Proteste in Österreich Die Uni brennt

In Österreich revoltieren die Studenten. Ihre Forderungen sind zwar unrealistisch, einen Etappensieg erreichten sie jetzt dennoch. Ein Kommentar von Joachim Riedl

Studenten protestieren in Wien für bessere Bildung

Studenten protestieren in Wien für bessere Bildung

Party, Krawall, Protest, Demoklamauk und ein milder Hauch anarchischer Lebensfreude – von allem ein bisschen ist in der vergangenen Woche in die österreichischen Hochschulen eingezogen. Ein spontaner Aufstand, nur lose über virtuelle Netzwerke miteinander verknüpft, aber allgegenwärtig in den Fernsehnachrichten.

In nahezu allen Universitätsstädten halten Studenten Hörsäle besetzt und tapezieren sie mit frechen Parolen. Überall debattieren basisdemokratische Plenen in Permanenz. Es ist, als hätte sich ein Teach-in von anno dazumal in das Internetzeitalter verirrt: Alles wird via Livestream übertragen.

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Abends gibt es Musik und Kino, oder die Uni-Rebellen gehen auf die Straße und machen ihren Unmut darüber Luft, dass die Bedingungen, unter denen sie sich akademische Weihen erwerben sollen, untragbar geworden seien. Sogar Professoren und Gewerkschafter solidarisieren sich mit ihren Forderungen: Sie verlangen ein weit geöffnetes Hochschulsystem, in dem es weder Zugangsbeschränkungen noch Studiengebühren geben dürfe. Dass niemand ihre romantische Wunschliste wird erfüllen können, hindert sie nicht daran, immer neue Punkte hinzuzufügen.

Einen ersten Etappensieg errang die akademische Revolte dennoch. Nachdem er zunächst versucht hatte, die Revolte auszusitzen, machte der Wissenschaftsminister am Freitag vergangener Woche 34 Millionen Euro aus seiner Budgetreserve locker. Das ist freilich nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die österreichischen Universitäten platzen aus allen Nähten und sind ihren Aufgaben schlicht nicht mehr gewachsen. Jahrzehntelang waren sie stiefmütterlich behandelt und finanziell ausgehungert worden. In jeder Regierung stießen die Klagen aus Rektoraten und Dekanaten auf taube Ohren. Der Kollaps war hingegen absehbar. Nach 2001 ist die Zahl der Hörer explodiert, im Herbst überschritt sie erstmals 300.000 Studierende.

Als der akademische Nachwuchs nun zu Beginn des Wintersemesters zurück in die Hörsäle strömte, erlebte er, dass viele Kommilitonen bei den Massenvorlesungen häufig nur mehr in einem hinteren Winkel Platz fanden. Für die überfüllten Lehrräume sollten zunächst Studenten aus Deutschland – "Numerus-clausus-Flüchtlinge" nennen sie die Politiker – als Sündenbock herhalten, obwohl deren Anteil lediglich knapp sechs Prozent beträgt. Dann wurden restriktive Maßnahmen als Notbehelf angedroht. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Aus der spontanen Aktion einiger Wiener Kunststudenten entwickelte sich binnen Tagen eine landesweite Protestwelle und überrollte die Politiker, die weiterhin ratlos den Problemen gegenüberstehen. Außer jetzt an einen Runden Tisch zu bitten, sind sie bislang kaum mit Ideen hervorgetreten.

 
Leser-Kommentare
  1. ...dass die deutsche Berichterstattung auf diesen Protest aufmerksam geworden ist. Schließlich handelt es sich um eine problematische Situation, die nicht nur in Österreich vorherrscht! Gerade weil meine deutschen kommilitonen als Sündenböcke missbraucht werden, halte ich es für wichtig, dass die deutsche Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht wird, nicht zuletzt, um unseren Politikern ihre lieblingsstrategie, nämlich das aussitzen solcher Problme, zu erschweren.

  2. würde ich angesichts solcher Medlungen aus unserem Nachbarland auch der deutschen Studentenschaft wünschen, denn die Unfähigkeit der Politiker wird hüben wie drüben nur noch von der Dumpfheit des Wahlvolks übertroffen.
    [entfernt. Bitte vermeiden Sie persönliche Angriffe sowie eine vulgäre Wortwahl und bemühen Sie sich um eine sachliche Diskussion. Die Redaktion/vv]

    In diesem Sinne: Hosen hoch!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein wenig mehr [...] in der Hose würde ich als Student uns deutschen Studenten, aber auch den hiesigen Moderatoren wünschen!

    Es passt nicht so toll zusammen, wenn die Redaktion der Zeit hier reisserisch vekündet: "Proteste in Österreich -
    Die Uni brennt",dann aber die Moderation auf pflegeleichte Kost setzten will und um eine "sachliche" Diskussion mit entsprechender Wortwahl bittet.

    Bei uns in Deutschland schwelt es und das seit langem- nicht nur an den Unis.

    Die bisherige Friedhofsstille kann trügen...

    Das menschenverachtende Aussitzen der Missstände (nicht nur in der Bildung) muss ein Ende finden.

    Es widert mich an, wenn das Wort "Reformen" zum 1001. Male von Politik und Verantwortlichen wiedergekäut wird,so dass eine durschschnittliche deutsche Milchkuh vor Neid erblassen könnte, hätte sie einen mentalen Zugang dazu.

    Den hat die durchschnittliche deutsche Milchkuh nicht,
    braucht sie verständlicherweise auch nicht.

    Was aber die deutsche Politik an mangelndem mentalen Zugang und Empahiedefizit bezogen auf wichtige bildungs- und sozialpolitische Belange der Studierenden beweist, das ist kaum steigerungsfähig:

    Ein abgemagertes Studium zu Gebühren, welche die Politiker, die diese eingeführt haben, nie selber zahlen mussten und auch jetzt nie selber zahlen wollen würden.

    Miese Jobs, die höherwertige Qualifikation zum Null/Niedriglohn -Tarif erwarten.

    Und last but not least Berufsaussichten,
    wogegen der aktuelle Wetterbericht einem Sonnenschein gleicht.

    Ein wenig mehr [...] in der Hose würde ich als Student uns deutschen Studenten, aber auch den hiesigen Moderatoren wünschen!

    Es passt nicht so toll zusammen, wenn die Redaktion der Zeit hier reisserisch vekündet: "Proteste in Österreich -
    Die Uni brennt",dann aber die Moderation auf pflegeleichte Kost setzten will und um eine "sachliche" Diskussion mit entsprechender Wortwahl bittet.

    Bei uns in Deutschland schwelt es und das seit langem- nicht nur an den Unis.

    Die bisherige Friedhofsstille kann trügen...

    Das menschenverachtende Aussitzen der Missstände (nicht nur in der Bildung) muss ein Ende finden.

    Es widert mich an, wenn das Wort "Reformen" zum 1001. Male von Politik und Verantwortlichen wiedergekäut wird,so dass eine durschschnittliche deutsche Milchkuh vor Neid erblassen könnte, hätte sie einen mentalen Zugang dazu.

    Den hat die durchschnittliche deutsche Milchkuh nicht,
    braucht sie verständlicherweise auch nicht.

    Was aber die deutsche Politik an mangelndem mentalen Zugang und Empahiedefizit bezogen auf wichtige bildungs- und sozialpolitische Belange der Studierenden beweist, das ist kaum steigerungsfähig:

    Ein abgemagertes Studium zu Gebühren, welche die Politiker, die diese eingeführt haben, nie selber zahlen mussten und auch jetzt nie selber zahlen wollen würden.

    Miese Jobs, die höherwertige Qualifikation zum Null/Niedriglohn -Tarif erwarten.

    Und last but not least Berufsaussichten,
    wogegen der aktuelle Wetterbericht einem Sonnenschein gleicht.

    • Reaper
    • 04.11.2009 um 13:44 Uhr

    Die Unis in den neuen Bundesländern sind nicht überfüllt. Es gibt keine Studiengebühren. Warum also ins Ausland gehen zum studieren? Wenn Westunis nun auch überfüllt sind dann sollten sich die angehenden Studenten mal fragen warum das so ist. In Leibzig studiert es sich genauso gut wie in Münster oder Bremen. Nur da ist natürlich das böse Wort Osten welches immer im Vordergrund steht. Der kalte Krieg findet seit der Wiedervereinigung in den Köpfen der Bürger seine fortsetzung.

    • kayob
    • 04.11.2009 um 14:03 Uhr

    werter herr riedl,

    ich finde es schade, dass sie von utopischen forderungen reden.
    politisch nicht gewünschte forderungen ist richtig.
    denn die forderung der studierenden nach genügend räumen und lehrpersonal sind ja alles andere als utopisch. man sollte meinen, wenn ein staat lehre und forschung organisiert und gut von den steuergeldern und ideen der absolventen lebt, sollte er wenigstens halten was die institutionen versprechen.
    und weiter:
    angesichts der globalisierung und deindustrialisierung muss man sich fragen, wie utopisch foderungen nach einem freien zugang zu universitäten ist:
    die arbeistagenturen geben milliarend für dubiose nachschulungen aus und unternehmen noch mehr milliarden für weiterbildungen, zum teil auch sehr dubios. das geld in schulen und hochschulen investiert, würde den einzelnen bilden, die gesellschaft entlasten und zukunftsfähig machen. wenn das utopie ist, dann ist es die bewahrung des jetztigen wohlstandes auch.
    so einfach ist das.

  3. möchte ich darauf hinweisen, dass sich die proteste auf deutschland ausgeweitet haben. in münster und heidelberg sind ebenfalls hörsääle besetzt. das spricht für die legitimität dieses protestes und seine europaweite gültigkeit. auch möchte ich mich meinem vorredner anschließen und herrn riedl bitten, sein urteil über die forderungen zu überdenken.
    grüße aus wien.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...dass eine Ausweitung nach Deutschland für die Legitimität des Streikes spricht. Da ist der Rote Faden bzw. die Kausalität für mich nicht so richtig erkennbar...

    ...dass eine Ausweitung nach Deutschland für die Legitimität des Streikes spricht. Da ist der Rote Faden bzw. die Kausalität für mich nicht so richtig erkennbar...

  4. Ich halte die Forderung für absolut Notwendig und nicht für utopisch. Außerdem verwundert mich sehr, dass der Kommentator die bereits gestern besetzte Uni in Heidelberg nicht erwähnt hat. In Deutschland wird in der Zwischenzeit, die Uni Heidelberg, Uni Münster und Uni Potsdam besetzt. Die Forderungen sind häufig sehr ähnlich. Der freie Zugang zu den Hochschulen ist wichtig und die Verschulung soll beendete werden genauso wie die Einschränkung der studentischen Freiheit, die ich das Glück hatte zu erleben, sind dem Bolognaprozess geopfert worden. So sieht eine demokratische Hochschule für mich nicht aus. Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann macht auch schon wieder einen rückzieher und sieht ein, dass es nicht mehr Beschränkung braucht.

    • sjo
    • 05.11.2009 um 0:35 Uhr

    Ich möchte darauf hinweisen, dass sich bereits viele der Forschenden und Lehrenden den längst fälligen Protesten angeschlossen haben, mit durchaus realistischen Forderungen.
    Hier ein paar Links:

    -- Die Universitätsgewerkschaft BV 13 „wissenschaftliches und künstlerisches Personal“ der GEWERKSCHAFT ÖFFENTLICHER DIENST
    http://brwup.univie.ac.at...

    -- Der Betriebsrat des wissenschaftlichen Universitätspersonals an der
    Universität Wien zur Protestbewegung an den österreichischen
    Universitäten: http://brwup.univie.ac.at...

    -- Forderungen von Lehrenden und Student_innen der Akademie der bildenden Künste Wien. http://www.malen-nach-zah...

    -- Forderungen von der „Interessengemeinschaft für eine sinnvolle Novellierung des Universitätsgesetzes 2002“ UG2002-Novelle, Diskussionsarchiv
    http://ug02.wordpress.com...

    • sjo
    • 05.11.2009 um 0:35 Uhr

    http://ug02.wordpress.com...

    • Ausbau der Mitbestimmung aller Universitätsangehörigen im Senat
    statt Unterordnung aller unter einen Universitätsrat
    • Einheitliche UniversitätslehrerInnengruppe („Faculty“)
    statt veralteter Kurien- und Kastensysteme
    • Finanzielle Ausstattung für bessere Studienbedingungen
    statt undemokratischer Zugangsbeschränkungen und -hürden
    • Offene, breite und ernstzunehmende Diskussion der Entwürfe zur UG Novelle
    statt ministerieller Alleingänge und PR-Maßnahmen
    • Sinnvolle Karrieremodelle und Arbeitsbedingungen für junge WissenschafterInnen
    statt Ausverkauf der wissenschaftlichen Arbeit an den Drittmittelzwang

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