Sonderschule "Sonderweg in die Sackgasse"
Deutschland gibt viel Geld für Sonderschulen aus, trotzdem bleiben viele Schüler ohne Abschluss. Ein gemeinsamer Unterricht wäre besser, sagt die Bildungsexpertin Anette Stein
Die ZEIT: Frau Stein, die Bertelsmann Stiftung hat eine neue übergreifende Studie zu den Ausgaben des Sonderschulsystems in Deutschland erstellt. Was hat Sie an den Ergebnissen überrascht?
Anette Stein: Wir wissen ja schon recht viel über Förderschulen hierzulande. Was aber immer wieder verblüfft, ist, wie enorm die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind. Das beginnt mit den Ausgaben. Bayern etwa investiert in seine Förderschüler jährlich rund 290 Millionen Euro, das sogar etwas kleinere Baden-Württemberg dagegen fast das Doppelte.
ZEIT: Ist das positiv oder negativ?
Stein: Solche Ungleichheiten sind erst einmal eine Tatsache. Dahinter können Differenzen bei der Lehrerbezahlung oder bei der Ausstattung der Förderschulen stecken. Der naheliegende Grund sind aber die unterschiedlichen Förderquoten. Spitzenreiter ist hier Mecklenburg-Vorpommern, wo jeder zehnte Schüler Förderbedarf hat. In Rheinland-Pfalz dagegen liegt der Anteil der Förderschüler bei 4,4 Prozent.
ZEIT: Das heißt, in dem einen Bundesland leben doppelt so viele Schüler mit einem vermeintlichen Handicap wie in anderen?
Stein: …was eher unwahrscheinlich ist. Ähnliche Unterschiede gibt es bei der Integrationsquote. In Sachsen-Anhalt besuchen nur fünf Prozent der Förderschüler keine Spezialeinrichtung, in Bremen dagegen sind es 45 Prozent. Oder wie erklärt man sich, dass es in Baden-Württemberg viermal so viele Schüler mit einer Sehbehinderung gibt wie in Niedersachsen. Solche Differenzen lassen Fragen zu den eingesetzten diagnostischen Verfahren aufkommen beziehungsweise zu der Definition, was eine Sehbehinderung ist.
ZEIT: Wie viel Geld gibt Deutschland insgesamt für seine Förderschulen aus?
Stein: Professor Klaus Klemm, der die Studie erstellt hat, hat nur die Extrakosten für die Lehrkräfte berechnet. Danach geben die Bundesländer insgesamt 2,6 Milliarden Euro für zusätzliche Pädagogen an den Förderschulen aus. Das ist eine beachtliche Summe. Trotzdem bleiben 77 Prozent der Förderschüler am Ende ohne Hauptschulabschluss, und das gilt nicht nur für den Förderbedarf geistige Entwicklung oder Lernen. Dagegen schneiden Schüler, die auf eine allgemeine Schule gehen, zumindest im Förderschwerpunkt Lernen besser ab. Man muss also feststellen: Wir geben viel Geld für einen Sonderweg aus, der für viele Jugendliche in einer Sackgasse endet.
ZEIT: Was folgern Sie daraus?
Stein: Wenn sich der separierende Unterricht in großen Teilen als unwirksam herausstellt, müssen wir ihn verändern. Dazu hat sich Deutschland mit der im März dieses Jahres in Kraft getretenen Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ohnehin verpflichtet. Deutschland muss wesentlich mehr Förderschülern einen Platz an einer Regelschule ermöglichen. Zurzeit haben diese Möglichkeit nur gut 15 Prozent der Betroffenen, während knapp 85 Prozent in einer Sondereinrichtung zur Schule gehen. Im internationalen Vergleich müsste das Verhältnis umgekehrt sein.
ZEIT: Damit man sich ein Bild machen kann: Was ließe sich mit den 2,6 Milliarden Euro erreichen, wenn sie in diesen Umbau des Schulsystem investiert würden?
Stein: Das ist von Land zu Land unterschiedlich, wie es auch von Förderbedarf zu Förderbedarf Differenzen gibt. Fasst man alle Betroffenen zusammen, stünden pro Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf zusätzlich 2,4 Wochenstunden zur Verfügung. Betrachtet man alle Förderschüler ohne den Schwerpunkt Lernen, sind es pro Kopf 3,06 Lehrerstunden.
ZEIT: Das hört sich wenig an.
Stein: Das ist es aber nicht. Schließlich haben Integrationsschulen im Schnitt vier Förderschüler pro Klasse. Addiert man ihre Stunden, dann stehen ihnen pro Woche zehn bis zwölf zusätzliche Stunden für die Förderschüler zur Verfügung. Hinzu kommt das sonstige Personal, das den Förderlehrern heute zur Seite steht, die sogenannten Schulhelfer oder Schulassistenten.
ZEIT: Sie rechnen also nicht damit, dass das neue System billiger wird?
Stein: Um Himmels willen, nein, das wäre fatal. Im Gegenteil. Am Anfang dürfte es sogar teurer werden, weil in der Übergangsphase zwei Systeme parallel arbeiten müssen. Die bestehenden Schulen müssen barrierefrei ausgebaut werden. Sie benötigen andere Türen, Toiletten oder Gänge. Zudem brauchen sie ganz neue Raumkonzepte, weil individuelle Förderung auch flexible Lernumgebungen erfordert. Langfristig könnte es jedoch durchaus sein, dass man die Umrüstungskosten durch Einsparungen wieder kompensiert, etwa durch Einsparungen beim Transport, da Förderschüler heute mitunter sehr weite Schulwege zurücklegen müssen.
ZEIT: Reicht es denn, dass Förderlehrer auf eine Regelschule wechseln, müssten nicht auch die anderen Lehrer ihren Unterricht umstellen?
Stein: Veränderungen sind auf vielen Ebenen notwendig. Wir alle haben uns ja daran gewöhnt, dass Förderschüler nicht gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen unterrichtet werden. Der Glaube, dass man in möglichst homogenen Lerngruppen am besten lernt, ist hierzulande tief verwurzelt. In vielen anderen Nationen sieht man das jedoch ganz anders. In Italien, Spanien, Skandinavien gibt es so gut wie gar keine Förderschulen in der klassischen Form mehr.
ZEIT: Geistig behinderte oder schwer Mehrfachbehinderte lernen dort in einer Bank mit gesunden Schülern?
Stein: Es gibt eine große Spannbreite von der vollständigen Integration bis zum Einzelunterricht. Aber selbst wenn Förderschüler getrennt unterrichtet werden: Sie treffen sich in den Pausen, lernen unter einem Dach, machen zusammen Projekte und gehen auf eine Schule. Das ist ein Riesenunterschied zur heutigen Situation.
ZEIT: Warum können gerade Sonderpädagogen mit dieser Vision oft so wenig anfangen?
Stein: Weil auch sie im heutigen System sozialisiert wurden und viele glauben, dass Kinder am besten gefördert werden, wenn man sie getrennt unterrichtet. Viele Sonderpädagogen – aber auch Eltern – sind zudem skeptisch, dass sämtliche der frei werdenden Ressourcen im integrativen System tatsächlich ihren Schützlingen zugutekommen. Und sicherlich spielt bei manchem auch die Angst eine Rolle, in der allgemeinen Schule schwerer zurechtzukommen.
ZEIT: Diese Lehrer haben Angst vor der normalen Schule?
Stein: In gewisser Weise ja. Diese Unsicherheit ist ja auch nicht ganz unberechtigt. Hätten wir überall finnische Schulen, dann wäre die Skepsis gegenüber der Inklusion wesentlich geringer. Dennoch haben die vielen Bewerbungen zum Jakob Muth-Preis für inklusive Schulen, den wir kürzlich veranstaltet haben, gezeigt, dass es in vielen Schulen einen Aufbruch gibt. Diese Beispiele zeigen, dass Leistung und Gerechtigkeit im Bildungssystem kein Widerspruch sind.
Die Fragen stellte Martin Spiewak
- Datum 16.11.2009 - 07:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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...Symptom der Lüge Sozialstaat. Wie die Kundenbetreuer ihre Kunden ausnahmen mit Zertifikaten und Schrottanleihen und miesen Versicherungpolicen, versprachen die Volksparteien gross und viel. Sie taten es um ihre Jobs zu sichern und wir bezahlten ihre Jobs. Nun bezahlen wir ihre Pensionen und stellen fest, dass die Politiker und Beamten ihren Vertrag nicht erfüllten. Wo bleiben die Klagen vor Gericht? Ist das nicht wie bei den Bankern auch Betrug und Veruntreuung? Warum gilt es hier nicht als Verbrechen? Die Versprechen waren doch auch zur persönlichen Bereicherung dieser Leute. Sie waren doch die Fachleute, die sagten sie würden machen, obwohl sie wußten oder hätten wissen müssen, dass das alles unmöglich war. Nicht anders als der krimminelle Anlageberater, der das sprichwörtliche alte Omachen Schweinebauchwarenterminzertifikate zur Sicherung ihres Lebensabends verkauft.
Ähm, was hat ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun?
Da alles so eingefahren, festgedrückt und wenig Änderungswille herrscht, sehe ich schwarz für obige Veränderungen.
Zudem wer entscheidet, dass jemand förderungsbedürftig ist? Ich möchte meinen, einige Lehrer wären auch besser dran, wenn man sie mehr fördert.
Ähm, was hat ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun?
Da alles so eingefahren, festgedrückt und wenig Änderungswille herrscht, sehe ich schwarz für obige Veränderungen.
Zudem wer entscheidet, dass jemand förderungsbedürftig ist? Ich möchte meinen, einige Lehrer wären auch besser dran, wenn man sie mehr fördert.
Ähm, was hat ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun?
Da alles so eingefahren, festgedrückt und wenig Änderungswille herrscht, sehe ich schwarz für obige Veränderungen.
Zudem wer entscheidet, dass jemand förderungsbedürftig ist? Ich möchte meinen, einige Lehrer wären auch besser dran, wenn man sie mehr fördert.
Ich fürchte, wenn die Frage nach dem verwendeten Geld die wesentliche Frage ist, dann wird aus der Förderung nichts g`scheites mehr.
M.E. liegen die Probleme auf anderen Ebenen:
- Zuallererst ist doch das Kind in den Mittelpunkt zu stellen, sein Förderbedarf - und die Möglichkeiten wer diese Leistungen für das Kind am Besten erbringen kann.
- Gibt es denn auch genügend Pädagogen, die diese Förderung durchführen können? Nach meiner Erfahrung (die allerdings schon 15 Jahre zurückliegt) ist dies sicherlich nicht der Fall.
- Die Rolle der Eltern spielt hier ebenfalls eine sehr große Rolle. Das fängt an bei der Akzeptanz, dass ich ein Kind habe, das entsprechend gefördert werden muss und geht weiter bei den Eltern der nicht-behinderten Kinder, dass ein behinderter Mitschüler die Chancen des eigenen Kindes nicht beeinträchtigt.
- Die Fragwürdigkeit der Diagnosen sind im Artikel ja schon angesprochen worden - wenn die einzelnen Beeinträchtigungen in den verschiedenen Bundesländern weit auseinanderliegen, dann liegt das wohl weniger an den Kindern als an den Diagnosen.
Viel wäre schon geholfen, wenn nicht das in unserem Schulsystem immanente Kastendenken immer wieder durchbrechen würde so nach dem Motto "Ich bin schließlich Sonderpädagoge, ich weiß besser, was das Kind braucht".
Und natürlich sollte es auch erlaubt sein zu überlegen, welchen Schulabschluss ein Kind mit Handycap überhaupt schaffen kann und seine Förderung auch darauf abstellen.
"Sie treffen sich in den Pausen, lernen unter einem Dach, machen zusammen Projekte und gehen auf eine Schule. Das ist ein Riesenunterschied zur heutigen Situation."
...und da es an der Regelschule ja so etwas wie Stigmatisierungen, physische wie psychische Gewalt nicht gibt, leben alle fröhlich unter einem Dach!!
Den Bertelsmännern geht es darum, dass Humankapital über einen Kamm zu scheren - und zwar kostengünstig.
Und das ist für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung häufig nicht viel. Die UN-Konvention fordert eine Schule für ALLE, nicht für "mehr Förderschüler" wie von Frau Stein ausgelegt...
Außerdem lässt sich Inklusion nicht einfach per Gesetzbeschluss erzeugen. Die Gesellschaft, und in Bezug auf Bildung ganz besonders die Gruppe der Lehrer und Erzieher, muss mit der Thematik vertraut gemacht und von deren Möglichkeiten und Chancen überzeugt werden. Wird diese Vorarbeit ausgelassen und "Inklusion" einfach durch bauliche Umbaumaßnahmen und räumliche Zusammenführung von sogenannten Förderschülern mit Regelschülern übers Knie gebrochen, ist das Ganze zum Scheitern verurteilt und mit Sicherheit keine Inklusion.
Um Integration oder gar Inklusion zu leben, benötigt es die Offenheit und das Vertrauen in jeden Schüler, dass er alles lernen kann, wenn man es ihm richtig vermittelt. Inklusion ist nur auf Basis einer entwicklungslogischen Didaktik möglich, die den gemeinsamen Unterricht von homogenen Lerngruppen durch innere Differenzierung sinnvoll gestaltbar macht. Lernen in dieser Form wäre für alle ein Gewinn, einschließlich der Lehrkräfte.
Aber die Initiierung dieses Prozesses benötigt sehr viel Energie, so dass es in Kombination mit den zahlreichen gesellschaftlichen Vorbehalten immens schwer ist, eine umfassende und gewinnbringende Umsetzung des großen Ziels der "Inklusion" zu realisieren.
Dennoch ist es mehr als lohnenswert diese Energie aufzubringen!
Allerdings nicht erst oder gar ausschließlich für den Bereich der Schule, sondern für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.
Wenn ALLE Kinder bereits im Vorschulalter gemeinsam spielen und lernen und entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen Unterstützung erhalten können sie sich miteinander zu mündigen Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickeln. Dadurch lösen sich so manche Vorurteile bereits vor der Schulzeit in Luft auf, da ALLE vom gemeinsamen Lernen profitieren und zumindest bei den Kindern selbst keine Barrieren in den Köpfen entstehen!
Bei Inklusion im Bildungsbereich geht es nicht um mehr Plätze für Förderschüler an Regelschulen, sondern um eine bessere Bildung für ALLE von Anfang an!
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