Es war alles andere als ein Kompliment, das der Hamburger Oberbaudirektor Jörn Walter den Stadtplanern der Donaumetropole machte. »Wien hat in den letzten Jahren etwas die Maßstäblichkeit aus den Augen verloren«, urteilte Walter bei den Alpbacher Baukulturgesprächen. Er meinte damit vor allem jene Großprojekte, die seit Mitte der neunziger Jahre das Gesicht der Stadt verändern. Argwöhnisch beäugen die Bewahrer der Wiener Gemütlichkeit diese Beton- und Glaspaläste. Europäische Planungsexperten sehen hingegen in sterilen Hochhausvierteln wie der Donau City oder der Wienerberg City einen Rückfall in eine monotone Nachkriegsmoderne. Wiens Stadtväter preisen dennoch unverdrossen die neuen, meist peripheren »Zentren« (ein Widerspruch in sich) als zukunftsweisende Projekte. Im Schatten dieser prestigeträchtigen Projekte scheint man sich alle Wege, Wien in eine lebenswerte und nachhaltige Stadt zu verwandeln, verbaut zu haben. Dabei würden sich vielfältige Chancen bieten.

Während die meisten europäischen Großstädte nach dem Zweiten Weltkrieg massiv angewachsen sind, zählt Wien heute als weltweit einzige Millionenstadt weniger Einwohner als vor 100 Jahren. Immer noch leben rund zwei Drittel der 1,7 Millionen Wiener in ausgedehnten, einst für 2,1 Millionen Menschen gebauten Vierteln aus der Gründerzeit. Diese Gebiete zeichnen sich durch kurze Wege aus und kommen – trotz des dominanten Autoverkehrs – den Bedürfnissen von Fußgängern entgegen.

Bis heute funktionieren diese Grätzl oft wie Dörfer – und bieten trotz des jahrelangen Gasthaus- und Greißlersterbens eine unvergleichbare Vielfalt. Neben Handwerks- und Gewerbebetrieben fügen sich – zumindest in den besseren Lagen – Läden, Büros und Kanzleien in das Stadtbild ein. In strukturschwächeren Gegenden wurden hingegen viele Geschäftslokale aufgegeben, bieten aber immerhin Platz für Ateliers von Künstlern oder Flächen für Jungunternehmer und Migranten. Erschlossen werden diese Viertel von einem Straßenbahnnetz, das seit der Zwischenkriegszeit zwar um 40 Prozent geschrumpft ist, mit 180 Kilometern aber weiterhin als das viertlängste Netz der Welt gilt. Nicht von ungefähr hat Wiens ökonomische und kulturelle Avantgarde das Leben in den Altbauvierteln wieder für sich entdeckt. Selbst jene Architekten, die sich für einen rasanten Modernisierungsschub in der Hauptstadt starkmachen, wohnen und arbeiten in historischen Quartieren. Was läge näher, als jene bewährten Faktoren, die städtische Vitalität erzeugen, auch bei der Planung von Neubauvierteln zu berücksichtigen?

Dazu bedarf es zunächst einer Aufwertung der Freiräume. Und die beginnt im Kleinen. Nicht nur den Berliner Stadttheoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm verwunderten die schmalen Wiener Trottoirs. Schließlich zeige sich die Wertschätzung einer Stadt gegenüber ihren Bürgern an der Großzügigkeit der Bürgersteige. Zu einer Aufwertung des öffentlichen Raums gehören ebenso attraktivere Radwege, die dazu beitragen, den im internationalen Vergleich dürftigen Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr zu heben. Schließlich bedarf es einer stärkeren Begrünung sowie der Schaffung kleinerer Aufenthalts- und Spielzonen. Das bedingt natürlich ein Zurückdrängen des Automobils – und damit nicht weniger als ein Überwinden des vermutlich größten Tabus in der Wiener Kommunalpolitik.

Keine Angst vor Veränderungen zeigt die Politik im Umgang mit dem knappen Grünraum, wie die Pläne für die Verbauung des parkähnlichen Spitalgeländes auf der Baumgartner Höhe oder die Errichtung eines Konzertsaals für die Wiener Sängerknaben im barocken Augarten offenbaren.

Das grassierende Händlersterben erfordert ein Bündel an Maßnahmen

Auf die Nutzung des wohl größten Grünraumpotenzials im dicht bebauten Gebiet – den privaten Innenhöfen – hat die öffentliche Hand dagegen wenig Einfluss. Doch könnte das Rathaus durch eine Abstimmung seiner rechtlichen und förderungspolitischen Instrumente viel dazu beitragen, triste Winkel in Naherholungsoasen zu verwandeln.