Das Böse wohnt in Rudolfsheim-Fünfhaus – zumindest wenn man den Schlagzeilen der Boulevardpresse vertraut. Immer wieder fallen Polizeireporter in den 15. Gemeindebezirk von Wien ein. Etwa als im Mai in einem Sikh-Tempel eine wilde Schießerei stattfand oder als die Fahnder in einer Wohnung nicht weniger als 19 Kilogramm Heroin sicherstellten. Vor zwei Jahren bereitete sich im Fünfzehnten ein Kannibalen-Mörder sein grausiges Mahl. Wo Drogen und Menschenfresser sind, darf ein Kriegsverbrecher offenbar nicht fehlen: Serbenführer Radovan Karadžić tauchte auf seiner Flucht in dem Viertel unter – bis sich herausstellte, dass man einem Doppelgänger auf den Leim gegangen war.

Doch es sind nicht nur spektakuläre Kriminalfälle, denen der Bezirk seinen schlechten Ruf verdankt. Seit Jahren schon kämpft Rudolfsheim-Fünfhaus gegen gravierende soziale und wirtschaftliche Probleme an: das geringste durchschnittliche Einkommen der ganzen Stadt, die geringste Lebenserwartung, das niedrigste subjektive Sicherheitsgefühl, dafür aber der höchste Migrantenanteil aller Bezirke. Jeder Dritte wurde nicht in Österreich geboren, beinahe jeder Zweite hat Migrationshintergrund, in vielen Schulen liegt der Anteil der Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache bei über neunzig Prozent. Nirgendwo in Wien ist die Lebenszufriedenheit geringer, wohl auch weil sich entlang einiger Magistralen ein florierender Straßenstrich mitten im Wohngebiet breitgemacht hat. Nein, mit dem liebreizend-eitlen Selbstbild einer wohlhabenden Donaumetropole hat diese Gegend nichts gemein. Vielmehr scheint es, als hätten die roten Stadtväter, geblendet von milliardenschweren Prestigeprojekten, das Schmuddelkind hinter dem Westbahnhof vergessen.

Zu beiden Seiten des weitläufigen Bahnhofsgeländes breitet sich die innerstädtische Problemzone entlang des Mariahilfer Gürtels aus. Im Süden friedet die Westausfahrt, im Norden die Gablenzgasse das dicht verbaute Viertel ein. Nur an der Westgrenze kämpft vor dem Technischen Museum der Auer-von-Welsbach-Park gegen das Grau der Fassaden an. Knapp 71.000 Menschen leben in dem Bezirk, der dank der zentralen Lage und günstiger Verkehrsverbindungen schon früh das Eingangstor aller Neuankömmlinge wurde. Bis zum Ende der Donaumonarchie prägten die Glücksritter aus den Kronländern, später die Textilarbeiter, die in den Fabriken nahe dem Bahnhof in Lohn und Brot standen, das Bild des Viertels. Es entstand ein pulsierender Arbeiterbezirk, der den Bettgehern vor allem im Süden, in den entlang schmaler, verwinkelter Gassen aufragenden Zinskasernen, billige Unterkünfte bot. Diese verkommenen Quartiere waren es auch, die vor über 30 Jahren die ersten Gastarbeiter, dann ihre Familien in den Bezirk lockten. »Seitdem geht’s hier nur bergab.« Mit puterrotem Gesicht steht der Trafikant vor seinem Geschäft in der Äußeren Mariahilfer Straße. »Schaun S’ Ihnen um«, räsoniert er, »die Verwahrlosung, die leeren Auslagen, der Verkehr. Was denken sich die Leut, die da durchfahren?« Und überhaupt: die Kriminalität. »Ich hab eine Pistole, wenn da einer kommt, pickt er an der Wand.« Ob er schon überfallen wurde? »Nein«, winkt der Mittfünfziger ab: »Aber hier muss man aufpassen!« Er deutet auf zwei Türken, die gerade mit eingezogenem Kopf vorbeistapfen.

Leichte Mädchen finden die Freier an jedem Straßeneck – trotz Verbotszone

Zwei Ecken weiter, im Seniorenklub in der Sperrgasse, steigt bei den Damen, die bei Kartenspiel und Jause zusammensitzen, ebenfalls rasch der Blutdruck: Nicht einmal ein Schuhgeschäft gebe es mehr im Grätzl, für alles müsse man »hinüber«, in die Innere Mariahilfer Straße, jene glitzernde Einkaufsmeile, die auf der anderen Seite des Gürtels, im sechsten Bezirk, die Konsumschickeria anzieht. Hier hingegen sei »gar nix mehr«. Nur Telefonshops, Wettcafés und Imbissbuden. »Wir könnten uns vollfressen mit Kebab und Schnitzel«, jammert eine Dame im paillettenbesetzten Pullover. »Wenn’s dunkel wird, kann man auch nicht mehr rausgehen. Wegen den Huren.«

Rudolfsheim-Fünfhaus hat viele Probleme, der Straßenstrich entlang der Felberstraße und der Äußeren Mariahilfer Straße ist sein offensichtlichstes. Ab dem frühen Abend stehen hier die Prostituierten in kleinen Gruppen, viele Osteuropäerinnen, Schwarzafrikanerinnen. Immer wieder zuckeln biedere Familienkarossen im Schritttempo heran. Bis spät in die Nacht herrscht reger Betrieb. Seit Jahren schon machen die Anrainer gegen den Straßenstrich mobil. Bürgerinitiativen, Unterschriftenaktionen, nichts hat gefruchtet. Schließlich ist Prostitution – solange die Sexarbeiterinnen angemeldet sind – legal. Also hat man versucht, das Problem zu verdrängen. Die gesamte Straße wurde inklusive der ersten 15 Meter der Seitengassen zur Verbotszone erklärt. »Eigentlich dürfte dort kein Mädchen zu sehen sein«, sagt Christine Oberleitner, die Sicherheitsreferentin des Bezirks. »Doch am Abend kommen sie die paar Schritte bis zu den Straßenecken vor.« Laufend werde kontrolliert, sagt die Polizistin, mehrmals im Jahr gebe es Schwerpunktaktionen. Doch nach kurzer Atempause sind die verschreckten Freier erneut auf der Piste – und die leichten Mädchen getrauen sich aus den Häusernischen. Dann beginnt der bizarre Kreislauf von vorn.

»Bitte schön, das kann’s ja wirklich nicht sein«, wirft sich Dietbert Kowarik in die Brust. Schon trommelt der FPÖ-Bezirksparteiobmann, Schmiss auf der Wange, korrekt gezogener Scheitel, jene Rezepte herunter, mit denen der 35-jährige Jurist seinen Heimatbezirk wieder auf Vordermann bringen will: die Prostituierten? Weg aus den Wohngebieten, hinaus an den Rand des Welsbach-Parks. Dazu Anzeigen für die Freier. Das Migranten-Problem? »Erst Deutsch, dann Schule.« Die SPÖ? »Hat das Gespür für Grätzlpolitik längst verloren.« Markige Slogans, mit denen die Bezirks-FPÖ das bescheidene Ergebnis bei den vergangenen Gemeinderatswahlen – mit 16 Prozent landete man hinter den Grünen auf Platz drei – beim Wahlgang in einem Jahr vergessen machen will. Kowarik rechnet mit »20 Prozent plus. Die SPÖ wird zwischen uns und den Grünen zerrieben.«

Eine Ansage, bei der SPÖ-Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal nur mühsam ein Schmunzeln unterdrückt. Seit Jahrzehnten regieren die Sozialdemokraten im Fünfzehnten, seit zwei Jahren ist der 49-Jährige, Typ pflichtbewusster Parteisoldat, im Amt. Gewissenhaft macht er sich daran, die Probleme kleinzureden. Das schlechte Abschneiden in den Statistiken erkläre sich daraus, dass Rudolfsheim, im Gegensatz zu anderen Gürtelbezirken, das noblere Hinterland in Richtung Wienerwald fehle. »Dazu kommt, dass in jeder Großstadt das Bahnhofsviertel mit Zuwanderung und Kriminalität zu kämpfen hat.« Hoffnungen knüpft er vor allem an den gerade im Umbau befindlichen Westbahnhof. Shoppingpassagen und lichte Hallen sollen die Tagediebe, die verwahrlosten Gestalten von dem Areal verdrängen. Dass Bagger und Beton den Unmut vieler Bewohner nicht beseitigen werden, räumt Zatlokal ein: »Bei der Integration haben wir zu lange zugesehen, wir wurden nach der Ostöffnung überrollt. Man hat sich nicht miteinander, sondern nebeneinander eingerichtet.« Von den Genossen im Rathaus fühlt sich der Bezirkschef nicht verlassen, den Istzustand kleidet er in diplomatische Worte: »Wir verschaffen uns Gehör, Rudolfsheim war halt immer schon ein schwieriger Bezirk.« Seine Stellvertreterin, die Grüne Jennifer Kickert, wird indes deutlicher. »Der Fünfzehnte wird wie ein Stiefkind behandelt. Jedes Mal, wenn wir beim Rathaus wegen Unterstützung anfragen, heißt es: Die vorhandenen Ressourcen sind ausreichend«, klagt die 42-jährige Biologin. »Dass es nicht bergab geht, liegt vor allem an den vielen sozialen Institutionen im Bezirk.«