Energie Von Russland lösen
Europa braucht weniger Gas als bisher gedacht – und deshalb auch keine neuen Pipelines, sondern eine gemeinsame Energiepolitik
Bei seinen Auftritten wirkt Fatih Birol unscheinbar, doch seine Worte entfalten oft eine ungeheure Wucht. So auch diese Woche, als der Chefvolkswirt der Internationalen Energieagentur (IEA) den Ausblick für die Energiemärkte vorstellte. Für Millionen Gashaushalte sagt er voraus: Der sinkende Energieverbrauch geht nicht nur einher mit sinkenden Emissionen, sondern führt – wegen des gleichzeitigen Überangebots – zu sinkenden Preisen.
Dieser simple Zusammenhang stellt Europas Energiepolitik auf den Kopf. Bisher verließen sich die Regierungschefs meist auf Schätzungen von Konzernen (wonach der Energiehunger natürlich rasant zunimmt). Nun steigt die weltweite Gasnachfrage zwar auch laut IEA, das aber nur um maximal 1,5 Prozent jährlich und insgesamt bis 2030 langsamer als bisher angenommen. Ferner verändert der Eintritt neuer Anbieter den Markt. In den USA etwa boomt dank neuer Technik die Exploration von Gasfeldern. Weil dort außerdem LNG – verflüssigtes Erdgas – infolge der Rezession weniger nachgefragt und dank weltweiter Transporte per Schiff nicht mehr nur regional gehandelt wird, sind die Auswirkungen bis nach Europa zu spüren. Und drittens zeigen die Experten einmal mehr, dass vor allem die Endverbraucher durch bessere Isolierung von Fenstern, Wänden und Dächern große Einsparmöglichkeiten haben. Jedes zweite Gramm CO₂, das in Zukunft weniger verbraucht wird, ist der besseren Effizienz geschuldet.
Die Konsequenz aus solchen Erkenntnissen: Die Staaten der EU sollten ihre kostspieligen Pipelineprojekte überdenken und eine gemeinsame, kohärente Energiepolitik entwickeln.
Wie fragwürdig viele der aktuellen Pläne sind, zeigt das Beispiel Nord Stream. Ende vergangener Woche sind Schweden und Finnland unter deutschem und russischem Druck eingeknickt: Sie gaben ihren Widerstand gegen das Mammutprojekt auf. Es geht um eine 1200 Kilometer lange Pipeline, die vom russischen Wyborg durch die Ostsee nach Greifswald führt und die Konzerne E.on Ruhrgas, BASF/Wintershall, Gasprom und Gasunie aus den Niederlanden – respektive im nächsten Schritt ihre Gaskunden – mindestens 7,4 Milliarden Euro kosten wird. Das Investitionsvolumen ist schon vor dem Baubeginn, der für das erste Quartal 2010 vorgesehen ist, um die Hälfte gestiegen. Bereits Ende 2011 soll erstmals Gas nach Deutschland strömen.
Umstritten war das Projekt von Anfang an, weil der Weg im Meer über Minen und Kampfstoffe führt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee versenkt wurden. Naturschützer sorgen sich zudem weiter um bisher unberührte Laichgründe von Dorsch, Hering und anderen Ostseefischen. Doch die ökologischen Bedenken wurden mit ökonomischen und geostrategischen Argumenten ausgeräumt: Gas sei ein knappes Gut! Russland brauche eine neue Pipeline jenseits alter Konfliktherde wie der Ukraine, was wiederum Westeuropa mehr Versorgungssicherheit gebe!
Um politischen Rückenwind zu erzeugen, hantierte der künftige Betreiber Gasprom mit beeindruckenden Zahlen: Bis 2025 steige der Importbedarf in Europa um 62 Prozent auf 509 Milliarden Kubikmeter jährlich. Die Energieagentur IEA lässt nun Zweifel an diesen Zahlen aufkommen. Der Preisdruck aus Nordamerika, schreibt sie, könne sogar so groß werden, dass Russland gezwungen werde, die langfristigen Lieferverträge neu zu kalkulieren – bisher orientieren sich die Preise am Öl. Dabei werden natürlich vor allem Preissteigerungen gern an den Endkunden weitergereicht. So viel zur Ökonomie.
Verbraucht Europa weniger Gas, auch weil viele Länder wieder auf die Kernkraft setzen, sinkt die Abhängigkeit von Russland. Zudem wird verflüssigtes Gas zur ernsten Konkurrenz für das russische Gas – mit Marktanteilen bis zu 15 Prozent, schätzt die IEA. Aus aller Welt können Gasanbieter in Europa künftig Gas beziehen. Auch E.on Ruhrgas hält das für eine vielversprechende Option, um »den Gasbezug auf breiter Basis auszubauen und damit die Versorgungssicherheit weiter zu stärken«. So viel zu dieser Frage.
Verhindern lässt sich zumindest Nord Stream wohl nicht mehr. Bleiben noch die Konkurrenzprojekte South Stream und Nabucco in Südeuropa. Würden beide gebaut, wäre das, als baute man eine ICE-Strecke und parallel dazu eine für den Transrapid. Das zeigt, wie wenig schlüssig die EU, ihre Mitgliedsstaaten und ihre Energiekonzerne agieren. Nabucco wird gebaut, um nichtrussische Quellen anzuzapfen. Unterstützt wird das Projekt von der EU-Kommission und vom Energiekonzern RWE. Frankreich wiederum buhlt um eine Beteiligung an der Pipeline South Stream, bei der auch Italiener und Bulgaren mitreden – und die vor allem russisch ist. Offenbar ist sich Europa uneins, ob Russland zu trauen ist oder nicht. Schneller lässt sich Geld nicht verbrennen.
Auch in der Frage nach der grand strategy spricht Europa nicht mit einer Stimme. Polens Premier Donald Tusk ist für die Atomenergie als »billige und ökologische Energiequelle« und lehnt deshalb neue Gaskraftwerke ab, Großbritannien kündigte gerade den Bau von mindestens zehn Kernkraftwerken an. In Paris hingegen setzt der Stromkonzern EDF auf Gas. Und wie wichtig das Thema Energie ist, darüber scheinen Europas Spitzenpolitiker ebenfalls unterschiedlicher Ansicht zu sein. Auf einem von Bulgarien angestoßenen Energiegipfel war Deutschland im Sommer mit einem Abteilungsleiter aus dem Bundeswirtschaftsministerium vertreten. Etwas wichtiger könnte Berlin die Sorgen just der Osteuropäer um Energiesicherheit schon nehmen.
Dann sind da noch viele offene Fragen: Wo soll Gas gelagert werden? Sollen Konzerne die Hoheit über ihre Gasnetze verlieren, wie es die EU-Kommission wiederholt verlangt? Wie lange sollen Speicher einen Versorgungsengpass überbrücken? Die Regierungen sollten den Schwung der Klimaschutzdebatte nutzen und auch ihre Energiepolitik koordinieren. Damit wäre in Sachen Energiesicherheit schon viel gewonnen. Auch ganz ohne South Stream und Nabucco.
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- Datum 11.11.2009 - 09:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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"Bleiben noch die Konkurrenzprojekte South Stream und Nabucco in Südeuropa."
Vor allem die Nabucco-Trasse dürfte Herrn Birol sehr am Herzen liegen, führt sie doch über türkisches Territorium. Die Ostseepipeline würde die Notwendigkeit von Nabucco stark in Frage stellen. Außerdem würde sie den Transitländern wie der Ukraine die Möglichkeit nehmen, über eine Blockade der für Westeuropa bestimmten russischen Gaslieferungen auf Rußland und die europäischen Staaten politischen Druck ausüben zu können.
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