Breitband Wo die Daten kriechenSeite 2/2

Kaufen kann man sie aber nur im Internet, auf der Website der Firma oder bei Online-Auktionshäusern wie eBay. Dafür müssen Radtkes Mitarbeiter Tausende Verkaufsprofile ins Netz stellen, die passenden Fotos hochladen – und warten. Und warten. Denn das dauert. Minuten. Am Ende des Tages sind es Stunden. Deshalb hat Radtke seine Leute angewiesen, parallel an einem zweiten Rechner zu arbeiten. Es sei, sagt Radtke, als müsse man mit einem Ferrari ständig in Zone 30 fahren. Wenn er wichtige Dinge mit Vertriebspartnern im Ausland besprechen muss, steigt er ins Flugzeug. Ihm bleibe nichts anderes übrig, sagt er. Eine Videoschaltung übers Internet? Undenkbar bei der Leitung.

Das Problem, sagt Radtke, sei das daumendicke Kupferkabel in der Erde. Es ist zu dünn und der Weg bis zum nächsten Knotenpunkt zu weit. Je größer die Distanz, desto geringer die Signalstärke. Deshalb will Radtke Glasfaser. Die haarfeinen Fasern aus Quarzglas leiten besser und schneller als Funk und Satellit. Aber Glasfaser ist auch die teuerste Technik. Bagger müssen erst die Straße aufreißen, damit man die Kabel verbuddeln kann. Ein Kilometer graben kostet 50.000 Euro, hat die Telekom ausgerechnet. Das lohnt sich nur bei vielen Menschen, die für die schnellen Anschlüsse dann auch bezahlen. An den Rändern Paderborns leben zu wenige.

Rund ein Dutzend Briefe hat Radtke dem Bürgermeister schon geschrieben, er hat angeboten, sich an den Erdbauarbeiten zu beteiligen, und später gedroht, den Standort zu verlassen. Ohne Erfolg.

Dann kam die Krise und mit ihr das Konjunkturpaket. Ein unverhoffter Geldsegen für eine Stadt wie Paderborn. 200.000 Euro stehen nun für die Vernetzung der unversorgten Ortsteile zur Verfügung. Das Geld soll die sogenannte Wirtschaftlichkeitslücke stopfen. Das ist jener Betrag, der einem Anbieter fehlt, um das Netz wirtschaftlich auszubauen, die Differenz zwischen seinen Investitionen und späteren Einnahmen. Sieben Anbieter haben sich um den Zuschlag beworben. Doch bis Radtke schnell surfen kann, wird wohl noch ein Jahr vergehen.

Ausschreibungen wie in Paderborn laufen derzeit in der ganzen Republik. Rund 300 Millionen Euro hat die Bundesregierung in verschiedenen Programmen zur Verfügung gestellt, um die weißen Flecken zwischen Flensburg und Rosenheim zu schließen. Zusätzlich gibt es Mittel der Länder und der EU, um die sich Kommunen bewerben können. Das Geld reichen sie an die Firmen weiter, die das Netz ausbauen. Kein Anbieter und keine Technik dürfen dabei bevorzugt werden, so die Auflagen. Der Staat geht damit in die Offensive und muss es auch, will er sein selbst gestecktes Ziel erreichen, bis Ende 2010 jedes Dorf mit schnellen Internetzugängen auszustatten. Experten bezweifeln, dass es zu schaffen ist. Denn noch gut 900 deutsche Kommunen sind gar nicht oder nur zur Hälfte versorgt.

Die Deutsche Telekom sieht die Wettbewerber in der Schuld. »Es ist doch absurd. Die Telekom hat 50 Prozent Marktanteil beim Breitband, aber wir sollen 100 Prozent der Fläche ausbauen?«, sagte ihr Chef René Obermann im Gespräch. Die Regulierung lasse zu wenig Spielraum für mehr Investitionen, so Obermann. Deshalb hat der Bonner Konzern die Mittel für den Ausbau in diesem Jahr um 100 Millionen Euro auf rund 200 Millionen Euro gekürzt. Anders als bei Telefonanschlüssen hat der Exmonopolist im Breitbandbereich keine Versorgungspflicht.

Es ist, als würde man Hefeteig durch einen Strohhalm pressen

Also sind die Wettbewerber am Zug? Doch die verlegen schnelle Leitungen höchstens in Ballungsräumen. Und auf dem Land haben die mehr als 250 kleineren Unternehmen, die vor allem Funklösungen anbieten, noch ein anderes Problem: Viele Bürgermeister wollen Glasfaser, sie vertrauen Leitungen im Boden mehr als Funkwellen in der Luft.

Dabei setzt die Bundesregierung gerade in die Luft große Hoffnung. Im Frühsommer 2010 werden viele Funkfrequenzen neu vergeben. Ein Teil davon ist die sogenannte Digitale Dividende. Sie entsteht, weil Rundfunkanstalten auf digitale Technik umstellen und zur Ausstrahlung der Programme weniger Frequenzen benötigen. Nun sollen sie vorrangig für die Versorgung abgelegener Gebiete mit schnellem Internet genutzt werden. Denn es ist billiger, ein paar Funkmasten aufzustellen als Straßen aufzureißen. Doch die EU-Kommission hat Zweifel an der Ausgewogenheit der Auktion und bereitet ein Vertragsverletzungsverfahren vor.

Die Frage ist ohnehin: Sollte der Staat derart in den längst liberalisierten Markt eingreifen? Unbedingt, meinen Leute wie Roman Friedrich von der Strategieberatung Booz & Company. Die flächendeckende Versorgung mit Breitbandanschlüssen sei zu wichtig, um sie allein privaten Anbietern zu überlassen. »Schnelles Internet ist Teil der Grundversorgung«, sagt Friedrich. Genau wie der Strom aus der Steckdose oder das Wasser aus dem Hahn.

Bei diesem Vergleich kommt es Ernst-Leopold Klipstein vor, als hole er sein Wasser noch aus dem Brunnen. Im Gewerbegebiet Benhauser Feld, Luftlinie drei Kilometer vom Dom, repariert er Kühler für Baumaschinen, Traktoren, Lastwagen, Busse. Eine Arbeit, könnte man meinen, zu der man nichts braucht außer Metall, ein paar einfachen Maschinen, einem Lötkolben und einer großen Toleranz gegenüber Schmutz. Doch die digitale Welt macht heute selbst vor einer öligen Garage nicht halt. Klipstein muss jeden Reparaturschritt dokumentieren, Fotos und Pläne verschicken - alles elektronisch.

Es ist, als würde man Hefeteig durch einen Strohhalm pressen. Die ewige Warterei. Mitten in Deutschland und doch aus der Welt.

 
Leser-Kommentare
    • illyst
    • 15.11.2009 um 14:14 Uhr

    Nicht nur Paderborn selbst hat diese Probleme, sondern die ganze Umgebung (Stadtkerne ausgeschlossen) dort. Ich selbst habe bis vor einem halben Jahr von Geburt an in der Nähe gewohnt. Eine schöne ländliche Gegend, viele Dörfer und wohl deswegen auch viel Frust mit dem Internet. Vielerorts kann man dort froh sein überhaupt DSL-light zu bekommen, wofür mein Vater aber dennoch das selbe zahlen musste wie ein normaler DSL Anschluss, zumindest zu Zeiten von 764 (?) kbit irgendwas. Wie es heute ist weis ich nicht.

    Ich finde es eine Schande, dass die Regierung den Ausbau finanziert damit die Telekom keine Unkosten hat aber zu üblichen Preisen noch schön an den Kunden verdient die es ihnen voher nicht wert waren.

    Interessant wird es dann wenn man mal wieder Geschichten von kleinen Gemeinden hört die DSL haben wollen, das ganze auch mitfinanzieren aber die Telekom nicht mitspielt. Komischerweise rentiert es sich auf einmal doch wenn die Konkurrenz einsteigen will.

  1. Ich halte die Situation der Breitbanderschließung in Deutschland für sehr bedenklich, wie der Artikel schon gut zu Sprache bringt werden damit viele Menschen und Unternehmen eingeschränkt.
    Mit einer sinnvollen Aufteilung, beispielsweise die Abdeckung per Funk auf dem dünnbesiedelten Land (xDSL) , die Abdeckung der Städte durch Stadtwerke/Kabelnetzbetreiber und die der Vororte über das Telefonnetz per Telekom (DSL), hätten einen Ausbau grundsätzlich auf drei Stufen verteilt und damit beschleunigt.
    In Wien hat eine Firma mittlerweile ein Verfahren entwickelt um den Kupferkern aus den alten Leitungen zu pressen und durch einen Lichtwellenleiter zu ersetzen. Bei dieser Technik muss die Strasse nicht aufgegraben werden und es ist möglich die Glasfaser direkt zum Anschluss zu legen. Das nennt sich FTTH
    (Fiber-To-The-Home) und wird, im Gegensatz zu den im Artikel angesprochenen Funklösungen, die einzige Lösung sein die zukünftig benötigten Übertragungsleistungen für Anschlüsse zu garantieren.
    In Städten mit guter Breitbanderschließung geht die Entwicklung bei KMU´s derzeit dahin, dass diese ihre Mailserver, Groupwareserver, DocumentsharingSysteme, Webserver, VPN-Server selber betreiben&direkt im Unternehmen stehen haben. Diese Dienste konnte man früher nur bei großen Providern mieten, jetzt braucht man nur noch einen leistungsfähigen Internetanschluss und jemanden der sich damit auskennt (solche Leute finden sich in KMU´s wesentlich häufiger als in Konzernen und Regierungen ;-)

    • neptox
    • 16.11.2009 um 8:32 Uhr

    Ich habe das selbe Problem und hoffe, dass es auch bei uns bald möglich sein wird das Internet vernünftig zu nutzen.

  2. Damals, so im die Jahrtausendwende, war ich mit bei den ersten, die nach 1 Jahr Wartezeit DSL bekamen. Und die Leute lachten, wenn ich sagte, dass ich nur dorthin ziehe, wo Breitband vorhanden ist. Wohnungsbesichtigungen setzen einen vorherigen positiven Verfügbarkeitscheck voraus. Damals war das "freakig" - heute erfreue ich mich an 32/2 Mbit... wer zuletzt lacht... ;)

  3. Interessant ist ja auch, dass Telekom und Wettbewerber wie Vodafone und Alice auf ihren Websites durchaus mit hohen Bandbreiten werben – auch für Gebiete, in denen mehr als "DSL light" nicht möglich ist. Selbst nach der so genannten "Verfügbarkeitsprüfung" werden einem in diesen Gebieten Bandbreiten von 10.000 bis 16.000 versprochen.

  4. "Das lohnt sich nur bei vielen Menschen, die für die schnellen Anschlüsse dann auch bezahlen."

    Das nennt man Marktwirtschaft.

    Wer mehr will, als der Markt vor Ort bietet, soll eben umziehen. Noch nie was von Mobilität gehört?

    Die pöhse Pundespost mit all ihren Regulationen wünscht sich doch niiiemand von uns Befreiten zurück...

    < /ironie >

    • gee81
    • 16.11.2009 um 14:05 Uhr

    Also schön Paderborn hat ein paar Ecken ohne DSL. Paderborn hat 140.000 Einwohner. Ich bin vor kurzem nach Dresden gezogen, die halbe Stadt hat kein schnelles Internet und das bei mehr als 500.000 Einwohner !! Ich surfe zur Zeit mit einem saulangsamen USB Internet Stick. Hab bei der Telekom nachgefragt, wann den mit DSL bei uns zu rechnen sei, zuerst hieß es Dezember dann Februar, vielleicht auch später. Davor habe ich in einem kleinen Dorf direkt an der tschechischen Grenze gewohnt, ca. 100 Einwohner, dort hatte ich DSL 16 000. Also ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung was die Telekom macht. Man hätte Dresden auch locker über ein Netz von W-lan Routern komplett versorgen können. Hätte paar Tausend Euro gekostet, aber lieber die Strassen aufbuddeln und Millionen an Subventionen vom Staat einstreichen, denk ich mir. Naja Deutschland ist mal wieder total hinterher. In Zukunft wird die Elite in Städte ziehen, in dehnen es überall schnelles und kostenloses WLAN gibt, für alle. Wann wird es sowas in Deutschland geben ? In 100 Jahren oder nie. Selbst in Bulgarien konnte ich an jeder Ecke mit meinem Ipod Touch kostenlos ins WIfi Netz, Emails verschicken und Nachrichten lesen, und das mit Geschwindigkeiten von dehnen ich momentan nur träumen kann. Willkommen im Mittelalter, willkommen in Deutschland.

  5. Ja meinen glückwunsch an alle die mehr als DSL-light haben.Ein großes Argument bei der Wohnungssuche demnächst wird die Verfügbarkeit einer schnellen DSL-Leitung sein. Ich bettle schon seit über 5 Jahren bei der Telekom um einen schnelleren DSL-Anschluss und werde immer wieder vertröstet. Bezahlen muss ich den teuren DSL 1000 Tarif, da es keinen "light Tarif" gibt. Selbst als neulich Netzausbauarbeiten in meiner Umgebung statt fanden, wurden wieder 500 Mitmieter übersehen... traurig!

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