Ein Leitsatz der modernen Konsumgesellschaft lautet: Du hast die Wahl! Du hast die Freiheit, dich zwischen unendlich vielen Produkten zu entscheiden! Immer häufiger fällt diese Wahl auf Dinge, die blinken, leuchten, piepsen und auf die eine oder andere elektronische Weise Unterhaltung und sogar Belehrung verheißen. Besonders für Kinder gilt das. Wenn es um uns als Konsumenten geht, ist auffallend selten von der anderen Seite der Freiheit die Rede: von der Freiheit, etwas nicht zu tun, nicht zu kaufen. Von der Freiheit, einen Lebensstil mit weniger Geblinke zu wählen. Mit weniger Bildern. Und mehr Text.

Mehrere Beiträge in dieser Ausgabe der ZEIT sind ein Bekenntnis zu einer Haltung, die das Lesen von Büchern und Geschichten ins Zentrum des Lebens, ins Zentrum einer gelingenden Erziehung rückt. Weil es Welten eröffnet. Weil nur derjenige, der Texte konzentriert lesen und verstehen kann, tatsächlich gerüstet ist für die vernetzte Welt mit ihrer Informationsflut und ihrem Dauerkommunikationsangebot.

Wie sehr die elektronische Geschwindigkeit unseres Lebens das Lesen bereits zurückdrängt, steht im Dossier. Besondere Schwierigkeiten, sich mit Büchern anzufreunden, haben Jungen – und das wirkt sich negativ auf ihre Schulleistungen und ihr akademisches Fortkommen aus. Deshalb brauchen Jungen Väter, die lesen und vorlesen. Moderne Väter wissen das ganz genau – dennoch halten sie lieber ihre Ehefrauen zum Vorlesen an, diesen ironischen Befund ergab eine aktuelle Väter-Studie der ZEIT und der Stiftung Lesen. Darin rechtfertigen die Befragten ihre eigene Vorlese-Unlust unter anderem mit dem Argument, es gebe nicht genug lustige Geschichten und ihre Kinder wollten immer denselben langweiligen Kram hören.

Wir hoffen, zumindest den einen Punkt widerlegen zu können: mit der ersten von zehn witzigen, frechen, ganz und gar nicht langweiligen »Ruhrgebietssagen«, mit der wir unseren Vorlese-Winter beginnen. Diese Geschichte vom Schweinehirten Jörgen, der die Kohle entdeckte, ist auch bestens geeignet für die 8000 ehrenamtlichen Vorleser, die am bundesweiten Vorlesetag (13. November) auf Initiative der ZEIT und der Stiftung Lesen in Schulen, Kindergärten, Schwimmbädern und Fußballstadien für das Lesen werben wollen.

Alle, die den Zauber überzeugender, nichtpiepsender Jugendliteratur erfahren wollen, sollten den unwiderstehlichen Roman der britischen Autorin Meg Rosoff zur Hand nehmen, der in diesem Jahr den Kinder- und Jugendbuchpreis LUCHS erhält: Damals, das Meer handelt von einer sehr stillen, sehr außergewöhnlichen Liebe. Nichts blinkt an diesem Buch. Aber es leuchtet.

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