Breitband Wo die Daten kriechen
Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland sind vom schnellen Internet abgeschnitten. Wie sehr das Unternehmen behindert, zeigt sich in der Stadt Paderborn. Jetzt springt der Staat ein
© Jaime Razuri/AFP/Getty Images

In manchen Regionen gibt es kein Breitbandkabel ins Netz. Das hemmt das Geschäft der Firmen
Franz Driller ist kein Mann, der die Dinge über den Daumen peilt. Er misst lieber nach. Auch jetzt justiert der Bauingenieur sein Dreikantlineal auf dem tischgroßen Stadtplan und stellt dann fest: »Nur vier Kilometer von hier bis zum Domplatz.« Dabei wandert sein Finger von der Stelle, die sein Büro markiert, zu jenem Punkt mit dem Kreuz, wo der Dom steht, das Herzstück von Paderborn in Ostwestfalen. Was Driller sagen will: Nur vier Kilometer liegen zwischen ihm und der Welt, zwischen seinem Büro im Stadtteil Benhausen und der Datenautobahn. Es ist nicht so, dass Driller komplett vom Internet abgeschnitten ist, nur ist sein Tor zum Netz ein winziges Schlupfloch, genauer, eine Luke im Himmel. Denn er verschickt und empfängt Daten über eine Richtfunkantenne, die er auf einem Nachbargebäude montieren ließ. Davor hatte er bloß einen ISDN-Anschluss.
Aber auch die Antenne schafft an guten Tagen nur 120 Kilobit pro Sekunde beim Herunterladen, die Hälfte beim Hochladen. Wie langsam das ist, erfährt Driller jedes Mal, wenn er Zeichnungen oder Pläne an Architekten und Bauunternehmer per E-Mail verschicken will, meist in Farbe und dreidimensional, dicke Datenpakete also. Bis das Päckchen am anderen Ende ankommt, vergehen schon mal 30 Minuten, sagt Driller, oder die Verbindung bricht auf halbem Wege ab, etwa wenn ein starker Regen die Übertragung stört. Dann läuft gar nichts mehr in dem Zehnmannbetrieb.
Wie ihm geht es mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland. Sie sind mit Geschwindigkeiten von weniger als einem Megabit je Sekunde mit dem Internet verbunden, jene Grenze, ab der Experten von »leistungsfähigen Breitbandanschlüssen« sprechen. Moderne Internetanschlüsse (VDSL) erreichen Übertragungsraten von bis zu 50 Megabit je Sekunde. Doch bei Driller und vielen anderen ist das Leitungsnetz zu alt, zu dünn, zu schwach. Fasst man diese Leute in Haushalten und Kommunen zusammen und zeichnet sie in die Deutschlandkarte ein, entstehen jene weißen Flecken, über die derzeit so viel geredet wird und die – darüber sind sich alle einig - dringend Anschluss ans schnelle Netz brauchen. Weil sonst ganze Landstriche abgehängt werden in einer Welt, die immer vernetzter wird und digitaler, in der die Datenmengen im Internet anschwellen und unzählige elektronische Nachrichten Tag für Tag um den Globus geschickt werden.
Drei Ortsteile sind abgeschnitten, 8000 Menschen und 100 Betriebe
Für viele Unternehmen sind die weißen Flecken inzwischen das, was Strände für Pottwale sind: Orte, an denen sie nicht überleben können. In der Wirtschaft läuft nichts mehr ohne schnelle Verbindungen – oder jedenfalls nicht mehr viel. Firmen bekommen Aufträge übers Netz, beobachten die Konkurrenz, lagern immer mehr Daten auf fremden Servern aus oder holen Kollegen aus aller Welt zu Videokonferenzen zusammen. Einer Studie des Netzwerkausrüsters Cisco zufolge wird sich der globale Datenverkehr bis 2013 gegenüber 2008 vervierfachen. Und laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) steigt in einem Land die Arbeitsproduktivität innerhalb von fünf Jahren um 1,5 Prozentpunkte an, wenn sich die Übertragungsrate um zehn Prozentpunkte erhöht. Breitbandanschlüsse sind das Nervensystem des 21. Jahrhunderts.
Das gilt nicht nur für die großen weltumspannenden Konzerne. 80 Prozent der Kleinunternehmen benötigen heute schon Anschlussgeschwindigkeiten von mehr als sechs Megabit je Sekunde, die Hälfte erwartet, dass sich ihr Bedarf in den kommenden zwei Jahren verdoppelt. Das hat eine Befragung der Uni Münster im ländlichen Baden-Württemberg ergeben.
Und was macht Franz Driller? E-Mails mit dickem Anhang verschicken seine Mitarbeiter erst nach Feierabend oder gleich von zu Hause aus, falls die Verbindung dort schneller ist. Software, die Driller aus dem Netz laden muss, aktualisiert er nur am Wochenende. Das alles kostet Zeit, Geld und Nerven. »Ein Rumgehampele«, sagt er. Es trifft ihn, obwohl er nicht in einem entlegenen Teil Deutschlands wohnt, in den ländlichen Weiten des Ostens zum Beispiel, in der Eifel oder im bayerischen Hinterland. Es trifft ihn, obwohl Paderborn ein Hightech-Standort ist: Wer am Bahnhof aussteigt, betritt Computerland. Es gibt einen Technologiepark, die Universität bildet jedes Jahr Hunderte neue Informatiker aus, und mehr als 300 IT-Firmen haben sich in der Stadt angesiedelt. Ihr Gravitationszentrum bildete einst der Computerpionier Heinz Nixdorf, der dort Ende der fünfziger Jahre ein gigantisches Imperium aufbaute, das am Ende zwar unterging, aber dessen Ableger das Stadtbild noch heute prägen – der Geldautomatenhersteller Wincor Nixdorf und die Niederlassung von Fujitsu.
Die meisten Paderborner Haushalte sind insofern auch gut vernetzt, sie können wählen zwischen DSL, Kabel, Funk, UMTS, sogar besonders schnelle Glasfaserleitungen liegen bereits in der Erde. Das ist die eine Seite der Stadt. Auf der anderen ist Internet-Ödland. Drei Ortsteile sind quasi abgeschnitten, unverbunden, knapp 8000 Menschen und mehr als 100 Betriebe. Einer davon gehört Reinhold Radtke. Im nördlichsten Zipfel der Stadt hat er einen Büroquader und zwei große Hallen auf die Wiese gesetzt, in denen sich alles stapelt, was Körper und Seele beleben soll: Massagesessel, Nackenpolster, Steppgeräte. Von hier aus gehen die Waren in alle Welt.
- Datum 15.11.2009 - 09:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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Nicht nur Paderborn selbst hat diese Probleme, sondern die ganze Umgebung (Stadtkerne ausgeschlossen) dort. Ich selbst habe bis vor einem halben Jahr von Geburt an in der Nähe gewohnt. Eine schöne ländliche Gegend, viele Dörfer und wohl deswegen auch viel Frust mit dem Internet. Vielerorts kann man dort froh sein überhaupt DSL-light zu bekommen, wofür mein Vater aber dennoch das selbe zahlen musste wie ein normaler DSL Anschluss, zumindest zu Zeiten von 764 (?) kbit irgendwas. Wie es heute ist weis ich nicht.
Ich finde es eine Schande, dass die Regierung den Ausbau finanziert damit die Telekom keine Unkosten hat aber zu üblichen Preisen noch schön an den Kunden verdient die es ihnen voher nicht wert waren.
Interessant wird es dann wenn man mal wieder Geschichten von kleinen Gemeinden hört die DSL haben wollen, das ganze auch mitfinanzieren aber die Telekom nicht mitspielt. Komischerweise rentiert es sich auf einmal doch wenn die Konkurrenz einsteigen will.
Ich halte die Situation der Breitbanderschließung in Deutschland für sehr bedenklich, wie der Artikel schon gut zu Sprache bringt werden damit viele Menschen und Unternehmen eingeschränkt.
Mit einer sinnvollen Aufteilung, beispielsweise die Abdeckung per Funk auf dem dünnbesiedelten Land (xDSL) , die Abdeckung der Städte durch Stadtwerke/Kabelnetzbetreiber und die der Vororte über das Telefonnetz per Telekom (DSL), hätten einen Ausbau grundsätzlich auf drei Stufen verteilt und damit beschleunigt.
In Wien hat eine Firma mittlerweile ein Verfahren entwickelt um den Kupferkern aus den alten Leitungen zu pressen und durch einen Lichtwellenleiter zu ersetzen. Bei dieser Technik muss die Strasse nicht aufgegraben werden und es ist möglich die Glasfaser direkt zum Anschluss zu legen. Das nennt sich FTTH
(Fiber-To-The-Home) und wird, im Gegensatz zu den im Artikel angesprochenen Funklösungen, die einzige Lösung sein die zukünftig benötigten Übertragungsleistungen für Anschlüsse zu garantieren.
In Städten mit guter Breitbanderschließung geht die Entwicklung bei KMU´s derzeit dahin, dass diese ihre Mailserver, Groupwareserver, DocumentsharingSysteme, Webserver, VPN-Server selber betreiben&direkt im Unternehmen stehen haben. Diese Dienste konnte man früher nur bei großen Providern mieten, jetzt braucht man nur noch einen leistungsfähigen Internetanschluss und jemanden der sich damit auskennt (solche Leute finden sich in KMU´s wesentlich häufiger als in Konzernen und Regierungen ;-)
Ich habe das selbe Problem und hoffe, dass es auch bei uns bald möglich sein wird das Internet vernünftig zu nutzen.
Damals, so im die Jahrtausendwende, war ich mit bei den ersten, die nach 1 Jahr Wartezeit DSL bekamen. Und die Leute lachten, wenn ich sagte, dass ich nur dorthin ziehe, wo Breitband vorhanden ist. Wohnungsbesichtigungen setzen einen vorherigen positiven Verfügbarkeitscheck voraus. Damals war das "freakig" - heute erfreue ich mich an 32/2 Mbit... wer zuletzt lacht... ;)
Interessant ist ja auch, dass Telekom und Wettbewerber wie Vodafone und Alice auf ihren Websites durchaus mit hohen Bandbreiten werben – auch für Gebiete, in denen mehr als "DSL light" nicht möglich ist. Selbst nach der so genannten "Verfügbarkeitsprüfung" werden einem in diesen Gebieten Bandbreiten von 10.000 bis 16.000 versprochen.
"Das lohnt sich nur bei vielen Menschen, die für die schnellen Anschlüsse dann auch bezahlen."
Das nennt man Marktwirtschaft.
Wer mehr will, als der Markt vor Ort bietet, soll eben umziehen. Noch nie was von Mobilität gehört?
Die pöhse Pundespost mit all ihren Regulationen wünscht sich doch niiiemand von uns Befreiten zurück...
< /ironie >
Also schön Paderborn hat ein paar Ecken ohne DSL. Paderborn hat 140.000 Einwohner. Ich bin vor kurzem nach Dresden gezogen, die halbe Stadt hat kein schnelles Internet und das bei mehr als 500.000 Einwohner !! Ich surfe zur Zeit mit einem saulangsamen USB Internet Stick. Hab bei der Telekom nachgefragt, wann den mit DSL bei uns zu rechnen sei, zuerst hieß es Dezember dann Februar, vielleicht auch später. Davor habe ich in einem kleinen Dorf direkt an der tschechischen Grenze gewohnt, ca. 100 Einwohner, dort hatte ich DSL 16 000. Also ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung was die Telekom macht. Man hätte Dresden auch locker über ein Netz von W-lan Routern komplett versorgen können. Hätte paar Tausend Euro gekostet, aber lieber die Strassen aufbuddeln und Millionen an Subventionen vom Staat einstreichen, denk ich mir. Naja Deutschland ist mal wieder total hinterher. In Zukunft wird die Elite in Städte ziehen, in dehnen es überall schnelles und kostenloses WLAN gibt, für alle. Wann wird es sowas in Deutschland geben ? In 100 Jahren oder nie. Selbst in Bulgarien konnte ich an jeder Ecke mit meinem Ipod Touch kostenlos ins WIfi Netz, Emails verschicken und Nachrichten lesen, und das mit Geschwindigkeiten von dehnen ich momentan nur träumen kann. Willkommen im Mittelalter, willkommen in Deutschland.
Ja meinen glückwunsch an alle die mehr als DSL-light haben.Ein großes Argument bei der Wohnungssuche demnächst wird die Verfügbarkeit einer schnellen DSL-Leitung sein. Ich bettle schon seit über 5 Jahren bei der Telekom um einen schnelleren DSL-Anschluss und werde immer wieder vertröstet. Bezahlen muss ich den teuren DSL 1000 Tarif, da es keinen "light Tarif" gibt. Selbst als neulich Netzausbauarbeiten in meiner Umgebung statt fanden, wurden wieder 500 Mitmieter übersehen... traurig!
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