Wehrmacht Missbrauchte Verbrechen
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Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung steht immer noch aus

Die Untersuchungsstelle geriet rasch in Vergessenheit. Ihre Angehörigen tauchten ins Zivilleben ab, Goldsche starb 1953. Was von ihrem Archiv den Krieg überstanden hatte, wanderte mit den übrigen Akten der Wehrmacht zunächst in die USA und wurde erst Ende der sechziger Jahre an Deutschland zurückgegeben. Seither haben sich nur drei Autoren intensiv mit diesen Quellen befasst.

In den siebziger Jahren prüften der amerikanische Jurist und Historiker Alfred de Zayas und der niederländische Völkerrechtler Walter Rabus die Authentizität der von Goldsche und seinen Mitarbeitern gesammelten Berichte und konnten diese nach umfangreichen Recherchen bestätigen. Das erhaltene Material ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gefälscht.

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Diesen Umstand jedoch instrumentalisierte de Zayas, um der Militärjustiz, insbesondere aber der Wehrmacht-Rechtsabteilung – die immerhin verbrecherische Befehle wie den Gerichtsbarkeitserlass für das »Unternehmen Barbarossa« ausgearbeitet hatte –, Distanz, fast schon eine Opposition zum Nationalsozialismus und die Wahrung rechtsstaatlicher Prinzipien zu bescheinigen. Kritische Forschungen, wie etwa die des Freiburger Militärhistorikers Manfred Messerschmidt, haben inzwischen die »Insel des Rechts im Unrechtsstaat«, die de Zayas gesichtet zu haben glaubte, wohlbegründet ins Reich der Legenden verwiesen.

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Zwanzig Jahre später blies Franz W. Seidler, Historiker an der Münchner Bundeswehrhochschule, mit einer »Edition« aus dem Material der Untersuchungsstelle unter dem Titel Verbrechen an der Wehrmacht zum Angriff auf die viel diskutierte Wehrmachtausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Seidler folgte dabei bemerkenswert deutlich den Mustern der NS-Propaganda, indem er die schon im Krieg vom Auswärtigen Amt vertretene These der planmäßig völkerrechtswidrigen Kriegführung der Roten Armee aufgriff und durch den Abdruck von Auszügen aus den Fallsammlungen zu belegen versuchte. So dienten die Akten letztlich der Rechtfertigung des Hitlerschen Vernichtungskrieges. Und so treffen wir bei Seidler auch ein weiteres Mal auf die schrecklichen Ereignisse bei Broniki, 1997 nicht anders in Szene gesetzt als 1941.

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den 226 erhaltenen Aktenbänden der Wehrmacht-Untersuchungsstelle und ihrer Arbeit steht immer noch aus. Sie könnte zeigen, wie illusorisch die Einhegung von Gewalt im Krieg bleibt, wozu der Mensch fähig ist – und welchen Missbrauch verbrecherische Regime mit Dokumenten des Schreckens treiben.

Der Autor ist Historiker und lehrt an der RWTH Aachen

 
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