkehren. Konservative auf der Rechten dagegen wollen den freien Markt erhalten, aber seine soziale Sprengkraft durch Unterordnung der Freiheit des Einzelnen unter Hierarchie und Paternalismus einschränken. Beide Politikmodelle sind zum Scheitern verurteilt. Sie sind der Weg zurück zu »geschlossenen Gesellschaften«, in denen Innovation und Kreativität verkümmern und wirtschaftliche Stagnation zum Dauerthema wird.

Moderne sozialdemokratische Politik muss heute europäisch sein, will sie die durch den Binnenmarkt verursachte Ungleichheit korrigieren. Sie muss darüber nachdenken, wie Fairness und Gerechtigkeit im europäischen Binnenmarkt hergestellt und Umverteilung über die Grenzen des Nationalstaates hinaus möglich werden kann. Sie darf nicht nur ein soziales Europa fordern, sie muss sich auch die Instrumente erobern, mit der sie dieses Europa schaffen will.

Die heutige EU ist dazu nicht in der Lage, selbst mit ratifiziertem Vertrag von Lissabon. Diese Erkenntnis ist ein wesentlicher Faktor in der wachsenden Europamüdigkeit, ja Feindlichkeit, die sich in allen Mitgliedsstaaten zeigt. Der Grund ist einfach: Europäische Politik wird von nationalen Regierungen gemacht. Es gibt keine europäische Regierung, die den gemeinsamen Willen der Europäer ausdrückt. Und deshalb gibt es auch keine europäischen Debatten, wie die Verlierer in das europäische Erfolgsmodell integriert werden könnten.

Wenn Europas Sozialdemokratie überleben und eine gerechtere Welt schaffen will, muss sie in Europa mehr Demokratie wagen. Glücklicherweise hat die deutsche SPD ihren europäischen Freunden bereits den Weg gewiesen. In ihrem Grundsatzprogram von 2007 fordert sie: »Unser Leitbild ist eine politische Union, die allen europäischen Bürgern demokratische Mitwirkungsrechte gibt. Das demokratische Europa braucht eine parlamentarisch verantwortliche Regierung auf der Basis einer europäischen Verfassung.« Es ist Zeit, diesen Worten Taten folgen zu lassen.

Stefan Collignon ist Professor für Europäische Ökonomie an der London School of Economics.

 
Leser-Kommentare
  1. Bislang ist Europa eher eine neoliberale Angelegenheit, das mag man beklagen, aber eine Sozialdemokratisierung Europas kann im Umkehrschluß doch nur bedeuten, daß noch mehr deutsches Geld in Brüssel verbraten (bzw. umverteilt) wird - dabei leidet Deutschland schon seit Jahren darunter, daß es keine realen Lohnzuwächse mehr gegeben hat. Vielleicht wäre ein schlanker, sparsamerer Staat und weniger Europa die bessere Lösung - ersteres führt aber wohl keine der deutschen Parteien im Programm, stattdessen gibt es Klientel-Politik auf Kosten der nachfolgenden Generationen (http://www.tagesschau.de/... ).

    • Chali
    • 10.11.2009 um 8:19 Uhr

    Wenn Europas Sozialdemokratie soweit ist, kann sie sich ja wieder bei mir melden.

    Was bringt den Herrn Professor nur auf die Idee, dass "Europas Sozialdemokratie [...] eine gerechtere Welt schaffen will"?
    Fiele Dicke Posten - das reicht für die [...] doch schon aus.

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    • bivi
    • 12.12.2009 um 14:44 Uhr

    Der Herr Professor macht sich wenigstens Gedanken und verweigert sich nicht wie Sie mit Ihrer 'Ist doch eh alles shit' Weltsicht.
    Er macht sich Gedanken über die Zukunftsgestaltung, Sie treten die Zukunft fatalistisch in die Tonne.

    Und er beherrscht die Rechtschreibung!

    • bivi
    • 12.12.2009 um 14:44 Uhr

    Der Herr Professor macht sich wenigstens Gedanken und verweigert sich nicht wie Sie mit Ihrer 'Ist doch eh alles shit' Weltsicht.
    Er macht sich Gedanken über die Zukunftsgestaltung, Sie treten die Zukunft fatalistisch in die Tonne.

    Und er beherrscht die Rechtschreibung!

    • joG
    • 10.11.2009 um 8:28 Uhr

    ..."gerechtere Welt" oder "sozial" argumentieren verwenden nebulöse Zielformulierungen, die Transparenz und Kontrolle vereiteln. So bekommt man ein schlechtes Krankensystem, einen bankrotten Gernerationenvertrag mit den niedrigsten Auszahlungsraten der OECD und ein Zeugnis aus Pisa. Das letzte was man braucht ist ein erneuter Sozialdemokratiebefall.

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    • Chali
    • 10.11.2009 um 8:42 Uhr

    Da haben Sie wohl leider Recht.

    Obwohl es ja auch konkret ginge.
    Wie wäre es denn damit:
    "Die Würde des Menschen ist unantastbar."
    Oder als Regierungsprogramm:
    "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

    Da wäre doch mal ganz witzig: ALLE staatliche Gewalt. Nicht nur das, was nach Bankenrettung und Krieg im Kosovo und Afghanistan übrig bleibt.

    • Chali
    • 10.11.2009 um 8:42 Uhr

    Da haben Sie wohl leider Recht.

    Obwohl es ja auch konkret ginge.
    Wie wäre es denn damit:
    "Die Würde des Menschen ist unantastbar."
    Oder als Regierungsprogramm:
    "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

    Da wäre doch mal ganz witzig: ALLE staatliche Gewalt. Nicht nur das, was nach Bankenrettung und Krieg im Kosovo und Afghanistan übrig bleibt.

    • Chali
    • 10.11.2009 um 8:42 Uhr

    Da haben Sie wohl leider Recht.

    Obwohl es ja auch konkret ginge.
    Wie wäre es denn damit:
    "Die Würde des Menschen ist unantastbar."
    Oder als Regierungsprogramm:
    "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

    Da wäre doch mal ganz witzig: ALLE staatliche Gewalt. Nicht nur das, was nach Bankenrettung und Krieg im Kosovo und Afghanistan übrig bleibt.

    • hamkon
    • 10.11.2009 um 9:42 Uhr

    heisst, Entwicklungen vorauszusehen und auf deren Folgen, Aus- und Wechselwirkungen politische Alternativkonzepte den tradierten Konzepten und Handlungsrezepte zu entwickeln.

    Die inzwischen zur Schröder Partei Deutschlands verkommene SPD kann in gar keinem der gegenwärtigen, dynamischen Veränderungsprozessen und -gebieten irgendeine substantielle Aktivität vorweisen. Diese Schröder Partei Deutschlands erschöpft sich in der traditionellen Rolle einer Kaderfunktionärspartei nach dem Muster der Mende-FDP, deren einzige und substantielle Aktivität darin besteht, mittels seilschaftlicher Hinterzimmermachenschaften a la Seeheimer Kreis & Gruppe Kahrs die eigenen Freundes- und Günstlingskreise zu versorgen. Dieses Politikverständnis kann ich ja in den Potentatenstaaten des Nahen und Mittleren Ostens, den ehemaligen Stalindiktaturen des Ostblocks und in den Latifundienstaaten Lateinamerikas akzeptieren. Im Land der Dichter und Denker aber, wo sich so viele unserer Elitarier und Exzellenzen einbilden, sie wären wissend und klug, einen deratigen Ozean von Asozialität vorzufinden, wie in den o.g. Regionen & Zeiten, dass ist in der Tat nicht mehr tolerabel.

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    spricht mir aus der ( sozialdemokratischen ) Seele. So lange diese Partei es nicht vermag innovative und nachhaltige Alternativkonzepte zu entwickeln, wird sie wohl nicht auf die Beine kommen. Hinzukommt dass sich die Genossen von Schröder, Clement und Co. von der Postenknute haben knebeln lassen.
    Das allergrößte Problem besteht jedoch darin, dass die SPD verlernt hat die Menschen mitzunehmen. Ich bin überzeugt dass das Volk durchaus in der Lage ist, bittere Pillen zu schlucken. Wenn man ihm klar macht warum und wofür diese Pille da ist. Verbunden mit dem Aufzeigen von Perspektiven wäre dies ein heilsamer Kontrast von der Politk a la "Des Kaisers neue Kleider".

    spricht mir aus der ( sozialdemokratischen ) Seele. So lange diese Partei es nicht vermag innovative und nachhaltige Alternativkonzepte zu entwickeln, wird sie wohl nicht auf die Beine kommen. Hinzukommt dass sich die Genossen von Schröder, Clement und Co. von der Postenknute haben knebeln lassen.
    Das allergrößte Problem besteht jedoch darin, dass die SPD verlernt hat die Menschen mitzunehmen. Ich bin überzeugt dass das Volk durchaus in der Lage ist, bittere Pillen zu schlucken. Wenn man ihm klar macht warum und wofür diese Pille da ist. Verbunden mit dem Aufzeigen von Perspektiven wäre dies ein heilsamer Kontrast von der Politk a la "Des Kaisers neue Kleider".

  2. Ich denke die Sozialdemokratie kann durch beherzigen des Spruches "think global, act local" viel erreichen.
    Das heisst: Kleine, effektive Unternehmen, die mit Resourcen aus der näheren Umgebung arbeiten, fördern.
    Gerhard Schröder hingegen hat mit seiner Zauderpolitik ein komplexes Pseudosozialmonstrum geschaffen, das vor allem den grossen Konzernen Vorteile bringt und die Rechte der bereits sozial schwachen weiter reduziert, womit sie zum Freiwild für Ausbeutung wurden.
    Tony Blair hat ähnliche Politik betrieben, die brillant aber nicht nachhaltig war.
    Die Regierung Prodi in Italien hat von mehr Gerechtigkeit gesprochen, aber ganz andere Fakten geschaffen: Sie hat die von Berlusconi richtigerweise eingeführte Rente ab 67 wieder zurückgenommen um nach allen Versprechungen nicht ganz das Gesicht zu verlieren und dann eine Art Riesterrente eingeführt, die die gleichen Effekte hat, wie letztgenannte: Man wird gezwungen, seine Pension in Fonds zu investieren und gibt damit sein Geld in die Hände derer, die die Finanzkrise herbeigeführt haben. Letzten Endes muss man sein Geld herschenken.
    Das Problem der Sozialdemokratie ist nicht die althergebrachte sozialdemokratische Politik, sondern die Tatsache, dass alle sozialdemokratischen Regierungen von Schröder über Blair bis Prodi (der am wenigsten selbst schuld ist, da er von seiner instabilen Koalition ständig zu absurden Kompromissen gezwungen wurde) neoliberale Politik gemacht haben. Und dafür haben sie die Rechnung bekommen.

  3. scheint das wichtigste Ziel in Europa zu sein. Arbeit so zur Verfügung zu stellen, dass alle beschäftigt werden können oder sich selbst beschäftigen. Hocheffiziente Rentensysteme, ohne Löcher und Verluste. http://kallewestrich.blog...

  4. Ich denke die Lösung ist bedeutend einfacher. Sehen wir uns die Persönlichkeit der (Ur)Sozialdemokraten an. Da hatte jeder einen Guten-und einen Alltags-Anzug im Kasten(Anm. d. Übersetzers:Schrank).

    Diese Menschen hatten die gleichen Interessen wie jeder Einzelne in der Bevölkerung. Freiheit,materieller Fortschritt und Frieden!

    Der heutige Sozialdemokrat ist mit der Bevölkerung so verbunden wie ein unerzogenes Kind mit seinen Eltern.

    Solange die Bevölkerung nicht völlig aus den Entscheidungsprozessen der Regierungen ausgegliedert wird werden undemokratische Vereinigungen verschwinden. Die SPD ist einfach der Anfang.

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    • joG
    • 10.11.2009 um 11:48 Uhr

    ... Da hatte jeder einen Guten-und einen Alltags-Anzug im Kasten(Anm. d. Übersetzers:Schrank).

    Diese Menschen hatten die gleichen Interessen wie jeder Einzelne in der Bevölkerung."

    Am Anfang stimmte das in sofern, sie keinen Anzug hatte. Zu Anfang der Labour und (Ur)Sozialdemokratischen Bewegung waren weite Teile der gewöhnlichen Bevölkerung auf dem Stand der heutigen $1 a Day Menschen heute. Auch war es mit der demokratischen Einflussnahme eher wie im Iran für die Meisten. In Deutschland waren bis kurz vorher vereinzelt die Menschen noch von ihren Fürsten als Soldaten in Übersee verkauft worden.
    Damals war egal, dass man "sozial" so unpräzise definierte. Egal was man nämlich anpackte hierhinsichtlich, es stabilisierte den ökonomischen Faktor Arbeit und erhöhte daher die gesellschaftliche Wohlfahrt. Das ist nicht mehr so. Jetzt sind die meisten "sozialen" Ausgaben nur noch zu kleinem Teil volkswirtschaftlich investiv und in ihrer Hauptsache Konsum. Die Definition umschließt also ungleiche Dinge und ist darin schlampig. Analysen, die auf dieser Wortbasis geführt werden sind defekt und die Folgerungen falsch.

    • keox
    • 10.11.2009 um 20:30 Uhr

    "Solange die Bevölkerung nicht völlig aus den Entscheidungsprozessen der Regierungen ausgegliedert wird werden undemokratische Vereinigungen verschwinden."

    Solange die Bevölkerung völlig aus den Entscheidungsprozessen der Regierungen ausgegliedert wird werden undemokratische Vereinigungen nicht verschwinden.

    • joG
    • 10.11.2009 um 11:48 Uhr

    ... Da hatte jeder einen Guten-und einen Alltags-Anzug im Kasten(Anm. d. Übersetzers:Schrank).

    Diese Menschen hatten die gleichen Interessen wie jeder Einzelne in der Bevölkerung."

    Am Anfang stimmte das in sofern, sie keinen Anzug hatte. Zu Anfang der Labour und (Ur)Sozialdemokratischen Bewegung waren weite Teile der gewöhnlichen Bevölkerung auf dem Stand der heutigen $1 a Day Menschen heute. Auch war es mit der demokratischen Einflussnahme eher wie im Iran für die Meisten. In Deutschland waren bis kurz vorher vereinzelt die Menschen noch von ihren Fürsten als Soldaten in Übersee verkauft worden.
    Damals war egal, dass man "sozial" so unpräzise definierte. Egal was man nämlich anpackte hierhinsichtlich, es stabilisierte den ökonomischen Faktor Arbeit und erhöhte daher die gesellschaftliche Wohlfahrt. Das ist nicht mehr so. Jetzt sind die meisten "sozialen" Ausgaben nur noch zu kleinem Teil volkswirtschaftlich investiv und in ihrer Hauptsache Konsum. Die Definition umschließt also ungleiche Dinge und ist darin schlampig. Analysen, die auf dieser Wortbasis geführt werden sind defekt und die Folgerungen falsch.

    • keox
    • 10.11.2009 um 20:30 Uhr

    "Solange die Bevölkerung nicht völlig aus den Entscheidungsprozessen der Regierungen ausgegliedert wird werden undemokratische Vereinigungen verschwinden."

    Solange die Bevölkerung völlig aus den Entscheidungsprozessen der Regierungen ausgegliedert wird werden undemokratische Vereinigungen nicht verschwinden.

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